Von Nikolaus Piper

Immer mehr amerikanische Hausbesitzer entledigen sich auf radikale Weise aller Schulden: Sie bestellen den Möbelwagen und geben ihre Schlüssel bei der Bank ab.

Für Hunderttausende amerikanischer Familien ist die Immobilienkrise eine Katastrophe. Sie können ihre überteuerten Hypothekenkredite nicht mehr bedienen, sie verlieren ihr Eigenheim, ihren Kredit, manchmal auch ihre Altersversorgung. Nach der letzten verfügbaren Statistik standen im Januar 3,3 Prozent aller Häuser in den Vereinigten Staaten vor der Zwangsversteigerung.

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Raus aus der Katastrophe: Immer mehr Amerikaner rennen vor ihren Hypothekenschulden weg. (© Foto: dpa)

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Auch Raymond Zulueta gehörte zu diesen bedrängten Hausbesitzern. Der Familienvater aus San Francisco hatte sein Eigenheim zu hundert Prozent mit Krediten finanziert. Weil die Immobilienpreise in den USA seither gesunken sind, übersteigen seine Schulden den Wert seines Hauses inzwischen bei weitem. Anfangs musste Zululeta nur einen niedrigen Zins zahlen, mit dem die Bank ihn gelockt hatte, doch später stieg die monatliche Zinslast auf 2600 Dollar, eine Summe, die er sich nicht leisten konnte.

In seiner Verzweiflung suchte Zulueta Rat bei einem Anwalt und danach handelte er: Er stellte alle Zahlungen ein, ließ einen Lkw kommen, packte seine Möbel ein und zog in eine Mietwohnung, die ihn nur 1300 Dollar im Monat kostet. Den Schlüssel für sein Haus lieferte er bei seiner Bank ab, die jetzt versuchen muss, bei einer Versteigerung so viel wie möglich für das Objekt zu erlösen.

Zulueta ist nicht der einzige Amerikaner, der seine Schuldenprobleme auf diese radikale Weise löst. Millionen Familien haben das gleiche Problem: Wegen der Krise ist der Wert ihres Eigenheims geringer als die Summe, die sie der Bank schulden. Für sie lohnt es sich, Haus und die Schulden einfach der Bank zu überlassen.

Davonlaufen für 995 Dollar

In vielen Bundesstaaten ist dies möglich. "Wenn Sie in Kalifornien ein Haus von 400.000 Dollar und Schulden von 500.000 Dollar haben, können Ihre Probleme einfach bei der Bank abladen, sagt Chad Ruyle, ein 30-jähriger Anwalt aus San Diego in Südkalifornien. "Sie können sogar noch bis zu acht Monate in Ihrem Haus wohnen, ohne etwas zu bezahlen."

Ruyle gründete im Januar eine Firma namens "You Walk Away" ("Du gehst weg"). Obwohl Ruyle erst seit einem Vierteljahr im Geschäft ist, hat er bereits 20 Mitarbeiter und 600 Kunden; einer davon ist Raymond Zuluela.

Ruyles wichtigstes Produkt ist das "Walk Away Kit" zum Preis von 995 Dollar", eine Art Rundum-Sorglos-Paket für überschuldete Hausbesitzer, die einfach weggehen wollen: Beratung durch einen Anwalt und einen Steuerberater, Formbriefe an die Bank, die unter anderem sicherstellen sollen, dass der Schuldner hinterher nicht mehr mit Anrufen behelligt werden kann.

Niemand weiß, wie viele Hausbesitzer tatsächlich auf diese Weise ihr Eigentum verlassen haben. Der Verband der amerikanischen Hypothekenbanken beobachtet jedoch "eindeutig eine wachsende Bereitschaft seitens der Schuldner, von ihren Hypotheken davonzulaufen."

Dabei gibt es erhebliche Unterschiede von Bundesstaat zu Bundesstaat. "In Kalifornien und Arizona sind Schuldner ziemlich gut geschützt, in Ohio ist die Lage schlecht, New York liegt irgendwo in der Mitte," sagt Anwalt Ruyle.

Zweitklassige Darlehen an Schuldner

Die Praktiken seiner Firma sind nicht unumstritten. Manche Verbraucheranwälte werfen "You Walk Away" vor, die Risiken des "Einfach-Weggehens" herunterzuspielen. Vor allem würden die Schuldner ihren Ruf als Kreditnehmer dauerhaft beschädigen.

Während sich deutsche Banken bei ihren Kunden vor allem für das Verhältnis von Vermögen zu Schulden, kommt es im amerikanischen Alltag meist darauf, ob jemand schon einmal Schulden aufgenommen und diese immer pünktlich bedient hat.

Viele Amerikaner sehen sich im Recht, wenn sie ihre Probleme bei der Bank abladen. Oft haben die Institute zweitklassige Darlehen an Schuldner vergeben, die damit von vorneherein überfordert waren. Niedrige Anfangszinssätze ließen die Hypotheken viel billiger erscheinen, als sie tatsächlich waren. Oft wurden Hausbesitzer regelrecht betrogen.

Manche Schuldner ließen sich allerdings auch bewusst auf eine riskante Wette ein: Sie kauften sich auf Pump ein teures Haus, das sie sich eigentlich nicht leisten konnten, und hofften, bei steigenden Immobilienpreisen trotzdem einen Schnitt zu machen. Auch sie können jetzt auf relativ einfache Weise vor den Folgen ihrer Fehlspekulation davon laufen.

Zwangsversteigerungen führen zu Wertminderung

Die volkswirtschaftlichen Folgen des "Walk-Away"-Phänomens sind schwer abzuschätzen. Tendenziell dürfte es die Krise verschärfen. Jeder Hypothekenkredit, der nicht mehr bedient wird, führt irgendwo im globalen Finanzsystem zu einer Wertberichtigung. Zwangsversteigerungen mindern den Wert der Immobilien auch in der Nachbarschaft des Objekts und verstärken so den Preisdruck.

Nach einer Untersuchung, die die Zeitung USA Today in Auftrag gegeben hat, neigen Amerikaner in dieser Krise dazu, bei Zahlungsengpässen zunächst einmal ihre Autokredite und ihre Kreditkartenschulden zu bedienen, weil sie Auto und Plastikgeld zum Leben brauchen. Die Hypothek auf das Eigenheim, ist dann das erste, was der Finanznot zum Opfer fällt.

Manche Kritiker werden Firmen wie "You Walk Away" vor, den gefährlichen Trend zu verstärken. Anwalt Ruyle weist dies zurück: "Das Problem der Zwangsversteigerungen war schon da, wir haben es nicht gemacht. Man kann nicht die Scheidungsanwälte dafür verantwortlich machen, dass es Scheidungen gibt."

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(SZ vom 10.04.2008/tob)