Ein Kommentar von Marc Beise

Dem Kollaps der Bank Lehman Brothers folgte ein Flächenbrand. Ähnlich schwere Folgen hätte ein Bankrott Griechenlands. Also muss die EU helfen - auch wenn es weh tut.

Der griechische Beitritt zur Euro-Zone am 1. Januar 2001 hatte eine wundervolle Konsequenz: Seitdem verteilen sich die in Athen ausgegebenen Ein-Euro-Stücke mit der putzigen Kukuvaja, der Eule in der Tradition der antiken Überlieferung, über Europa; allemal ein schönerer Anblick als der unbeholfen stilisierte Adler auf der deutschen Münze. Leider ist das schon die einzige gute Nachrichten in diesem Zusammenhang. Den Zutritt zum exklusiven Währungsclub innerhalb der Europäischen Union haben sich die lässigen Südosteuropäer mit Statistiktricks erschlichen, und seitdem haben die jeweiligen Regierungen wenig dazu beigetragen, den schlechten Ruf auch nur im Ansatz zu korrigieren.

Akropolis, Foto: AFP

Den Zugang zum europäischen Währungsraum hat sich Griechenland mit Tricks erschlichen - jetzt steckt das Land in großer Bedrängnis. (© Foto: AFP)

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Indes muss man sich mit der Vergangenheitsbewältigung nicht aufhalten, denn die Zeit kann nicht zurückgedreht werden. Ebenso wenig bringt es, auf die vergleichsweise unbedeutende Rolle Griechenlands in der Euro-Zone zu verweisen, zu deren Wirtschaftsleistung Athen nur drei Prozent beiträgt. Die Wirtschafts- und Finanzverflechtungen innerhalb der EU sind jedoch so intensiv, dass selbst das kleine Hellas das ganze große System gefährden kann.

Die berühmten Argumente aus dem Bauch führen hier nicht weiter. Ja, die Griechen sollten ihre Probleme eigentlich selbst lösen. Ja, am besten sollte man sie aus der Euro-Zone hinauswerfen. Nur leider geht das nicht so einfach. Rechtlich nicht (die Vertragslage ist kompliziert), politisch nicht (Griechenland ist Teil der europäischen Identität) und wirtschaftlich nicht: Weil der kleine Knall mit ziemlicher Sicherheit den großen nach sich ziehen würde.

Es ist wie bei Lehman Brothers, dieser eher unwichtigen Investmentbank in New York, deren Insolvenz im September 2008 die Welt in eine Krise geführt hat, die bis heute nicht bewältigt ist. Erst Lehman und die Bankenkrise, nun Griechenland und die Staatskrise: Die Geschichte wiederholt sich.

Sie wiederholt sich, was das Entstehen der Krise betrifft - aber vielleicht nicht bei deren Bewältigung. Noch haben es die EU-Regierungen in der Hand, besser zu reagieren als damals Präsident George W. Bush und seine Einflüsterer, die dachten, sie könnten Lehman isolieren und bestrafen. Damit lösten sie den bekannten Flächenbrand aus. Dasselbe nun auf Staatsebene zu versuchen, wäre ein Vabanquespiel. Wenn Griechenland fällt (und es hat von Tag zu Tag mehr Probleme, sich an den Finanzmärkten Geld zu borgen), dann fallen womöglich auch Spanien, Portugal, Irland.

Also muss geholfen werden, mit aller rechtlich möglichen Brutalität. Die EU-Kommission hat den ersten Schritt getan, das Land unter Aufsicht zu stellen, ihm praktisch seine Souveränität zu nehmen. Das ist die schlimmste vorstellbare Strafe für eine Nation, aber sie liegt in der Konsequenz der Gemeinschaft. Erst in der Krise zeigt sich, was ein System leisten kann. Das Euro-System hat viele Möglichkeiten - auch wenn es weh tut.

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(SZ vom 04.02.2010/tob)