Mit ihrem Kurs in Sachen Griechenland richtet die Bundesregierung viel Unheil an. Sie hat die Märkte in Aufruhr versetzt und die Krise beschleunigt. Schwarz-Gelb zockt, und zwar schlecht. Dabei verspielen die politischen Nachkommen von Helmut Kohl dessen europäisches Erbe.
Lasst die Griechen ihre Probleme alleine lösen, unser Geld sollen sie nicht bekommen. So denken die Deutschen wohl mehrheitlich. Darauf weisen erste Umfragen hin, und die Politiker ahnten es schon vorher. Man muss dies wissen, wenn man das rätselhafte Geeiere der Bundesregierung verstehen will. Noch am Wochenende stellte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) die Milliardenhilfe in Frage, Kanzlerin Angela Merkel spielte auf Zeit und Außenminister Guido Westerwelle polemisierte beim FDP-Parteitag in Köln. Und das, obwohl doch alle drei längst Hilfsmaßnahmen auf EU-Ebene mitbeschlossen hatten. Und damit alles nicht zu übersichtlich wird, gilt seit Mittwoch wieder der Satz: Ja, doch, wir helfen.
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Die Regierung Merkel reagiert, laviert, korrigiert. (© Foto: dpa)
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Hinter diesem Zickzackkurs steckt eine große Angst: Der "Boulevard", wie es in Berlin heißt, könne sich des Themas bemächtigen. Schon beginnt ja das Trommelfeuer, von Bild ("Griechen wollen unser Geld") bis zu konservativen Blättern, die mindestens den vergifteten Rat an die Griechen im Köcher haben, doch mal über den Austritt aus der Währungsunion nachzudenken. Und die Regierung Merkel? Sie reagiert, laviert, korrigiert.
Die schwarz-gelbe Bundeskoalition kennt nur noch ein Ziel: einigermaßen unbeschadet über den Wahltag in Nordrhein-Westfalen zu kommen. Was schon bei der Steuerdiskussion unerträglich ist, wo konkret durchgerechnete Konzepte bis nach der Wahl warten müssen, wird im Fall Griechenland gemeingefährlich. Das EU-Land steht am Abgrund, und leider nehmen die weltweiten Finanzmärkte keine Rücksicht auf Termine in der deutschen Provinz.
Mit ihrem Kurs richtet die Bundesregierung viel Unheil an. Sie hat die Märkte in Aufruhr versetzt und die Krise beschleunigt. Stück für Stück rutscht Griechenland näher an den Abgrund. Obendrein gerät die Bundesrepublik außenpolitisch immer mehr unter Druck. Schon wird wieder der hässliche Deutsche sichtbar, an dessen Wesen die Welt genesen soll. Es kann notwendig sein, ein solches Image in Kauf zu nehmen und sich unbeliebt zu machen - wenn es dafür ehrenwerte Gründe gibt. Im konkreten Fall gibt es diese Gründe nicht.
Wenn Griechenland zahlungsunfähig wird, dann geraten nicht nur deutsche Banken in Gefahr, die in Griechenland 45 Milliarden Euro und womöglich mehr im Feuer haben. Dann könnte auch eine Kettenreaktion beginnen, die mit chaotischen Zuständen in Griechenland beginnt, sich über ähnliche Desaster in Portugal und Spanien fortsetzt und am Ende die ganze Währungsunion zertrümmert.
Ausgerechnet Deutschland kann sich diese Konsequenzen nicht leisten. Politisch nicht, denn die Aufbauarbeit von Jahrzehnten wäre dahin. Wirtschaftlich nicht, denn das rohstoffarme und exportstarke Deutschland ist auf offene Märkte, internationale Regeln und Währungsverbünde angewiesen. Eine neue Ära des Nationalstaates hielte die deutsche Wirtschaft nicht durch. Umgekehrt könnte Deutschland, wenn alles gut geht, an der Rettung Griechenlands sogar verdienen - denn das Geld wird ja gegen guten Zins verliehen, nicht verschenkt.
All das weiß die Kanzlerin, weiß ihr Finanzminister und der Außenminister. Genau deshalb ja haben sie in Brüssel längst darin eingewilligt, auf das griechische Hilfsbegehren hin sich mit zunächst acht Milliarden Euro am Rettungspaket zu beteiligen. Sie hatten sogar ein Hauruckverfahren vorbereitet, um die vereinbarten Milliarden bei Bedarf rasch durchs Gesetzgebungsverfahren zu bringen. Der Widerstand in der Unionsfraktion, die dieses Schnellverfahren vereitelte, schreckte die Krisenakteure auf: Ziehen womöglich nicht mal die eigenen Leute mit? Und schon fingen sie an zu wackeln.
Die Regierung zockt, in einer Mischung aus Furcht und Selbstbewusstsein. Sie zockt um die Macht in Nordrhein-Westfalen, um die Höhe der Hilfszahlungen, um die Konditionen. Aber sie zockt schlecht. Einmal schon lag sie daneben: Als sie im Februar den Vorstoß des Deutsche-Bank-Chefs Josef Ackermann abblockte, eine Bankenlösung unter Einbeziehung der staatlichen KfW-Bank zu organisieren. Damals wäre ein vorläufiger Frieden an den Märkten noch billiger zu haben gewesen.
Das alles heißt ja nicht, dass man das Geld unbesehen genehmigen soll, ganz und gar nicht. Aber Griechenland zieht ja schon beinharte Sparpakete durch, und es wird zu weiteren Auflagen kommen; das ist richtigerweise der Preis der Rettung. Die Maßnahmen können dann auch das Fundament sein, von dem aus die Gesundung der Finanzwelt insgesamt gelingt. Heute mehr denn je gilt, dass immer auch die Alternativen zu bedenken sind. Ja, es ist nicht schön, was Griechenland der Welt abverlangt. Ja, es ist nicht schön, schon wieder Banken retten zu müssen. Man muss das alles nicht mögen - aber doch die Alternative bedenken, die "Chaos" lauten könnte.
Den komplizierten Rettungsprozess durchaus kritisch mitzugestalten wäre einer der wichtigsten Wirtschaftsnationen der Welt angemessen. Dafür aber muss man glaubwürdig sein; so glaubwürdig, wie es der alte Europäer Helmut Kohl einmal war. Seine Nachkommen sind dabei, dieses Erbe zu verspielen.
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(SZ vom 29.4.2010/wolf)
Dieses Gejammere, als ob wir mit unserer Zurückhaltung an den Hilfen für die ach so tollen Griechen die Einheit Europas gefährden, kann ich schon bald nicht mehr lesen.
Klar ist, die Griechen haben geschummelt, keiner wollte es sehen und jetzt wird die Rechnung präsentiert.
Für mich war klar, es wird so kommen, der Zeitpunkt, wann so was ausbricht ist etwas unklar gewesen, aber es war sicher.
Es wäre nur zu verhindern gewesen, wenn man Sanktionen gegen diese Länder hat. Sowas ist aber in der EU nicht genehm und von den Deutschen lassen sich das die anderen gar nicht sagen, ohne gleich ausfällig zu werden.
Es kommt also, wie es kommen musste, der Euro wird bei vier PIIGS getestet werden und es wird teuer, sehr teuer. Bis man endlich die sinnlosen Versuche stoppt ...
Lassen Sie doch mal diese lächerlicnen Kassandra-Attitüden, Nostradamus Beise, bangemachen gilt nicht. Weder die Welt noch Deutschland werden untergehen, wenn wir die Griechen in die Pfanne hauen - wo sie hin gehören. Die deutschen Poltiker-Apparatschiks jedweder Couleur können Sie als grünes Gemüse gleich mit braten, wok eurpèenne s'il vous plaît. Ne rien, das Geschwafel zieht nicht, wer will denn noch Europa außer den ewig Gestrigen.
Und ich dachte immer Marc Beise ist die Wirtschaftskomptenez der SZ. Schade dass hier nicht mehr als als inhaltsleeres Geraune kommt:
"...dann geraten nicht nur deutsche Banken in Gefahr, die in Griechenland 45 Milliarden Euro und womöglich mehr im Feuer haben."
Tja, 2008 retten wir die Banken weil sie sich mit amerikanischen CDS und ABS verzockt haben, 2010 weil sie sich mit griechischen Anleihen verzockt haben, 2012 weil sie sich mit Rohstoff-Termingeschaeften verzockt haben, 2014...etc Wo Herr Beise ist die Grenze? Und wo sind all die hochheiligen Versprechen von Banken und Politik aus dem Jahr 2008 dass sowas nie nie nie wieder vorkommen werde; eine grosse Ausnahme sei dies gewesen etc?
"...denn das rohstoffarme und exportstarke Deutschland ist auf offene Märkte, internationale Regeln und Währungsverbünde angewiesen."
Leicht behauptet und auch gleich widerlegt wenn man an Japan oder auch die Schweiz denkt. Die schlagen sich "rohstoffarm und exportstark" auf den Weltmaerkte ganz gut, auch ohne Euro und Waehrungsunion.
:"..sich mit zunächst acht Milliarden Euro am Rettungspaket zu beteiligen..."
Schon hinfaellig, keiner weiss wieviel GR genau braucht. jedenfalls mehr als die 8 Milliarden.
"Aber Griechenland zieht ja schon beinharte Sparpakete durch..."
Too little, too late. Und wie passt das mit den Streiks in GR zusammen?
"...so glaubwürdig, wie es der alte Europäer Helmut Kohl einmal war. Seine Nachkommen sind dabei, dieses Erbe zu verspielen."
Wie "glaubwürdig" der war lasse ich mal dahingestellt. Sein Erbe jedenfalls besteht aus einer rein politischen Waehrung die einen ungedeckten Scheck auf die Zukunft darstellt. Zeit dieses "Erbe" loszuwerden.
...ob die unsittlich überbezahlten Macher, die aber meistens nur durchschnittliche und nicht selten sogar nur unterdurchschnittliche Fähigkeiten besitzen, nicht auch an andere Länder als Griechenland (z.B. diverse Ost- und Balkanländer) trotz fehlender Bonität auch mehr verkauft und mehr Kredite gegeben haben, als diese Länder zu zahlen in der Lage sind.
Wobei man bei dieser Gelegenheit einmal grob zusammenfassen darf, was bis jetzt von den Machern und ihren Politikern an Milliarden versenkt wurde:
1. Ersten wurden auf Kosten der EU-Bürger (nicht der EU-Macher, die wurden ja entlastet) Milliarden und Abermilliarden in völlig korrupte, unverbesserliche Staatskassen der Wirtschaftsversager-Länder gesteckt.
2. Zweitens wurden auf Kosten der EU-Bürger (nicht der EU-Macher, die wurden ja entlastet) Milliarden und Abermilliarden für Exportförderungen und Standortgründungen ausgegeben. Hauptsächlich zum Wohle der Absahner und Großaktionäre. Oder hat ein Normalbürger ähnliche Zuwächse wie diese Leute in seiner Geldbörse gesehen?
3. Zusätzlich konnten und können die Macher bei wirtschaftlichem Versagen ihrerseits auf Kosten der Staatskasse auch noch Milliarden und Abermilliarden als Verluste abschreiben.
4. Na und waren die Rettungspakete für die Großpleitiers und Großversager in Milliarden- und Abermilliardenhöhe vielleicht ohne?
5. Und wer zahlt denn den EU-Beiträge und die EU-Prestigeprojekte, wobei letztere nicht selten ein Fass ohne Boden darstellen? Zahlen das vielleicht jene, die durch die EU am meisten profitieren? Oder die EU-Bevölkerungen, die mit stark zunehmender Armut und ständig stagnierenden bzw. rückläufigen Einkommen zu kämpfen haben?
"Frau Merkel verzockt dabei ganz Deutschland!"
Mein Gott, wie einfach ist Ihre Welt! Da lässt man ein paar dumpfe polemische Töne von Stapel und glaubt, die wahren Ursachen der Misere oder die wahren Schuldigen gefunden zu haben. Sie sind dem Herrn Beise auf den Leim gegangen.
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