Holz als Baustoff Innovativ, kreativ und gut fürs Klima

Das Baumaterial Holz ist jahrzehntelang vernachlässigt worden. Doch das hat sich geändert, inzwischen entstehen damit selbst Industriegebäude und Hochhäuser.

Von Johanna Pfund

Ja, was soll es denn werden? Ein kanadisches Blockhaus oder eine ökologisch korrekte, aber zugige Bretterhütte? Das ein oder andere Vorurteil solcher Art hält sich hartnäckig, wenn es um Gebäude aus Holz geht. Dabei ist Holzbau in den vergangenen Jahren weit über Hüttenniveau hinausgewachsen. In Vancouver entsteht derzeit mit 18 Stockwerken das höchste Holzgebäude der Welt, in Wien baut man an einem Holzhybridgebäude mit gar 23 Stockwerken. Eine interessante Sache, aber eine Sonderentwicklung, wie Hermann Kaufmann, Architekt sowie Professor an der Technischen Universität München, sagt: "Der Holzbau wird seinen Siegeszug unter der Hochhausgrenze haben. Hier kann er viele Aufgaben lösen, sei es nun im öffentlichen Bau, bei Wohnanlagen oder in Bürogebäuden."

Holz ist als Baumaterial jahrzehntelang vernachlässigt worden. Beton und Stahl spielten neben Ziegel bis in die 1980er-Jahre hinein die tragende Rolle im Bau. Holz wurde vorwiegend für Dachstühle und Fertighäuser verwendet und oft zum minderwertigen Baustoff abgestempelt, erzählt Arnim Seidel, Geschäftsführer des Informationsdiensts Holz, einer in Düsseldorf ansässigen zentralen Informationsstelle für die Verwendung von Holz im Bauwesen. Erst mit dem Aufkommen der ökologischen Bewegung wurde Holzbau interessanter. So hat sich in den vergangenen 30 Jahren nicht nur der Verarbeitungsgrad erhöht, es hat sich auch die Architektur weit vom Blockhaus wegentwickelt.

Ein Vorreiter ist das österreichische Bundesland Vorarlberg. Es hat mit klar strukturierten Wohnhäusern, Industriebauten oder öffentlichen Gebäuden gezeigt, was moderner Holzbau kann. Gebäude wie das LCT One in Dornbirn, ein fünfgeschossiges Bürogebäude - mit Beton im Kern und Holzverbunddecke haben nichts mehr mit einer Hütte gemeinsam.

"An Rhein und Ruhr ist der Holzbau unterrepräsentiert."

Dennoch bewegen sich die Zahlen nach einer Statistik von Holzbau Deutschland - dem Bund deutscher Zimmermeister in Berlin - immer noch auf relativ niedrigem Niveau. Etwa 15 Prozent der genehmigten Wohn- und Nichtwohnbaugebäude wurden 2013 in Holzbauweise errichtet, 1989 noch waren es zwölf Prozent. Ein leichter Anstieg also, aber kein großer. Eine etwas bedeutendere Rolle spielen dieser Statistik zufolge sogenannte Nichtwohngebäude, mit einer Quote zwischen knapp 20 Prozent (2009) und rund 18 Prozent (2013).

Was aber nicht bedeutet, dass der Holzbau zumindest in Deutschland flächendeckend die gleiche Rolle spielt. Im Norden findet man kaum Holzhäuser, im Süden, vor allem Baden-Württemberg und Bayern, dagegen viele. Seidel vom Informationsdienst Holz sieht durchaus Entwicklungsmöglichkeiten im Norden: "An Rhein und Ruhr ist der Holzbau unterrepräsentiert, doch es wäre gerade in Zentren wie Düsseldorf, Köln oder Dortmund ein großes Potenzial vorhanden."

Ganz traditionell wirkt die Hasenhütte des FC Ingolstadt 04 auf dem Parkplatz des Audi-Sportparks.

(Foto: Jakob Berr)

Dass der Holzbau generell wesentlich mehr Potenzial hat, davon ist Hermann Kaufmann überzeugt. Das Stagnieren der Holzbauquote bei 15 Prozent bedeutet nach Ansicht des Professors keineswegs, dass damit die Möglichkeiten ausgeschöpft sind, allein schon deshalb, weil Quoten selten das ganze Bild widerspiegeln. "Unsere Vision wäre es, über handwerkliche und industrielle Vorfertigung mehr Holzgebäude zu produzieren", sagt Kaufmann. Das bedeute nicht die Rückkehr zum einstigen Billig-Schreckgespenst Fertighaus mit hellhörigen Wänden und liebloser Architektur. Im Gegenteil: Vorfertigung und Qualität lassen sich durchaus vereinbaren - das haben so manche Fertighaushersteller in den vergangenen Jahren eindrucksvoll bewiesen.

Auch an Material mangelt es nicht. "Mit einem Drittel der jährlichen Holzernte Deutschlands könnte man theoretisch alle Neubauten eines Jahres errichten", sagt Kaufmann. Theoretisch, wie gesagt. Denn das Holz, das in Deutschland verbaut wird, stammt nicht zwangsläufig aus der Bundesrepublik. Je nach Anbieter wird der Rohstoff importiert, eine Konsequenz der freien Marktwirtschaft. Verwendet werden für den Bau in der Regel Nadelhölzer wie Fichte, Tanne, Kiefer oder Lärche - doch deren Provenienz ist nicht immer bekannt. Es kann sich um sibirische Lärche ebenso handeln wie um Polarkiefer aus Norwegen oder Schweden - oder auch Material aus dem Schwarzwald. "Viel Holz aber kommt aus Skandinavien oder aus Osteuropa, das ist Realität", sagt Seidel. Dort werde schlicht und einfach eine andere Holzwirtschaft betrieben - teils mit radikalem Kahlschlag.

Noch eine Spur traditioneller zeigt sich das Blockhaus in Wackersberg (Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen).

(Foto: Manfred Neubauer)

Im Prinzip entstehe mit Holzgebäuden ein zweiter Wald in Dörfern und Städten

Die Nachhaltigkeit hat hier, wie so oft, ihren Preis. "Wer auf heimischem Holz besteht, muss unter Umständen mehr bezahlen", sagt Kaufmann. Aus Sicht der Umwelt sei das jedoch sehr sinnvoll. Bei manchen öffentlichen Gebäuden komme es sogar vor, dass die auftraggebende Kommune Holz aus den eigenen Wäldern verwenden lässt. Aus der Region für die Region - somit wäre Holzbau in puncto Nachhaltigkeit unschlagbar.

In Sachen Klimaschutz wäre Holz ohnehin ein sinnvoller Baustoff. Denn bekanntermaßen lagert Holz CO₂ ein. Wird es nicht verbrannt, ist das Kohlendioxid gebunden im Material. Somit entstehet im Prinzip mit Holzgebäuden ein zweiter Wald in Dörfern und Städten, argumentiert Professor Kaufmann. Ganz davon abgesehen, dass naturbelassenes Holz im Inneren der Gebäude ein angenehmes Wohn- und Büroklima schafft.

Im Bau zeigt Holz einen weiteren, durchaus zeitgemäßen Vorteil: Schnelligkeit. Die einzelnen Bauteile, ganze Wände oder Module lassen sich in Hallen zusammenfügen, teils in industrieller Fertigung. Damit wird beim Bau selbst Zeit gespart, lange Trocknungszeiten, die im Ziegel- oder Betonbau nötig sind, entfallen. "Man kann sogar ganze Raumzellen vorfertigen, mit denen beispielsweise Hotels oder Wohngebäude errichtet werden können", erläutert Kaufmann.

Zudem ist das Material leicht, ganz im Gegensatz zur steinernen Konkurrenz. Das spart beim Transport wiederum CO₂. Die Kehrseite der Leichtigkeit: fehlende Masse und damit verminderter Schallschutz. "Hier muss sorgfältig konstruiert werden", so Kaufmann. Beispielsweise in Decken müsse zusätzlich Masse verbaut werden, etwa mit Kiesschüttungen.

Auch der Brandschutz ist ein heikles Thema. Zu Unrecht, wie Experten meinen. "Bis die konstruktiven Teile eines Holzhauses lichterloh brennen, vergeht viel Zeit", betont Seidel. Holz brenne berechenbar, um massive Balken entwickle sich eine Kohleschicht, während der Kern unbeschädigt bleibe. Die Konstruktion halte also lange stand. Im Grunde sei das Brandverhalten von Holz sogar wesentlich besser als das anderer Baustoffe, erklärt auch Kaufmann. Der Nachteil: Während in einer Stein- oder Betonkonstruktion alles Brennbare irgendwann verbraucht ist, bleibt im Holzhaus immer noch Material übrig. "Es ist aber möglich, durch Brandschutzkonzepte und Ersatzmaßnahmen einen adäquaten Sicherheitsstandard zu gewährleisten", erklärt Kaufmann. Momentan aber hinke die Gesetzgebung in Sachen Brandschutz noch der Realität hinterher, auch Versicherungen tun sich schwer damit, Prämien für Holzhäuser zu berechnen. "Jahrzehntelang bestand ja keine Notwendigkeit, die Gesetze anzupassen, da kaum mit Holz gebaut wurde." Und so stelle der Brandschutz gerade beim Bau von Hochhäusern aus Holz nach wie vor eines der größten Hindernisse dar.

"Der größte Feind des Holzes ist nicht das Feuer, sondern das Wasser."

Dabei ist nicht Feuer, sondern Feuchtigkeit die große Herausforderung. "Der größte Feind des Holzes ist nicht das Feuer, sondern das Wasser", sagt Kaufmann. Eine ordentliche, handwerklich sauber ausgeführte Konstruktion sei daher maßgebend, und dafür seien Menschen mit Expertise gefragt. "Wenn der Holzbau wachsen soll, müssen das auch die Berufe, die dazu gehören." Immerhin habe die TU München in dieser Hinsicht einen Vorreiterstatus, bilde Architekten und Ingenieure entsprechend aus. Aber auch die Ausbildungsberufe - zum Zimmerer etwa - müssten gefördert werden. Denn zum Holzbau gibt es nach Ansicht des Architekten keine Alternative. "Das Thema nachwachsende Rohstoffe kommt."