Nasszellen waren vorgestern, Badezimmer gestern: Heute feiert die Sanitärwirtschaft das hüllen- und mauerlose Wohnbad.
Seit einigen Jahren werden die Autobahnraststätten in diesem Land von der deutschen Kaminindustrie regelrecht niederplakatiert. Vor allem in jenen Räumen, die man früher einmal als Nasszellen, Toiletten oder Sanitäranlagen bezeichnet hätte, wird eifrig für den Kaminofen "Pelletstar" oder den Stilkamin "Louis XV." geworben.
So könnte er aussehen, der stilistisch an das Wohnumfeld angeglichene, aber dennoch spezifische Funktionsraum Bad. (© Foto: Vereinigung Deutsche Sanitärwirtschaft)
Anzeige
Das Kalkül, das dieser Aktion zugrunde liegt, könnte man so zusammenfassen: Wer sich, einsam unterwegs von A nach B, seiner Notdurft wegen in die kalte Kachelwelt von Sanifair begibt, der sehnt sich wie niemand sonst nach einem herzerwärmenden Kaminfeuer in heimeliger Wohnzimmeratmosphäre. Der will keine stummen Kacheln, sondern knisternde Holzscheite, der will keinen Seifenspender, sondern ein Sofa, der will keine Papierhandtücher, sondern einen Drink und ein paar Knabbereien. Der sehnsuchtsvolle Mann am Autobahn-Urinal: Das schreit doch förmlich nach den Tröstungen der Kaminbauerzunft. Man kann die Werbestrategen gut verstehen.
Möglich also, dass auf diese Weise ein paar Kamine zusätzlich verkauft werden konnten. Aber es scheint auch andersherum prächtig zu funktionieren. Denn unglaublicherweise scheinen auch die Kacheln, die Seifenspender und die Papierhandtücher enorm zu profitieren. Wie sonst ließe sich erklären, dass derzeit vor allem die Bäder und Armaturen schier unaufhaltsam fremde Terrains erobern. Vom "Badwohnen" respektive vom "Schlaf-Baden" ist die Rede. Das heißt: Die Mauern zwischen Bade- und Wohnzimmer werden zunehmend durchlässiger - wie auch die zwischen Bade- und Schlafzimmer.
Kulturelle Aufwertung des Baderaums
Die Messe der Sanitärbranche, ISH, die sich unter anderem auch als "Weltleitmesse für die Erlebniswelt Bad" begreift (und noch bis zum Wochenende in Frankfurt am Main veranstaltet wird), spricht daher von der "kulturellen Aufwertung" des Baderaums durch den aktuellen Trend des Homings: "Das Ergebnis der Verwandlung der Nasszelle in ein Badezimmer ist der stilistisch an das Wohnumfeld angeglichene, aber dennoch spezifische Funktionsraum Bad. Während ihm einerseits neue Funktionen - etwa Fitnessraum, TV- oder Musikzimmer - zugewiesen und technische Features hinzugefügt werden, sind die Übergänge zum Wohnraum durchlässig geworden." Nicht der Siegeszug des Kamins ist daher zu vermelden, sondern der Triumph der Badewanne. Sie hat auch abseits der konventionellen Badezimmerkultur die unendlichen Weiten der Wohn- und Schlafzimmer erreicht. Es gibt kaum mehr eine moderne Badinszenierung, die ohne Kulisse aus Kamin, Fernsehgerät und Bett auskommen will: Ich bade, also bin ich.
Anstieg der Peinlichkeits- und Schamschwelle
"Schlaf- und Badezimmer", glaubt Elmar Duffner, Präsident des Verbandes der deutschen Möbelindustrie, "verschmelzen miteinander zu einer privaten Wellnesszone." Das Badezimmer rücke daher immer näher an Wohnräume und Schlafzimmer heran. Unsere Wohnungen und Häuser werden sozusagen kontrolliert geflutet - zum Segen einer Industrie, die bratpfannengroße Duschköpfe und Badewannen auf Rollen nur zu gern als Distinktionsmerkmale begreift. Nur muss man dazu die Intimräume öffnen und das zuletzt eher im Verborgenen gepflegte Waschritual zum Schauraum werden lassen.
Womit sich ein Kreis schließt. Denn in der Geschichte des Wohnens begann man als Folge des Anstiegs der "Peinlichkeits- und Schamschwelle" damit, das Waschen und Baden aus der sichtbaren häuslichen Welt in separate Räume zu verbannen. Das "Badezimmer", streng getrennt vom eigentlichen Wohnen, galt in der Nachfolge höfischer Zivilisiertheit als Errungenschaft. Bis ins 19. Jahrhundert hinein war das Baden in solchen Räumen nichts anderes als reiner Luxus. Alles andere war ein Bottich voll Wasser mitten in der Stube. Jetzt ist er also wieder da, der Bottich. Nur heißt er nicht mehr Bottich, sondern "Wellness New Wave".
- Die Tapete ist zurück Neues Outfit für Wände 28.01.2009
- Bildstrecke Tür und Tor 10.04.2008
- Neue Parkettmuster Trend zur klaren Linie 30.09.2008
(SZ vom 11.3.2009/jw)
Schuldenkrise in Griechenland
" Nicht der Siegeszug des Kamins ist daher zu vermelden, sondern der Triumph der Badewanne. Sie hat auch abseits der konventionellen Badezimmerkultur die unendlichen Weiten der Wohn- und Schlafzimmer erreicht. "
Unendlicher Riesenschmarrn!
ist so.
ein passivhaus?
alternative energien?
hochwertige Dämmungen?
was kostet das?
ach nee lieber nicht, lieber konventionell, weil billiger!
aber dafür versacefliesen oder die wanne von starck. und die glastür zum bad als zeichen der ungeheuren lifestyle-zugehörigkeit!
die musikalische beschallung von der im wohnzimmer stehenden musikanlage (dolby surround, natürlich) im bad übrigens scheint mittlerweile standard zu sein.....
Es gibt kaum mehr eine moderne Badinszenierung, die ohne Kulisse aus Kamin, Fernsehgerät und Bett auskommen will: Ich bade, also bin ich.
---------------
Unfug. Belege hierfür?
Es gibt Bereiche im Bad, die nach wie vor gern verschlossen werden. Als der Bottich noch in der Küche stand, ging man ja zusätzlich noch hinters Haus.
Bäder werden immer größer. Wer aber Schlafzimmer und Bad vereinigen will, der hat (wieder mal) nicht an die Lebenswirklichkeit gedacht - kann ja sein, daß nicht alle gleichzeitig aufstehen wollen / müssen (z.B. Arzt nach Schicht) oder mal jemand Grippe hat. Oder: die Weisheit von Hr. Matzig gilt nur für 1000qm Villen mit 50qm Badbereich pro (!) Schlafzimmer, was in den meisten mitteleuropäischen Bauaufgaben nicht wirklich machbar ist. Gerade Herr Matzig ist ja einer, der gern auf die Vorstädte schimpft.
Ohne Seitenhieb auf Kaminöfen geht es bei Herrn Matzig sowieso nicht.
Vielleicht hat er ja eine Freifahrt mit Essen zur ISH bekommen - leider umsonst, da der Artikel keine wirklich aktuellen Trends schildert - wie jeder alte Badprospekt gut beweisen kann...