Griechenland Angst vor dem großen Schock

Wie viel von seinen Schulden kann Griechenland überhaupt je noch zurückzahlen? Der Vertreter einer Ratingagentur nennt jetzt Zahlen, die das wahre Ausmaß der Griechenland-Krise verdeutlichen.

Griechenland droht eine Umschuldung in großem Ausmaß. In EU-Kreisen werde auf Arbeitsebene davon ausgegangen, dass 40 bis 50 Prozent der Verbindlichkeiten gestrichen werden müssten, um das Land wieder auf eine solide Grundlage zu stellen, berichtete die Zeit. Es sei allerdings noch keine Entscheidung getroffen worden.

Einen noch deutlich stärkeren Schuldenschnitt hält die Ratingagentur Standard&Poor's für nicht ausgeschlossen - was zugleich zeigt, wie schlimm die Lage in dem Land ist. Der Leiter des Standard&Poor's-Teams für die Bewertung europäischer Staaten, Moritz Kraemer, sagte der Zeit, er rechne mit einem Schnitt der griechischen Verbindlichkeiten "um 50 bis 70 Prozent des aktuellen Werts", sollte eine Umschuldung kommen.

Es sei zwar denkbar, dass Europa im Ernstfall erwäge, zunächst nur Laufzeiten zu strecken oder Zinszahlungen zu reduzieren. "Wir aber halten es für wenig sinnvoll - und daher auch für wenig wahrscheinlich - die enormen Folgen eines solchen Schrittes für den Marktzugang und die Finanzierungskosten eines Landes in Kauf zu nehmen, wenn man die Schuldenlast zugleich nur von aktuell 160 Prozent auf 130 Prozent senkt." Der Schritt lohne sich nur, wenn die Schulden nachhaltig reduziert würden. Kraemer bezifferte die Wahrscheinlichkeit einer Umschuldung Griechenlands auf "fast ein Drittel".

Alternativlos? Nein!

Bundesbank-Vorstand Joachim Nagel zeigte sich in der Welt dagegen zuversichtlich, dass keine Umschuldung eines Krisenlandes nötig werde: "Es wird so getan, als sei eine Umschuldung Griechenlands alternativlos. Das ist aber nicht so", sagte er. Auch in der Vergangenheit hätten Länder sehr hohe Schuldenquoten ausgewiesen, ohne Insolvenz anzumelden. Zuletzt hatte EU-Währungskommissar Olli Rehn eine Umschuldung ausgeschlossen.

Eines der Probleme: Ein solcher Schritt könnte die Märkte verunsichern und damit auch die Finanzierung anderer Länder erschweren. Irland, das als zweiter Staat Hilfen der Eurozone beantragt hatte, hat nach Kraemers Einschätzung hingegen bereits den Wendepunkt erreicht. "Eine Umschuldung halten wir für außerordentlich unwahrscheinlich." Auch Portugals Lage sei "längst nicht so dramatisch wie die Griechenlands".

Die Regierung in Athen stemmt sich gegen eine derartige Umschuldung, weil sie Stabilitätsprobleme bei den Banken fürchtet. Sie will sie mit Hilfe eines kräftigen Wirtschaftswachstums noch verhindern. "Die umfangreichen Reformen werden zu Wachstum führen, und damit werden wir die Umschuldung abwenden", sagte Finanzminister Giorgos Papakonstantinou.

Wie genau Athen auf Wachstumskurs kommen will, ist unklar: Als sicher gilt, dass der Staat mehrere Unternehmen privatisieren wird. Auch Häfen und Flughäfen sollen in private Hände kommen. In den nächsten Tagen will die Regierung ein umfangreiches mittelfristiges Spar- und Reformprogramm präsentieren, mit dem die Wirtschaft des Landes stufenweise angekurbelt werden soll. Vergangenes Jahr war die Rezession tief: Die Wirtschaftsleistung sackte um etwa vier Prozent ab.

Linktipp: Griechenlands-Anleihen werden zur Zeit bereits mit etwa 35 Prozent Abschlag zum Ausgabepreis gehandelt. Der Blicklog hat berechnet, dass ohne Schuldenschnitt Anleger trotzdem noch mit einer Rendite von 14,66 Prozent rechnen können. Auf der Seite gibt es auch eine Tabelle, ab wann ein Schuldenschnitt den Investoren wehtut: Erst ab einem Kapitalabschlag von 60 Prozent rutschen die Anleger leicht ins Minus.