Griechenlands Schulden "Schuldenerlass? Niemals!"

Griechenland könnte seinen Gläubigern einen Teil der Schulden vorenthalten - dieser Plan wird hinter den Kulissen diskutiert. Der griechische Ökonom und ehemalige Regierungsberater Yannis Stournaras hält das jedoch für groben Unfug.

Interview: Bastian Brinkmann

Griechenland hat Schulden, viele Schulden. Das Land hat zusätzliche Kredite von der EU, der Europäischen Zentralbank und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) bekommen. Hinter den Kulissen wird diskutiert, ob der Staat einen Teil der Schulden nicht mehr zurückzahlen soll - mit einem sogenannten Schuldenschnitt. Die Kreditgeber bekämen also nicht mehr alles zurück, was einer Staatspleite gleichkommt. Offiziell dementieren alle Beteiligten diese Pläne. Doch es mehren sich die Stimmen, die genau das prognostizieren: "Sie werden weltweit kaum einen Experten finden, der glaubt, dass Griechenland um eine solche Umschuldung herumkommen wird", sagte unlängst der ehemalige Bundesfinanzminister Peer Steinbrück der Süddeutschen Zeitung. Der griechischen Ökonomen Yannis Stournaras ist so ein Experte. Stournaras ist Generaldirektor des Forschungsinstituts IOBE und Wirtschaftsprofessor an der Universität Athen. Er hat früher die griechische Regierung beim Währungsfonds und bei der EU vertreten.

sueddeutsche.de: Griechenlands Schuldenberg ist gigantisch, 150 Prozent der Wirtschaftsleistung. Wenn der Staat jetzt Kredite aufnehmen würde, müsste er horrende Zinsen zahlen - bleibt jetzt nur noch der Schuldenschnitt als Lösung?

Yannis Stournaras: Nein. Wer so etwas vorschlägt, der ignoriert die Folgen für die Eurozone. Man kann ein Euromitglied nicht einfach pleitegehen lassen, das wäre total falsch. Außerdem sind die Schulden gar nicht das Problem.

sueddeutsche.de: Die Schuldenkrise ist keine Schuldenkrise?

Stournaras: Griechenland hat einen aufgeblähten öffentlichen Sektor. Die Wirtschaft hingegen wird vom Staat eingeschränkt. Die Schulden sind nur ein Symptom dieser strukturellen Probleme. Das zeigen auch Beispiele aus der Geschichte. Belgien hatte etwa in den Achtzigern Schulden in Höhe von 140 Prozent des Bruttoinlandprodukts - und hat es geschafft, sie etwa um ein Drittel zu senken. Ebenso Irland zur gleichen Zeit: Der Staat hatte Schulden, die 150 Prozent der Wirtschaftskraft entsprachen, und verringerte sie später auf 35 Prozent des BIP.

sueddeutsche.de: Aber würde es Griechenland nicht helfen, die Schuldenlast durch eine Umstrukturierung zu mildern?

Stournaras: Das wurde ja schon gemacht. Ende März wurde auf einem Gipfeltreffen vereinbart, dass der Zinssatz von fünf auf vier Prozent fällt. Und das Geld muss jetzt erst in zehn statt in fünf Jahren zurückgezahlt werden. Dieses Verhandlungsergebnis, das marktkonform ist, muss natürlich noch ratifiziert werden.

sueddeutsche.de: Und das reicht?

Stournaras: Der griechische Staat hat viel Potential, was oft übergangen wird. In der Staatsbilanz stehen ja nicht nur Verbindlichkeiten, sondern auch viel Staatsvermögen, Unternehmen und vor allem Immobilien. Die Regierung muss dieses Eigentum nutzen, es verkaufen oder vermieten. Das könnte als Katalysator ausländische Investoren ins Land holen und somit Wachstum und Beschäftigung stärken. Die Privatwirtschaft hat außerdem mit Auflagen zu kämpfen, die fast sowjetische Ausmaße annehmen. Hier muss nachgebessert werden. Eine weitere Umstrukturierung der Schulden bekämpft dagegen nur die Symptome, nicht die Ursachen.

sueddeutsche.de: Aber viele Experten und Politiker sehen Griechenland trotzdem auf einen Schuldenschnitt zusteuern.

Stournaras: Schon ihn zu fordern, ist sinnlos und unverantwortlich. Der Ruf Griechenlands und der gesamten Eurozone steht auf dem Spiel. Die griechischen Schulden stecken zu einem Drittel in privaten und in Sozialversicherungen des Landes. Dort zu kürzen, wäre ein Nullsummenspiel. Der große Rest sind öffentliche Gelder, sie kommen vom Währungsfonds, den Euro-Mitgliedsländern und der EU. Nur fast ein Drittel der Schulden ist in privater Hand. Für diesen Teil einen Schuldenerlass zu fordern, wäre eine Provokation. Griechenland verhandelt von einer schwachen Position aus - die Volkswirtschaft ist Importeur von Nahrungsmitteln und Öl. Wäre Griechenland pleite, könnte das Land das nicht mehr über die Grenze holen. Die Folgen wären hohe Arbeitslosigkeit und eine missliche Lage für das griechische Volk.

Linktipp: Der Finanzblogger Dirk Elsner hat in seinem Blicklog nachgerechnet, was Investoren ein Schuldenschnitt kosten würde: Schlimmstenfalls würden einige Geldgeber demnach einen Verlust von 0,58 Prozent erleiden. Die Warnung vor einem Schuldenschnitt hält er für Panikmache. Der im Englischen als Haircut bezeichnete Vorgang würde stattdessen Griechenland entlasten, schreibt Elsner - und damit die Eurozone, die mit ihrem Schuldenfonds für die Griechen haftet.