Von Gerhard Matzig

Nasszellen waren vorgestern, Badezimmer gestern: Heute feiert die Sanitärwirtschaft das hüllen- und mauerlose Wohnbad.

Seit einigen Jahren werden die Autobahnraststätten in diesem Land von der deutschen Kaminindustrie regelrecht niederplakatiert. Vor allem in jenen Räumen, die man früher einmal als Nasszellen, Toiletten oder Sanitäranlagen bezeichnet hätte, wird eifrig für den Kaminofen "Pelletstar" oder den Stilkamin "Louis XV." geworben.

Homing; Vereinigung Deutsche Sanitärwirtschaft

So könnte er aussehen, der stilistisch an das Wohnumfeld angeglichene, aber dennoch spezifische Funktionsraum Bad. (© Foto: Vereinigung Deutsche Sanitärwirtschaft)

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Das Kalkül, das dieser Aktion zugrunde liegt, könnte man so zusammenfassen: Wer sich, einsam unterwegs von A nach B, seiner Notdurft wegen in die kalte Kachelwelt von Sanifair begibt, der sehnt sich wie niemand sonst nach einem herzerwärmenden Kaminfeuer in heimeliger Wohnzimmeratmosphäre. Der will keine stummen Kacheln, sondern knisternde Holzscheite, der will keinen Seifenspender, sondern ein Sofa, der will keine Papierhandtücher, sondern einen Drink und ein paar Knabbereien. Der sehnsuchtsvolle Mann am Autobahn-Urinal: Das schreit doch förmlich nach den Tröstungen der Kaminbauerzunft. Man kann die Werbestrategen gut verstehen.

Möglich also, dass auf diese Weise ein paar Kamine zusätzlich verkauft werden konnten. Aber es scheint auch andersherum prächtig zu funktionieren. Denn unglaublicherweise scheinen auch die Kacheln, die Seifenspender und die Papierhandtücher enorm zu profitieren. Wie sonst ließe sich erklären, dass derzeit vor allem die Bäder und Armaturen schier unaufhaltsam fremde Terrains erobern. Vom "Badwohnen" respektive vom "Schlaf-Baden" ist die Rede. Das heißt: Die Mauern zwischen Bade- und Wohnzimmer werden zunehmend durchlässiger - wie auch die zwischen Bade- und Schlafzimmer.

Kulturelle Aufwertung des Baderaums

Die Messe der Sanitärbranche, ISH, die sich unter anderem auch als "Weltleitmesse für die Erlebniswelt Bad" begreift (und noch bis zum Wochenende in Frankfurt am Main veranstaltet wird), spricht daher von der "kulturellen Aufwertung" des Baderaums durch den aktuellen Trend des Homings: "Das Ergebnis der Verwandlung der Nasszelle in ein Badezimmer ist der stilistisch an das Wohnumfeld angeglichene, aber dennoch spezifische Funktionsraum Bad. Während ihm einerseits neue Funktionen - etwa Fitnessraum, TV- oder Musikzimmer - zugewiesen und technische Features hinzugefügt werden, sind die Übergänge zum Wohnraum durchlässig geworden." Nicht der Siegeszug des Kamins ist daher zu vermelden, sondern der Triumph der Badewanne. Sie hat auch abseits der konventionellen Badezimmerkultur die unendlichen Weiten der Wohn- und Schlafzimmer erreicht. Es gibt kaum mehr eine moderne Badinszenierung, die ohne Kulisse aus Kamin, Fernsehgerät und Bett auskommen will: Ich bade, also bin ich.

Anstieg der Peinlichkeits- und Schamschwelle

"Schlaf- und Badezimmer", glaubt Elmar Duffner, Präsident des Verbandes der deutschen Möbelindustrie, "verschmelzen miteinander zu einer privaten Wellnesszone." Das Badezimmer rücke daher immer näher an Wohnräume und Schlafzimmer heran. Unsere Wohnungen und Häuser werden sozusagen kontrolliert geflutet - zum Segen einer Industrie, die bratpfannengroße Duschköpfe und Badewannen auf Rollen nur zu gern als Distinktionsmerkmale begreift. Nur muss man dazu die Intimräume öffnen und das zuletzt eher im Verborgenen gepflegte Waschritual zum Schauraum werden lassen.

Womit sich ein Kreis schließt. Denn in der Geschichte des Wohnens begann man als Folge des Anstiegs der "Peinlichkeits- und Schamschwelle" damit, das Waschen und Baden aus der sichtbaren häuslichen Welt in separate Räume zu verbannen. Das "Badezimmer", streng getrennt vom eigentlichen Wohnen, galt in der Nachfolge höfischer Zivilisiertheit als Errungenschaft. Bis ins 19. Jahrhundert hinein war das Baden in solchen Räumen nichts anderes als reiner Luxus. Alles andere war ein Bottich voll Wasser mitten in der Stube. Jetzt ist er also wieder da, der Bottich. Nur heißt er nicht mehr Bottich, sondern "Wellness New Wave".

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(SZ vom 11.3.2009/jw)