Geldwerkstatt Der Ölpreis zerschmettert Börsenweisheiten

  • Die niedrigen Rohstoffpreise sollten eigentlich als Konjunkturprogramm wirken, tatsächlich finden sie an den Aktienmärkten negative Resonanz.
  • Ölförderer verbuchen weniger Profit und kürzen daraufhin ihre Investitionen, darunter leidet der gesamte Öl-Dienstleistungssektor.
  • Durch die niedrigen Ölpreise steigen die Haushaltsdefizite in den Förderländern.
Von Markus Zydra

An den Finanzmärkten kommt es immer wieder zu Ereignissen, die man so nicht erwarten würde. Jüngstes Beispiel: Die Korrelation von Öl- und Aktienmarkt.

Die niedrigen Rohstoffpreise sollten eigentlich als Konjunkturprogramm wirken. Die Haushalte und Firmen haben mehr Geld übrig, wenn sie weniger für Öl, Gas und Benzin bezahlen müssen. Den Sparbetrag kann man in Investitionen und in den Konsum stecken. Die Wirtschaft erhält einen Wachstumsimpuls, und das ist grundsätzlich eine gute Nachricht für den Aktienmarkt. Die Preise sollten steigen, wenn die Unternehmen mehr Gewinne machen. Doch genau das ist zuletzt nicht passiert. Die fallenden Ölpreise fanden an den Aktienmärkten negative Resonanz. Was sind die Gründe für dieses Rätsel?

Die Leserfrage

"Oft steigen die Aktienkurse, wenn die Ölpreise fallen - warum ist es dieses Mal anders?" Thomas K. aus Freiburg

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"Mit dem Zusammenbruch der Opec-Förderdisziplin erlebt die Welt einen angebotsinduzierten Ölpreiseinbruch von historischem Ausmaß, mit wenig Aussicht auf eine schnelle Trendwende", sagt Markus Steinbeis, Leiter Portfoliomanagement der Vermögensverwaltung Huber, Reuss & Kollegen. "Das bringt zunächst mal die Aktien der unmittelbar betroffenen Unternehmen deutlich unter Druck", sagt er. Der Grund: Die großen Ölförderer verbuchen weniger Profit und kürzen daraufhin ihre Investitionen. Dieser Umstand belastet wiederum den gesamten Öl-Dienstleistungssektor. "Das Ausmaß des Ölpreisrückgangs lässt darauf schließen, dass eine Pleitewelle bei Ölförderern und Öl-Serviceunternehmen zu befürchten ist."

Eine Pleitewelle wie diese hätte Konsequenzen. Viele Banken haben vor allem die Fracking-Industrie in den USA mit Krediten finanziert. Die Experten von BCA Research schätzen, dass bis zu 15 Prozent dieser Kredite in diesem Jahr platzen könnten. Die Bankbilanzen würden leiden, was wiederum die Kreditvergabe an anderen Sektoren einschränken könnte. "Je länger der Ölpreis auf diesen Niveaus bleibt, desto mehr Kredite sind ausfallgefährdet. Somit kommen nicht nur Ölaktien unter Druck, sondern auch Bankaktien", sagt Steinbeis. Dadurch entsteht Unsicherheit an den Börsen. Die Investoren verkaufen in einem solchen Marktumfeld nicht nur die riskanten Bank- und Ölaktien, sondern auch andere Aktien, um das Verlustrisiko zu minimieren. Die meisten Profis agieren heutzutage kurzfristig. Das bedeutet etwa: Raus aus Aktien am Montag, rein in Aktien am Dienstagnachmittag. Der Herdentrieb der Investoren verschärft die Kursausschläge.

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"Darüber hinaus sind die meisten Förderländer bei ihren Budgets massiv von Öleinnahmen abhängig", sagt Steinbeis. Durch die niedrigen Ölpreise steigen die Haushaltsdefizite in diesen Staaten an. "Somit kürzen diese Staaten nicht nur die Ausgaben und fallen als Nachfrager für viele in Europa hergestellten Güter aus, sondern sie verkaufen auch Aktien aus ihren Staatsfonds, um die Haushaltslage zu beruhigen."

Vier von fünf der größten Staatsfonds der Welt stammen aus Ölförderländern. Das amerikanische Analysehaus Sovereign Wealth Fund Institute warnte jüngst, dass diese Staatsfonds Aktien im Wert von 400 Milliarden Dollar verkaufen könnten, sollte der Ölpreis in einer Preisspanne zwischen 30 und 40 Dollar je Fass bleiben. Die staatlichen Fonds verwalten global ein Vermögen von sieben Billionen Dollar. Sie hätten schon im letzten Jahr Aktien im Wert von 230 Milliarden Dollar verkauft, so das Sovereign Wealth Fund Institute. Die niedrigen Ölpreise, so angenehm sie für Verbraucher sind, bergen also auch Gefahren.