Bleistift-Unternehmer Graf Faber-Castell, 66, über teure Kunstwerke, seine Lieblingsmaler und den Wert seiner Sammlung.
SZ: Graf Faber-Castell, welches Kunstwerk haben Sie gerade gekauft?
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Bleistift-Unternehmer Anton-Wolfgang Graf von Faber-Castell, 66. (© Foto: privat)
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Faber-Castell: Beim Auktionshaus Villa Grisebach in Berlin habe ich ein Gemälde des Künstlers Georg Muche ersteigert. Der Bauhausmeister war mir lange Zeit kein Begriff als Maler. Das Werk gehört in die Blütezeit von Herwarth Waldens Sturm Galerie in Berlin, einem Brennpunkt des deutschen Expressionismus.
SZ: Wie viel haben Sie dafür bezahlt?
Faber-Castell: Ich gehöre nicht zu denen, die Millionen für Kunstwerke ausgeben. Ich habe andere Prioritäten.
SZ: Welche?
Faber-Castell: Die Firma.
SZ: Ihr Unternehmen ist fast 250 Jahre alt. Wie alt ist die Firmensammlung?
Faber-Castell: Relativ jung. Leider haben sich meine Vorfahren nie intensiv der Kunst gewidmet. Zum 200-jährigen Firmenjubiläum haben wir 1961 ein Mappenwerk anfertigen lassen mit Graphiken von Fritz Winter, HAP Grieshaber und Theodor Werner sowie anderen bedeutenden deutschen Künstlern. Es wurde an wichtige Kunden verschenkt. Damals gab es auch eine Ausstellung in der Kunsthalle in Nürnberg. Mein Vater Roland Graf von Faber-Castell hat übrigens über Jahrzehnte die Albrecht-Dürer-Gesellschaft - den ältesten Kunstverein Deutschlands - gefördert. Das tue ich immer noch.
SZ: Weiter reicht die Sammelleidenschaft nicht zurück?
Faber-Castell: Das ist ja das Traurige. Ich bewundere die großen Schweizer Sammler wie die Industriellen Oskar Reinhart, Oscar Ghez oder Arthur und Hedy Hahnloser, die schon Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts in Paris die wunderschönsten Impressionisten gekauft haben. Damals noch für einen Apfel und ein Ei. Mein Großvater hatte wenig mit Kunst im Sinn. In unserem Schloss in Stein bei Nürnberg hängen zum Teil Imitate von alten Meistern, darunter sind ein paar richtige "Schinken". Imitate waren damals durchaus üblich. Im 19. Jahrhundert wurden viele Schlösser von alten Familien neu gebaut. Die haben sich dann meist auch neue Möbel zugelegt, auch weil in den alten häufig der Wurm steckte.
SZ: Und weshalb die Imitate?
Faber-Castell: Die wenigsten haben über ihren regionalen Tellerrand hinausgeblickt. Mein Vater hat dann aber unter dem Einfluss meiner Mutter Katharina eine sehr beachtliche Sammlung des Malers Alfred Kubin aufgebaut. Er kaufte auch Werke von Lyonel Feininger und Adolf Hölzel. Im Unternehmen gab es auch eine große Sammlung von Plakaten, die wir für Werbezwecke hatten entwerfen lassen. Beim Umzug in das neue Verwaltungsgebäude Anfang der siebziger Jahre wurden sie aus Unwissenheit von Mitarbeitern weggeworfen. Sie hielten sie wohl für altes Gelump. Ich ärgere mich heute noch darüber.
SZ: Seit wann sammeln Sie?
Faber-Castell: Ich habe mich von Jugend an für die Expressionisten interessiert - unter anderem Franz Marc, August Macke und die "Brücke"-Maler. Aber wie es so ist, als Student, Anfang 20, in Zürich konnte ich mir die großen Werke nicht leisten. Ich habe mich dann auf Grafiken von Kirchner, Heckel und Schmidt-Rottluff konzentriert. Ich besitze eine Zeichnung und eine Radierung von Ernst Ludwig Kirchner aus seiner Zeit in Davos. Wenn ich damals wohlhabend gewesen wäre, besäße ich sicher heute eine beachtliche Sammlung von Expressionisten.
SZ: Nach welchen Kriterien wählen Sie aus?
Faber-Castell: Ich kaufe, was mir gefällt. Das ist meine eiserne Regel. Man muss aufpassen: Wenn man Kunst nur rein spekulativ kauft, ist man schlecht beraten. Bis zu einem gewissen Grad ist der Kunstkauf doch heute eine Lotterie, die stark von Sondereffekten abhängig ist. Manche Künstler werden von geschickten Galeristen hochgepusht, das hat nicht unbedingt etwas mit ihrem Talent zu tun. Die Wertentwicklung ist für mich sekundär. Damit fahre ich ganz gut.
SZ: Wer hat Ihren Kunstsinn geprägt?
Faber-Castell: Meine Mutter Katharina. Sie war Pianistin. Sie hat uns Kindern die zeitgenössische Kunst nahe gebracht. Ich habe von ihr ein Bild von Fritz Winter und eines von Ernst Wilhelm Nay geschenkt bekommen. Von meinem Vater habe ich unter anderem die Kubin-Sammlung übernommen.
SZ: Welche Künstler sammeln Sie?
Faber-Castell: Anfang der 80er Jahre habe ich Werke von Heinrich Campendonk, Gabriele Münter und Willi Baumeister erworben und zwei sehr schöne Aquarelle von Max Pechstein. Ich habe mich dann mehr und mehr auf Gouachen, Aquarelle und Holzschnitte von Campendonk konzentriert, weil seine Ölbilder mir zu teuer wurden. Ich habe mich verstärkt noch weniger bekannten Künstlern wie Arnold Topp zugewandt. Der war mir lange Zeit kein Begriff, bis ich eines seiner Werke in einem Katalog von Sotheby's in London entdeckt habe, welches mir sehr gefallen hat. Das war angesetzt mit 40 000 Pfund.
SZ: Haben Sie den Zuschlag bekommen?
Faber-Castell: Ich bin irgendwann ausgestiegen, da der Preis in die Höhe schoss. Der Zuschlag fiel dann bei 170 000 Pfund. Es gibt heutzutage Sammler, die wollen ein Bild um jeden Preis. Sammler wie ich haben bei Werken der klassischen Moderne kaum noch Chancen. Auch deshalb konzentrierte ich mich frühzeitig auf Zeichnungen. Beim Aufbau der Firmensammlung unterstützte mich mein Archivar Herr Steding sehr. Inzwischen haben wir eine ganz stattliche Sammlung, sie enthält auch Arbeiten der "Nürnberger Stadtzeichner", ein Stipendium, welches wir Anfang der 80er Jahre zusammen mit der Stadt Nürnberg gestiftet hatten. Eine Auswahl der Werke hängt heute im zweiten Stockwerk des Schlosses. Diese Ausstellung soll noch ausgeweitet werden. Derzeit restaurieren wir das Schloss sehr detailgenau nach alten Vorlagen, wollen aber gleichzeitig mit moderner Kunst neue Akzente setzen und eine Balance zwischen Tradition und Fortschritt finden.
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