Immer mehr amerikanische Hausbesitzer entledigen sich auf radikale Weise aller Schulden: Sie bestellen den Möbelwagen und geben ihre Schlüssel bei der Bank ab.
Für Hunderttausende amerikanischer Familien ist die Immobilienkrise eine Katastrophe. Sie können ihre überteuerten Hypothekenkredite nicht mehr bedienen, sie verlieren ihr Eigenheim, ihren Kredit, manchmal auch ihre Altersversorgung. Nach der letzten verfügbaren Statistik standen im Januar 3,3 Prozent aller Häuser in den Vereinigten Staaten vor der Zwangsversteigerung.
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Raus aus der Katastrophe: Immer mehr Amerikaner rennen vor ihren Hypothekenschulden weg. (© Foto: dpa)
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Auch Raymond Zulueta gehörte zu diesen bedrängten Hausbesitzern. Der Familienvater aus San Francisco hatte sein Eigenheim zu hundert Prozent mit Krediten finanziert. Weil die Immobilienpreise in den USA seither gesunken sind, übersteigen seine Schulden den Wert seines Hauses inzwischen bei weitem. Anfangs musste Zululeta nur einen niedrigen Zins zahlen, mit dem die Bank ihn gelockt hatte, doch später stieg die monatliche Zinslast auf 2600 Dollar, eine Summe, die er sich nicht leisten konnte.
In seiner Verzweiflung suchte Zulueta Rat bei einem Anwalt und danach handelte er: Er stellte alle Zahlungen ein, ließ einen Lkw kommen, packte seine Möbel ein und zog in eine Mietwohnung, die ihn nur 1300 Dollar im Monat kostet. Den Schlüssel für sein Haus lieferte er bei seiner Bank ab, die jetzt versuchen muss, bei einer Versteigerung so viel wie möglich für das Objekt zu erlösen.
Zulueta ist nicht der einzige Amerikaner, der seine Schuldenprobleme auf diese radikale Weise löst. Millionen Familien haben das gleiche Problem: Wegen der Krise ist der Wert ihres Eigenheims geringer als die Summe, die sie der Bank schulden. Für sie lohnt es sich, Haus und die Schulden einfach der Bank zu überlassen.
Davonlaufen für 995 Dollar
In vielen Bundesstaaten ist dies möglich. "Wenn Sie in Kalifornien ein Haus von 400.000 Dollar und Schulden von 500.000 Dollar haben, können Ihre Probleme einfach bei der Bank abladen, sagt Chad Ruyle, ein 30-jähriger Anwalt aus San Diego in Südkalifornien. "Sie können sogar noch bis zu acht Monate in Ihrem Haus wohnen, ohne etwas zu bezahlen."
Ruyle gründete im Januar eine Firma namens "You Walk Away" ("Du gehst weg"). Obwohl Ruyle erst seit einem Vierteljahr im Geschäft ist, hat er bereits 20 Mitarbeiter und 600 Kunden; einer davon ist Raymond Zuluela.
Ruyles wichtigstes Produkt ist das "Walk Away Kit" zum Preis von 995 Dollar", eine Art Rundum-Sorglos-Paket für überschuldete Hausbesitzer, die einfach weggehen wollen: Beratung durch einen Anwalt und einen Steuerberater, Formbriefe an die Bank, die unter anderem sicherstellen sollen, dass der Schuldner hinterher nicht mehr mit Anrufen behelligt werden kann.
Niemand weiß, wie viele Hausbesitzer tatsächlich auf diese Weise ihr Eigentum verlassen haben. Der Verband der amerikanischen Hypothekenbanken beobachtet jedoch "eindeutig eine wachsende Bereitschaft seitens der Schuldner, von ihren Hypotheken davonzulaufen."
Dabei gibt es erhebliche Unterschiede von Bundesstaat zu Bundesstaat. "In Kalifornien und Arizona sind Schuldner ziemlich gut geschützt, in Ohio ist die Lage schlecht, New York liegt irgendwo in der Mitte," sagt Anwalt Ruyle.
Zweitklassige Darlehen an Schuldner
Die Praktiken seiner Firma sind nicht unumstritten. Manche Verbraucheranwälte werfen "You Walk Away" vor, die Risiken des "Einfach-Weggehens" herunterzuspielen. Vor allem würden die Schuldner ihren Ruf als Kreditnehmer dauerhaft beschädigen.
Während sich deutsche Banken bei ihren Kunden vor allem für das Verhältnis von Vermögen zu Schulden, kommt es im amerikanischen Alltag meist darauf, ob jemand schon einmal Schulden aufgenommen und diese immer pünktlich bedient hat.
Viele Amerikaner sehen sich im Recht, wenn sie ihre Probleme bei der Bank abladen. Oft haben die Institute zweitklassige Darlehen an Schuldner vergeben, die damit von vorneherein überfordert waren. Niedrige Anfangszinssätze ließen die Hypotheken viel billiger erscheinen, als sie tatsächlich waren. Oft wurden Hausbesitzer regelrecht betrogen.
Manche Schuldner ließen sich allerdings auch bewusst auf eine riskante Wette ein: Sie kauften sich auf Pump ein teures Haus, das sie sich eigentlich nicht leisten konnten, und hofften, bei steigenden Immobilienpreisen trotzdem einen Schnitt zu machen. Auch sie können jetzt auf relativ einfache Weise vor den Folgen ihrer Fehlspekulation davon laufen.
Zwangsversteigerungen führen zu Wertminderung
Die volkswirtschaftlichen Folgen des "Walk-Away"-Phänomens sind schwer abzuschätzen. Tendenziell dürfte es die Krise verschärfen. Jeder Hypothekenkredit, der nicht mehr bedient wird, führt irgendwo im globalen Finanzsystem zu einer Wertberichtigung. Zwangsversteigerungen mindern den Wert der Immobilien auch in der Nachbarschaft des Objekts und verstärken so den Preisdruck.
Nach einer Untersuchung, die die Zeitung USA Today in Auftrag gegeben hat, neigen Amerikaner in dieser Krise dazu, bei Zahlungsengpässen zunächst einmal ihre Autokredite und ihre Kreditkartenschulden zu bedienen, weil sie Auto und Plastikgeld zum Leben brauchen. Die Hypothek auf das Eigenheim, ist dann das erste, was der Finanznot zum Opfer fällt.
Manche Kritiker werden Firmen wie "You Walk Away" vor, den gefährlichen Trend zu verstärken. Anwalt Ruyle weist dies zurück: "Das Problem der Zwangsversteigerungen war schon da, wir haben es nicht gemacht. Man kann nicht die Scheidungsanwälte dafür verantwortlich machen, dass es Scheidungen gibt."
(SZ vom 10.04.2008/tob)
Bruce Springsteen in Frankfurt
... es haben nur andere. Ich weiß, ein Uralt-Kalauer, aber immer wieder richtig.
Was die Lage in den USA ja noch verschärft hat: Die Menschen haben sich nicht allein mit zu teuren Häusern übernommen, sondern sie haben mit ihren Immobilien ihr restliches Leben auf Pump finanziert.
Simples Beispiel: Man kauft sich ein Haus für 250.000 Dollar, aber durch die rasant steigenden Immobilienpreise steht ein, zwei Jahre später ein Wert von 400.000 Dollar auf dem Papier (und würde bei einem Verkauf auch erzielt). Also kann man seine Hypothek noch mal erweitern, denn es gibt ja eine Sicherheit. So lassen sich nicht nur das neue Auto oder die aufgelaufenen Kreditkartenrechnungen der letzten zehn Monate auf Pump bezahlen, auch die teuren College-Jahre für die Kinder oder ein teurer Krankenhausaufenthalt sind so finanzierbar.
Da der Immobilienboom schon etliche Jahre lief, machte es auch niemanden etwas aus, noch mal Schulden nachzulegen - das Haus war ja inzwischen 600.000 Dollar wert.
Jetzt nach dem Crash sind wir aber wieder bei einem Wert von 300.000 Dollar(das ist eine willkürliche Zahl), auf jeden Fall aber deutlich niedriger als die aufgelaufenen und nie ausreichend getilgten Schulden. Kommt da noch eine Zinssatzerhöhung hinzu, ist das Spiel ganz schnell zu Ende.
Jetzt sind natürlich die amerikanischen Banken gekniffen, die auf diesen faulen Krediten sitzen. In vielen Fällen tun sie das längst nicht mehr, weil sie Wackelkredite weiterverkauft haben an andere Banken, in Anleihen gebündelt an Fondsgesellschaften oder Investoren, ganz schlicht: an den Rest der Welt, die deutschen Landesbanken vorneweg.
Der deutsche Steuerzahler (unter anderem) zahlt also jetzt dafür, dass es der amerikanischen Konjunktur und damit dem Einzelhandel etc in den letzten Jahren so gut ging.
Zu der US Immobilienkrise und den Verlusten der deutschen Banken (die ja scheinbar durch öffentliche Gelder aufgefangen werden) hätte ich mal eine Frage. Sie mag naiv erscheinen, aber ich kenne mich mit solchen Sachen nicht aus.
Die Milliarden die jetzt weltweit verloren sind, waren das reale Werte oder nur gebuchte Gewinne?
Und wenn das reales Geld war, wo ist es jetzt? Wer hat das Geld?
würde das genau so machen. dummies, die sich kontinuierlich von banken schikanieren lassen, sind selbst schuld an schlaflosen nächten. es geht doch einfacher - auch in deutschland !
nicht nur manche, sondern viele Amerikaner hofften an steigenden Hauspreisen zu verdienen. Das ging bei manchen soweit, daß sie bewußt für sie selbst zu aufwendige Häuser kauften mit der Hoffnung, beim Verkauf soviel zu verdienen, daß es fürs eigene Häuschen reicht. Ich habe das über die letzten 15 Jahre immer wieder mal mit meinen amerikanischen Verwandten diskutiert. bei dem einen oder anderen hat das sogar funktioniert. Bis dann alle glaubten, das gehe ewig so weiter.
Also: Gier auf allen Seiten
Nicht ganz richtig ist außerdem, daß deutsche Banken sich vor allem für das Verhältnis Schulden - Vermögen interessieren. Ein negativer Schufa-Eintrag hat schon so manchen Kredittraum platzen lassen.
Darüber hinaus finanzieren deutsche Banken ebenso hemmungslos mal 100% (und mehr), dann allerdings schauen sie schon auf das sonstige Vermögen. So mancher Wessi, der eine überteuerte Ost-Immobilie gekauft hat, dürfte heute auch mehr Schulden als Eigentum haben. Glücklicherweise ist der prozentuale Anteil dieser Fälle gering.
Und ob aus "You Walk Away" nicht in vielen Fällen "You ´Walk to Jail" wird, wird wohl die amerikanische Justiz noch zu entscheiden haben.
...bezahlen jetzt weltweit auch die anderen , die auf den gekauften und geplatzten Sub-Prime-Finanzpapierchen hängengeblieben sind . Und nicht nur der Huber-Bayer kommt derzeit darüber peinlich in's Schwitzen ...
Paging