sueddeutsche.de: Welche Faktoren sind das?

Anzeige

Stutzer: Beispielsweise das Anspruchsniveau. Die Frage lautet: Was braucht man, um sich ein gutes Leben einzurichten? Hier neigen die Menschen dazu, sich mit ihrem Umfeld zu vergleichen. Wenn man sieht, dass andere mehr verdienen und sich extravagantere Dinge leisten, dann steigen die eigenen Ansprüche. Es kann sein, dass jetzt in China die Ansprüche schneller steigen als das tatsächliche Einkommen.

sueddeutsche.de: Wir haben heute den höchsten gesellschaftlichen Reichtum, gleichzeitig klagen viele Arbeitnehmer über zunehmende Unsicherheit. Hierzulande steht beispielsweise der Kündigungsschutz häufig zur Diskussion. Eigentlich müssten wir es uns doch leisten können, dem Sicherheitsbedürfnis vieler Menschen stärker gerecht zu werden?

Stutzer: Die Glücksforschung zeigt, dass die Konsummöglichkeiten nur einen Beitrag zum Wohlbefinden leisten und dass es viele andere Aspekte gibt, die ebenfalls wichtig sind. Unsicherheit bezüglich des Arbeitsplatzes ist eine sehr große Quelle des Unglücks.

Eine wichtige Einsicht aus der Ökonomie besagt jedoch, dass man die Arbeitsplatzsicherheit nicht einfach durch zusätzliche Schutzmaßnahmen verbessern kann. Bei einem hohen Kündigungsschutz sind die Arbeitgeber weniger bereit, zusätzliche Arbeitskräfte einzustellen, so dass die Arbeitnehmer dann nicht mehr nur um ihre Stelle fürchten, sondern gar keine mehr haben. Es ist sehr wichtig zu wissen, dass man bei Verlust der Arbeitsstelle anderswo einen neuen Job findet. Arbeitslosigkeit macht die Leute sehr unglücklich, deshalb ist das eine so schwierige Sache mit dem Arbeitsschutz.

sueddeutsche.de: Wird die Bedeutung des Geldes von andere Faktoren abgelöst?

Stutzer: Ja, je höher das Einkommensniveau liegt, umso schwieriger wird es, die Leute durch weitere Zuwächse zufriedener zu machen. Gleichzeitig brauchen wir in den von Unsicherheit geprägten Bereichen - etwa in Zusammenhang mit Arbeit - neue innovative Ideen. Wir müssen unsere Arbeitsmärkte neu organisieren. Auch für politische Institutionen benötigen wir neue Ideen. Für die Lebenszufriedenheit ist es von großer Bedeutung, ob die Bürger in den Bereichen, die ihnen wichtig sind, effektiv mit entscheiden können.

sueddeutsche.de: Was genau hat Glück mit Ökonomie zu tun? . Stutzer: Wirtschaften ist kein Selbstzweck. In der Ökonomie wird nach optimalen Wegen gesucht, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Weil der Mensch nach Glück strebt, sollte unsere Ökonomie eine Glücksökonomie sein, die ein möglichst hohes Wohlbefinden der Menschen zum Ziel hat. Wenn man diese Vorstellung akzeptiert, sollte man einmal kritisch hinterfragen, was die ökonomischen Bestimmungsgrößen des Glücks sind. Was ist der Einfluss der Beschäftigung, des Wachstums, der Einkommensverteilung? Wie ist der Einfluss der Inflation? Das alles sind wichtige Größen, wenn es um wirtschaftspolitische Fragen geht - und deshalb gibt es hier einen sehr direkten Zusammenhang.

sueddeutsche.de: Im Himalaya-Königreich Bhutan wird das Bruttosozialglück erhoben. Muss sich die Ökonomie weiterentwickeln und neben dem Bruttoinlandsprodukt neue ökonomische Indikatoren aufstellen?

Stutzer: Das Bruttoinlandsprodukt mit all seinen Mängeln hat sicher weiterhin eine wichtige Funktion, gerade auch um konjunkturelle Entwicklungen festzustellen. Ich würde nicht für einen zusätzlichen großen nationalen Glücksindikator plädieren, weil die Vorstellungen von gutem Leben sehr breit sind.

Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2

  1. "Menschen orientieren sich am Umfeld"
  2. Sie lesen jetzt "Menschen orientieren sich am Umfeld"
Leser empfehlen 

(sueddeutsche.de/mel/cma)