Integration Angepflanzt statt ausgegrenzt

Als in das Wohnheim neben dem Kleingartenverein Flüchtlinge einzogen, beschloss der Vorstand, die neuen Nachbarn einzuladen.

(Foto: Joachim Roemer)

Viele Stadtbewohner pachten Schrebergärten, um Gemüse anzupflanzen. In Lüneburg vergibt ein engagierter Verein Parzellen an Flüchtlinge.

Von Ingrid Weidner

Schrebergärten oder Urban Gardening sind seit einigen Jahren in den Metropolen sehr beliebt. In Lüneburg hatten Kleingärtner eine andere Idee, als den modernen Großstadttrends hinterherzulaufen. Sie beschlossen, einen Beitrag zur Integration zu leisten.

Als im Herbst 2013 die ersten syrischen Flüchtlinge in Lüneburg ankamen, bezogen sie eine zum Wohnheim umfunktionierte, leer stehende Kaserne. Die Kleingärtner in der gegenüberliegenden Anlage "Am Pferdeteich"‟ kamen schnell ins Grübeln. "Hilft den Menschen ein Garten weiter?", fragte sich Joachim Roemer, Vorsitzender des Kleingärtner-Bezirksverbands Lüneburg. Gemeinsam mit seinem Vorstandskollegen Andreas Calovius und dessen Frau entwickelte er die Idee, den Asylsuchenden Gärten anzubieten, damit sie dem oft monotonen Alltag einige Stunden entkommen können.

Bereits im Dezember 2013 luden die Kleingärtner ihre neuen Nachbarn zum Kaffee ein. Als Dolmetscherin sprang eine Kleingärtnerin ein, die Arabisch sowie im Nahen Osten gesprochene Dialekte beherrscht. Der Einladung zum Kaffeekränzchen folgten nur Männer. Als Roemer und Calovius ihnen von ihrer Idee erzählten, waren sie zwar begeistert, doch ihre Antwort überraschte die Kleingärtner. "Sie sagten uns, sie müssten erst ihre Frauen holen und sie fragen", erzählt Roemer. Sprachbarrieren und die Ungewissheit über die Zukunft erschweren oft eine Annäherung zwischen Asylsuchenden und den Einwohnern einer Stadt. Das merkten auch die engagierten Kleingärtner. Doch ein Anfang war gemacht. Im Frühjahr meldete sich eine syrische Familie, die seither einen eigenen Schrebergarten bewirtschaftet. "Sie sind inzwischen sehr engagierte Gärtner", sagt Roemer. Pacht und Wassergeld finanzierte der Verein über Spenden. Das Ehepaar und seine Kinder haben inzwischen auch im Alltag Wurzeln geschlagen.

Im "Kulturgarten" kommen Vereinsmitglieder, Studenten und Flüchtlinge zusammen

Doch Andreas Calovius verschweigt nicht die Diskussionen im Verein, die von "Das wollen wir nicht"‟ bis hin zu Stammtischparolen reichten. Es gab durchaus Vorbehalte, doch die Mitglieder des Vorstandsgremiums waren sich einig. Sie wollten den Zuflucht suchenden Menschen offen begegnen und ihnen über einen Garten einen Weg in die Gesellschaft eröffnen, notfalls auch gegen die Ressentiments mancher Mitglieder. "Es gibt Dinge, die versteht nicht jeder. Deshalb ist es besser, darüber hinwegzusehen und es einfach zu machen", sagt Calovius. Und Roemer fügt hinzu: "Wir haben offen mit den Mitgliedern geredet, doch wir haben deren Sorgen und Befürchtungen nicht geteilt."‟ Inzwischen überwanden einige der skeptischen Kleingärtner ihre Vorbehalte gegenüber den Neuen. Im vergangenen Jahr kam in einer der Kleingartenanlagen ein etwa 400 Quadratmeter großer "Kulturgarten"‟ hinzu. Betreut wird das Projekt von Studenten der Leuphana Universität und den örtlichen Gartenvereinen. Dort gärtnern Asylsuchende gemeinsam mit Lüneburgern und Studenten. Auf der Hälfte der Fläche wurden Einzelbeete von etwa fünf Quadratmetern angelegt, um die sich zwei Personen kümmern - idealerweise aus Migranten und Einheimischen zusammengesetzt. "Mit diesen Patenschaften für die Beete sollen Kontakte entstehen, die über die Gartenarbeit hinausgehen", wünscht sich Calovius. Gemeinsam betreuen Freiwillige die andere Gartenhälfte.

An Ideen und Engagement fehlt es den Lüneburgern nicht. Als in diesem Frühjahr eine Container-Siedlung mit ihren kalt und abweisend wirkenden Schlafplätzen aufgebaut wurde, schreckte das die Kleingärtner aus der gegenüber gelegenen Anlage auf. Sie sprachen mit den Sozialarbeitern und suchten Freiwillige und Sachspenden für eine Pflanzaktion, um den Containern den industriellen Charme etwas auszutreiben. Gemeinsam mit den dort lebenden Menschen machten sie sich an die Arbeit. Vorbehalte und Sprachbarrieren waren schnell überwunden. "Lass es uns einfach versuchen und anfangen, haben wir unseren Mitgliedern geraten. Schon bald haben alle zusammengearbeitet", sagt Calovius. Ihre Erfahrungen geben sie gerne an andere weiter. "Man muss Geduld haben und Zeit mitbringen", betont Calovius. "Anfangs haben wir versucht, zu viel auf die Leute einzuwirken. Eine oder zwei Ansprachen reichen."‟ Manche Asylsuchende wollen auch aufgrund ihrer traumatischen Kriegs- oder Fluchterlebnisse die geschützte Atmosphäre des Wohnheims nicht verlassen oder interessieren sich einfach nicht für Gartenarbeit. Zwar wissen die Lüneburger Gärtner, dass ein Stück Land keineswegs die großen Probleme löst, doch einigen eröffnen die Gärten einen Weg zu einem Stück Normalität in der ihnen noch fremden Stadt. Auch in einem weiteren Punkt mussten sie dazulernen. Die Nähe zum Wohnort ist nicht entscheidend, manche freuen sich sogar, wenn sie weitere Wege haben. Im Kulturgarten entsteht gerade eine Laube. Auch dort bewährt sich das erprobte Rezept: Wer gemeinsam arbeitet und sich auch mal die Hände schmutzig macht, hat schon eine universelle Sprache gefunden.

Nach einem Konzept gefragt, winken Roemer und Calovius ab. "Wir haben es einfach ausprobiert. Vieles hat sich ergeben. Wir als Verein lassen unseren Mitgliedern viel Freiraum und reden wenig dazwischen", sagt Roemer, der zwar beruflich mit der Projektarbeit vertraut ist, der pragmatischer Hilfe aber kein theoretisches Konzept überstülpen will. Inzwischen haben die Gartenfreunde Routine, Spendengelder und Sponsoren für ihre Projekte zu gewinnen, und ganz nebenbei finden sie so auch neue Mitglieder, denn anders als in Großstädten gibt es in Lüneburg noch leerstehende Parzellen.