Von Thomas Fromm

Die irische Tochter Depfa der Münchner Hypo Real Estate galt als konservativ und solide - bis sie ihre Mutter an den Rand des Zusammenbruchs brachte.

Dass da draußen etwas nicht stimmte, ging den Managern in der Münchner Zentrale der Hypo Real Estate erstmals so richtig nach der Lehman-Pleite vor zwei Wochen auf. Irgendwann, ohne dass es ein normaler Bürger mitbekommen hatte, hörten die Banken auf, sich gegenseitig Geld zu leihen.

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Krisenbank Depfa: Plötzlich saß das Institut auf dem Trockenen. (© Foto: dpa)

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Der sogenannte "Interbankenmarkt", wie er im Fachjargon heißt, verabschiedete sich still und leise, und damit wurde es für die Institute immer schwieriger, sich gegenseitig zu guten Konditionen Geld zu leihen.

Plötzlich saß auch der Staatsfinanzierer Depfa mit seinen Pfandbriefen auf dem Trockenen. Die Bank mit Sitz in Irland, die die Hypo Real Estate erst im Herbst 2007 für fünf Milliarden Euro gekauft hatte, stolperte über sein eigenes Geschäftsgebaren: Er gab langfristige Kredite und versuchte, diese kurzfristig - also günstig - zu refinanzieren.

"Aber da war niemand mehr, der diese kurzfristigen Kredite so einfach gab", heißt es in der Branche. Die Tage vergingen, und die Schere zwischen dem, was man an Krediten vergeben hatte, und dem, was man eigentlich selbst wiederum für kurze Zeit aufnehmen musste, ging immer weiter auseinander. Am Ende fehlte der Bank ein zweistelliger Milliardenbetrag. Ein Loch, für das die Konzernmutter Hypo Real Estate aufkommen musste, aber nicht aufkommen konnte.

Optimismus als Prinzip

Nicht nur die Depfa Bank wurde von den Ereignissen an den Finanzmärkten überrollt. Auch Hypo-Real-Estate-Chef Georg Funke. Als dieser im vergangenen Jahr die Übernahme des Finanzierers ankündigte, galt dies als wichtiger Milliardencoup. Dass wenige Wochen vorher die Düsseldorfer Mittelstandsbank IKB wegkippte, interessierte nur einige Kritiker.

Funke aber lobte das solide Geschäftsmodell der Depfa. Das traditionelle Pfandbriefgeschäft der Bank war so völlig anders als die Schlagzeilen machenden Spekulationen im US-Markt für drittklassige Hypothekenpapiere, und Funke nutzte jede Gelegenheit, darauf hinzuweisen.

Lange Zeit hatte man es wohl selbst geglaubt. Man profitiere von der "ausgeprägten Präferenz für Qualität und Sicherheit", sagte der für das Großkreditgeschäft zuständige Depfa-Manager Bo Heide-Ottosen erst vor wenigen Wochen.

Da hatte die Bank gerade erfolgreich einen öffentlichen Jumbo-Pfandbrief mit fünfjähriger Laufzeit im Wert von zwei Milliarden Euro auf den Markt gebracht. Und auch Funke gab sich zuletzt immer wieder optimistisch: Die Verwerfungen an den Märkten seien, natürlich, schwer zu kalkulieren, und Prognosen schwer zu machen. Aber sein Unternehmen sei bestens aufgestellt, um durch die Krise zu kommen.

Inzwischen ist klar, dass sich Funke geirrt hat. Hat er sich tatsächlich geirrt? Oder hätte er die Entwicklung voraussehen können, oder sogar müssen? Von Heide-Ottosen heißt es, dass sein Verbleib im Konzern fraglich ist und bereits ein Nachfolger bereit steht. Von Funke weiß man, dass er gerne an Bord bleiben möchte, vor allem weil er überzeugt ist, alles richtig gemacht zu haben.

Geld und Vertrauen

Entscheiden wird dies nicht zuletzt der neue Großaktionär. Funke selbst hatte im Februar, nachdem der Aktienkurs in den Keller gegangen war, gemeinsam mit der US-Investmentbank JP Morgan nach einem Rettungsanker Ausschau gehalten.

Er fand ihn in dem amerikanischen Finanzinvestor JC Flowers, der rund ein Viertel der Aktien des Konzerns übernahm. Wer Funke damals begegnete, saß einem fröhlichen, selbstbewussten Manager gegenüber, der offenbar überzeugt davon war, das Schlimmste in Sachen Finanzkrise schon hinter sich zu haben. "Zwischen Flowers und dem Management gibt es eine Menge Vertrauen", sagte er damals. Mochten viele Investoren nicht mehr an ihn glauben - Flowers hielt zu ihm.

Das klang nach einer klaren Aufgabenverteilung: Der eine gibt das Geld, schießt noch ein großes Quantum Vertrauen mit dazu - und der andere sorgt für das Geschäft. Nur, dass das Geschäft irgendwann mit einer 35-Milliarden-Euro-Aktion gerettet werden musste, damit hatten wohl auch die Investoren nicht gerechnet. Vielleicht hätte auch der Investor aufhorchen müssen. Als er 24,9 Prozent der Aktien für ein Barangebot von 22,50 Euro pro Anteilsschein einsammeln wollte, legte fast jeder zweite Anteilseigner seine Papiere auf den Tisch. Nicht wenige sahen darin ein schlechtes Omen. Es sah für viele aus wie eine Massenflucht.

Im Juli schließlich stellte die einflussreiche Rating-Agentur Standard & Poor's (S&P) der Bank ein schlechtes Zeugnis aus und senkt mehrere Bonitätsnoten. Die Refinanzierung wurde damit nicht billiger. Und das Vertrauen nicht größer.

Dass der Konzern für den Beinahe-Zusammenbruch nun die Tochter Depfa verantwortlich macht, ist richtig. Aber es ist auch nur die habe Wahrheit. Am vergangenen Freitag, noch vor dem großen Kursrutsch vom Montag, schloss die Aktie der Bank mit 13,49 Euro. Das waren mehr als 60 Prozent weniger als noch vor einem Jahr. Die Hypo Real Estate ist damit der billigste Konzern im Deutschen Aktienindex. Für eine Bank, die einst antrat, um die frühere Konzernmutter Hypovereinsbank im deutschen Leitindex abzulösen, eine schwache Bilanz.

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(SZ vom 30.09.2008/hgn)