Immobilienboom "Absagen, wieder und wieder"

Journalistin, 33 Jahre, München:

Eigentlich wollten mein Mann und ich eine zentrale Stadtwohnung. Das war vor drei Jahren. Ich war gerade schwanger und die Vermieter signalisierten uns sehr deutlich: "Wir wollen kein Kind in unserem schönen Altbau". Also haben wir vor einem Jahr mit der Suche nach einem Haus begonnen. Obwohl wir beide Vollverdiener sind, war es mit einem Preislimit von 450.000 Euro extrem schwierig, etwas Passendes zu finden - in München gibt es eben viele sehr reiche Leute, die keine Grenze nach oben haben. Außerdem wollten wir unbedingt in den Münchner Osten ziehen und in keinen Neubau.

Letztendlich haben wir über das Jahr nur um die fünf Immobilien besichtigt, im August hat es dann geklappt. Einen Tag lang stand das Angebot für die Doppelhaushälfte mit Garten im Internet, 120 andere hatten sich beworben. Die letzten fünf mussten dem Makler ein persönliches Angebot schicken - wir haben nun also 430.000 Euro statt den im Angebot stehenden 420.000 Euro gezahlt. Unser dreijähriger Sohn war diesmal Pluspunkt statt Knock-Out-Kriterium, Familien werden bei Häusern wohl lieber genommen als bei Wohnungen. Ein gewisses Risiko war aber dabei: Schließlich wurden wir bei der Besichtigung mit zwanzig anderen nur einmal kurz durch das Haus geschleust - Zeit für Nachfragen oder Mängelprüfung blieb da nicht. Im Nachhinein würde ich das nicht nochmal machen. Aber in München geht es eben nicht anders: "Take it or leave it", heißt es hier.

Studentin, 30 Jahre, Leipzig:

Seit vielen Jahren wohne ich in Leipzig. Wohnungen gibt es in Hülle und Fülle, die Mieten sind günstig. Gründerzeitbauten für alle. Doch in der Stadt hat sich viel verändert. Nach der Trennung von meinem Freund musste ich für mich und meinen Sohn eine neue Bleibe suchen. Ich hätte nie gedacht, dass das in Leipzig inzwischen so ein Problem sein könnte. Ich arbeite viel und studiere an der Uni in Halle, deshalb muss ich oft zum Hauptbahnhof. Der Kindergarten von meinem Sohn liegt ebenfalls im Zentrum. Die Wohnung durfte also nicht zu weit außerhalb liegen. Vier Monate lang habe ich täglich viele Stunden Immobilienbörsen studiert, jede Woche mindestens zwei Wohnungen besichtigt. Ich wusste, dass ich durch mein geringes Einkommen und mein kleines Kind schlechte Karten auf dem Markt hatte. Ich bekam Absagen, wieder und wieder. Schließlich habe ich über eine Privatanzeige eine Wohnung gefunden, zum Glück ohne Provision. Maklergebühren sind neu in Leipzig. So etwas war noch vor einigen Jahren undenkbar. Die hohen Preise und die Wohnungsknappheit in den begehrten Stadtvierteln auch.

Autorin, 26 Jahre, München:

Ich suche seit drei Monaten eine bezahlbare Wohnung in München - es ist eine Katastrophe. Als ich hierher zog, war ich auf der Suche nach einem hellen Appartement mit separater Küche, zwischen 30 und 40 Quadratmetern, gerne mit Balkon. Ausgeben wollte ich bis zu 650 Euro warm, was mir realistisch erschien. Mittlerweile habe ich meine Ansprüche reduziert: Ich suche eine Wohnung, gerne mit Fenstern und nicht unbedingt hinter dem Flughafen. Fast jeden zweiten Abend verbringe ich mit Wohnungsbesichtigungen und lasse mich von neugierigen Maklern zu meinem Gehalt ("So wenig. Da brauchen wir aber eine Elternbürgschaft."), meinem Liebesleben ("Sind Sie in einer festen Beziehung? Planen Sie in den nächsten zwei Jahren zu heiraten? Wissen Sie, es geht uns um eine langfristige Vermietung.") und meinen Essensvorlieben ("Ich möchte niemandem im Haus haben, der häufig indisch kocht, das riecht immer so.") ausfragen. Nur Blutwerte oder Röntgenbilder wollte bisher noch niemand sehen. Vergangene Woche habe ich mir eine tolle Wohnung angeschaut, eine Stunde hörte ich der Vermieterin, einer alten Dame in Chanel-Jacke zu, die von ihrem Sohn erzählte ("Er ist so ein toller, erfolgreicher Mann, frisch geschieden."). Am Ende gingen wir Arm in Arm zur Tram. Wenn es mit der Wohnung nichts wird, lasse ich mir die Nummer von dem Sohn geben.