Ein Kommentar von Thorsten Denkler

Der Krankenkassenbeitrag steigt auf Rekordniveau - und die Bundesregierung tut so, als hätte sie alles im Griff. Nichts hat sie.

Das Paket haben sich die Berliner Großkoalitionäre schön zusammengebastelt. Hier ein bisschen mehr für Kinder, dort etwas weniger Beitrag zur Arbeitslosenversicherung. Und zur Ersteinschulung gibt es für die Sprösslinge von Hartz-IV-Empfängern ein Startgeld von 100 Euro. Schwups ist es da, das angebliche Milliarden-Euro-Programm zur Entlastung der Bürger. Eine Wundertüte mit Schleifchen sozusagen.

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Zum Januar 2009 sollen die Krankenkassenbeiträge auf 15,5 Prozent steigen. (© Foto: dpa)

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Kurz zur Klärung: Die Erhöhungen von Kindergeld und Kinderfreibetrag sind verfassungsrechtlich notwendig. Der Arbeitslosenversicherungsbeitrag wird lediglich an die Realität am Arbeitsmarkt angepasst. Und was die 100 Euro Startgeld für Erstklässler aus Hartz-IV-Familien angeht: Experten schicken Stoßgebete gen Himmel, dass das Geld tatsächlich in Schulhefte und Bücher investiert wird.

Dieses angebliche Entlastungsprogramm der Bundesregierung hat nur einen Zweck: Es soll die Rekordhöhe des künftigen einheitlichen Beitragsatzes zur gesetzlichen Krankenkasse kaschieren. Auf 15,5 Prozent wird in dieser Woche der Satz festgelegt - und dabei war die große Koalition 2005 mit dem festen Versprechen gestartet, die Beitragssätze stabil zu halten.

Politisch gewollter Beitragssatz

Derzeit zahlen die gesetzlich Versicherten und ihre Arbeitgeber im Schnitt 14,9 Prozent an ihre Krankenkasse. Wie gesagt: Im Schnitt. Bei der IKK Sachsen etwa sind es nur 11,8 Prozent; in fast allen Bundesländer ist eine Kasse zu finden, die lediglich 12,5 Prozent verlangt.

Nun aber ist es zum Auftakt des Wahljahres 2009 gewiss: Für 90 Prozent der Versicherten wird es ab dem 1. Januar richtig teuer. Sechs Milliarden Euro pumpen die Versicherten dann jährlich zusätzlich ins System.

Der neue, deutlich höhere Beitragsatz ist nicht gottgegeben, sondern politisch gewollt. In den vergangenen Wochen hat Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) mit dem Geld der Versicherten nur so um sich geschmissen. Drei Milliarden Euro mehr für die Krankenhäuser, zwei Milliarden mehr für die niedergelassenen Ärzte. Ohne diese Wohltaten würde ein Beitragssatz von 15 Prozent ausreichen. Aber der Versicherte hat es ja.

Die fröhliche Botschaft der Kanzlerin lautet nun: Keine Panik. Unterm Strich bleibe bei den Lohnnebenkosten ja alles wie es ist. Ist aber nicht so. Zwar stehen den 0,5 Prozentpunkten plus bei der Krankenversicherung 0,5 Prozentpunkte weniger bei der Arbeitslosenversicherung gegenüber - aber in den Irrungen und Wirrungen der deutschen Sozialversicherungssysteme geht schnell mal was verloren. Und so zahlen die Beitragszahler in jedem Fall eine Milliarde Euro drauf.

Klassische Milchmädchenrechnung

Damit nicht genug: So schnell, wie in den vergangenen Jahren die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung gesenkt wurden, so schnell können sie auch wieder steigen. Manche sprechen bereits vom Beginn einer Rezession. Das sind immer harte Zeiten für die Arbeitsämter, die jetzt Arbeitsagenturen heißen. Höhere Beiträge werden dann unausweichlich sein.

Den Beitrag zu Arbeitslosenversicherung zum Garanten für stabile Lohnnebenkosten zu mache, ist absurd. Eine klassische Milchmädchenrechnung, die Angela Merkel da aufmacht. Tatsächlich haben sie und Ulla Schmidt, ihre Schwester im Geiste, es schlicht nicht geschafft, das Gesundheitssystem kostengünstiger zu machen.

Dafür geradestehen müssen jetzt die Versicherten. In dieser Wundertüte stecken bittere Pralinen.

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(sueddeutsche.de/jja/tob/odg)