Aktienbetrug: Razzia und U-Haft Aktionärsschützer als Börsenzocker?

Sie sollten die Rechte der Aktionäre sichern - doch womöglich haben Anlegerschützer selbst betrogen und von raffinierten Kursmanipulationen profitiert. Gegen Funktionäre der SdK wird ermittelt.

Von Hannah Wilhelm und Alexander Hagelüken

In den womöglich größten Aktienbetrug in Deutschland sind Anlegerschützer in weit größerem Ausmaß verwickelt als bekannt. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung führt die Justiz unter anderem den Chef der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) und ein weiteres prominentes Mitglied als Beschuldigte.

Die Staatsanwaltschaft München ermittelt mit Hochdruck gegen ein Netzwerk von 31 Geschäftsleuten, die Aktienkurse manipuliert und auf diese Weise viele Millionen Euro verdient haben sollen. Der Verdacht: Eine Clique von Finanzjournalisten, Vermögensverwaltern und Herausgebern von Börsenbriefen gab untereinander lukrative Insiderinformationen weiter. Außerdem trieb sie durch Fehlinformationen die Aktien von 20 Unternehmen wie Conergy (Solar), Wirecard (Zahlungsysteme) oder Thielert (Flugzeugmotoren) hinauf oder hinunter, um von den Kurssprüngen zu profitieren. Besonders pikant daran ist die Verwicklung von Anlegerschützern, die auf Hauptversammlungen auftreten und stets vorgeben, die Interessen von Privatanlegern zu vertreten.

Nach derzeitigem Stand tauchen in dem Fall vier aktive oder ehemalige Vertreter der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) auf. Die zweitgrößte Anlegerschutz-Organisation in Deutschland mit 12.000 Mitgliedern bestätigte, dass ihr Vorstandsvorsitzender Klaus Schneider zu den Beschuldigten im Fall Wirecard gehört. Schneider und sein damaliger Stellvertreter Markus Straub warnten im Jahr 2008 vor der Aktie des Dienstleisters für elektronischen Zahlungsverkehr, die daraufhin an der Börse dramatisch einbrach. Straub hatte sich zuvor mit Verkaufsoptionen auf Wirecard-Aktien eingedeckt, so dass er an dem Absturz bares Geld verdiente.

Die Beteiligung von Straub, der wie zwei andere Beschuldigte seit vergangener Woche in Untersuchungshaft sitzt, war bereits öffentlich. Bisher in der Öffentlichkeit unbekannt ist aber die Verwicklung von Schneider und einem weiteren prominenten SdK-Vertreter, der als Sprecher der Organisation auf Hauptversammlungen auftritt. Auch aus den Reihen der Schutzgemeinschaft kommt Tobias Bosler, bis 2002 Funktionär.

Der Vermögensverwalter und Herausgeber des Tipp-Briefs "Der Börsendienst" sitzt ebenfalls in Untersuchungshaft. Diese Ballung von Personen, deren Name beim mutmaßlichen Aktienbetrug auftaucht, stürzt die Anlegerschützer in eine schwere Glaubwürdigkeitskrise. Die SdK versucht abzuwiegeln. Mit Straub und Bosler habe man seit Jahren keinen Kontakt mehr. "Für alle Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung", so der Pressesprecher der Organisation. Schneider wollte sich mit Rücksicht auf das laufende Verfahren nicht äußern, warnte aber vor einer Vorverurteilung.

Seit die Münchner Justiz vergangene Woche drei Beschuldigte in U-Haft nahm, sickern immer mehr Details durch. Der Fall hat alles, was so benötigt wird für eine saftige Geschichte aus der Halbwelt der Wirtschaft. Da gibt es heiße Aktientipps, die per SMS ausgetauscht werden. Im Spiel sind Faustkämpfer aus der Rotlichtszene, Feste auf einer Jacht im Mittelmeer und raffinierte Manipulationen mit Namen wie Scalping. Gekrönt wird das ganz durch eine filmreife Razzia, in der 200 Beamte vor genau einer Woche Büro und Wohnungen durchsuchen, aber nicht nur in München oder Hamburg, sondern auch im Promi-Skiort Kitzbühel. Die Aktion ist der größte Schlag gegen Börsenmanipulation, den es in der Bundesrepublik Deutschland je gab.

Stück für Stück setzt sich zusammen, was da abgelaufen ist in den vergangenen Jahren. Ja, irgendwie gab es diese Gerüchte in der Branche seit langem. Immer wieder stellte jemand die Frage, woher manch ein Geschäftsmann wohl das ganze Geld habe. Wie man mit einer halbprofessionellen Website mit Aktientipps oder einer kleinen Vermögensverwaltung so gut verdienen könne. Viele ahnten etwas, hatten Gerüchte gehört - doch es geschah nichts.

Bei kleinen Unternehmen funktionierten die Manipulationen, ohne dass dies Aufsehen erregte. Bei einem großen Wert wie Wirecard fiel es 2008 jedoch auf. Das Beispiel lässt erkennen, wie das Netzwerk womöglich zusammengearbeitet hat. Zunächst erschien am 1. Mai 2008 auf der Börsenwebsite Wallstreet Online ein kritischer Bericht über das Unternehmen. Damit waren die Gerüchte im Markt. Mitte Mai begann SdK-Vize Straub auf einen fallenden Aktienkurs von Wirecard zu wetten - als Privatmann, wie er sagte. Er hatte zuvor ausführlich zu dem Wert recherchiert. Dann, auf der Hauptversammlung der Aktiengesellschaft am 24. Juni, griff SdK-Chef Klaus Schneider Wirecard an, weil er die Bilanz für fragwürdig und das Unternehmen für überbewertet hielt. Auch Straub kritisierte die Aktie öffentlich. Diese Aussagen hatten ein großes Echo. Ende Juni verloren Wirecard-Aktien massiv an Wert. Gut für Straub, schlecht für Anleger, die die Aktien gehalten hatten. Anfang Juli 2008 legte ein Börsenbrief nach und riet weiter von Neu- oder Nachkäufen der Wirecard-Aktie ab. Auch 2010 äußerten sich Akteure kritisch zu dem Unternehmen, das dann an Wert verlor.

Wer genau wie an welchen Kursveränderungen beteiligt war, untersucht nun die Staatsanwaltschaft. Grundsätzlich sind die Vorwürfe, die im Raum stehen, sehr schwer zu beweisen. Das gilt sowohl für die Kursmanipulation als auch den Insiderhandel. Verurteilungen wegen solcher Delikte kommen nicht häufig vor.