Von Martin Hesse und Andreas Oldag

Die britische Regierung verhandelt über die Rettung der Royal Bank of Scotland. Die Deutsche Bank weist unterdessen Gerüchte über eine Kapitalerhöhung zurück.

Die britische Regierung arbeitet fieberhaft an einem Rettungspaket für die Großbanken des Landes. Finanzminister Alistair Darling ist offenbar vor allem besorgt um die Royal Bank of Scotland (RBS), eines der größten Kreditinstitute Europas.

Anzeige

Der Aktienkurs der RBS brach am Dienstag um fast 40 Prozent ein. Auslöser für den Kursrutsch der RBS war eine Mitteilung der Ratingagentur Standard & Poor's (S&P). S&P hatte die Kreditwürdigkeit der Bank herabgestuft und gewarnt, die finanzielle Situation der Bank könne sich weiter verschlechtern. Der Kurs fiel daraufhin auf weniger als ein Pfund auf den niedrigsten Stand seit 13 Jahren.

In Frankfurter und Londoner Finanzkreisen heißt es, RBS könne wegen der angespannten Situation am Interbankenmarkt Probleme bekommen, sich zu refinanzieren. Daher führe die Bank Gespräche über eine staatliche Hilfe. Die Agentur Bloomberg berichtet, es habe am Montag ein Treffen zwischen Darling, Notenbankchef Mervin King sowie den Chefs von RBS und Barclays gegeben. Die EU-Finanzminister hatten am Dienstag erklärt, die EU wolle alle "systemrelevanten Banken" unterstützen, ohne genauer zu spezifizieren, was das ist.

ABN Amro macht zu schaffen

RBS lehnte einen Kommentar zu einem Treffen mit dem Schatzkanzler ab. Barclays dementierte Berichte über ein Hilfegesuch an das britische Finanzministerium. "Wir haben kein Kapital von der britischen Regierung gefordert", sagte ein Sprecher. RBS gilt im Vergleich zu den Konkurrenten Barclays, HSBC sowie dem neuen Bankenduo Lloyds TSB/HBOS als schwächstes Glied in der Kette.

Neben der Finanzmarktkrise macht RBS die 71 Milliarden Euro teure Übernahme der niederländischen Bank ABN Amro zu schaffen. Die belgische Bank Fortis, die ABN gemeinsam mit RBS und der spanischen Santander übernommen hatte, war vergangene Woche zunächst teilweise verstaatlicht und dann in großen Teilen von der französischen BNP Paribas übernommen worden.

RBS gehört zu den größten Kreditgebern für Firmenübernahmen. Bis zum Ausbruch der Kreditkrise reichten die Banken solche Darlehen an Investoren weiter. Jetzt sitzen sie jedoch auf hohen Krediten, die sie zum Teil abschreiben müssen, weil sie am Markt weniger wert sind. Noch im Juli hatte RBS federführend die Übernahme des Autozulieferers Continental durch die Schaeffler-Gruppe finanziert. In Bankenkreisen heißt es jedoch, RBS habe Ende September sehr gezögert, neue Kredite für den Kaufhauskonzern Arcandor zur Verfügung zu stellen. Seitdem mehren sich Spekulationen um die Zukunft der Bank.

Finanzanalysten schätzen den neuen Kapitalbedarf aller britischen Banken auf etwa 50 Milliarden Pfund (64,62 Milliarden Euro). Wie es in London heißt, könnte die britische Regierung einen erheblichen Teil der Summe garantieren. Offenbar herrscht jedoch Uneinigkeit über die Modalitäten einer staatlichen Beteiligung an den Banken.

Enorme Finanzierungslücke

Dies hat bislang eine schnelle Einigung zwischen Premierminister Gordon Brown, dem neuen Wirtschaftsminister Peter Mandelson und Schatzkanzler Darling verhindert.Citigroup-Analysten sprechen von einer Finanzierungslücke bei RBS in Höhe von 160 Milliarden Pfund. RBS bestreitet alle Liquiditätsprobleme.

Ihr Kurssturz riss am Dienstag auch andere Großbanken mit. Die Deutsche Bank wurde zudem von Gerüchten belastet, sie arbeite an einer Kapitalerhöhung. Der Konzern dementierte dies umgehend und verwies darauf, die Bank habe Ende des Quartals eine Kernkapitalquote von etwa zehn Prozent. Das ist mehr als die eigene Zielspanne von acht bis neun Prozent.

Dennoch verlor die Aktie zeitweise 15 Prozent, halbierte den Verlust aber im Handelsverlauf. Vor zwei Wochen hatte die Deutsche Bank ihr Kapital erhöht, um damit die Übernahme von knapp 30 Prozent an der Postbank zu finanzieren.

Leser empfehlen 

(SZ vom 08.10.2008/hgn)