Ein Kommentar von Felix Berth

Können Frauen so viel wie Männer? Zumindest verdienen Frauen in Deutschland immer noch viel weniger als Männer. Deutschland ist bei diesem Thema Entwicklungsland - aber es gibt Hoffnung.

Können Frauen so viel wie Männer? Eine Episode aus dem New York der späten zwanziger Jahre: Frederick Austerlitz, der Sohn eines österreichischen Bierbrauers, erobert mit seiner Tanzpartnerin Ginger Rogers den Broadway. Sie tritt mit ihm in etlichen Filmen auf, sie folgt seinen Schritten, sie ist schnell wie er und schön wie er. Sie kann auf der Bühne alles, was der Mann kann. Mit einem kleinen Unterschied: Sie kann es rückwärts und auf Stöckelschuhen.

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Verdienen Frauen so viel wie Männer? Eine Erkenntnis aus dem New York der Gegenwart: Die Frauen im Alter von 20 bis 30 haben die gleichaltrigen Männer abgehängt. Sie haben häufiger ein College besucht, öfter eine Uni abgeschlossen.

Sie machen schneller Karriere und verdienen besser: Ihr Durchschnittseinkommen liegt um 17 Prozent über dem gleichaltriger New Yorker Männer, hat der Soziologe Andrew Beveridge ausgerechnet. Der kleine Unterschied scheint - solange Frauen keine Kinder haben - beim Gehalt unerheblich zu sein.

Natürlich steht das Beispiel nicht für die gesamten USA. Doch New York ist, was die Gehälter angeht, eine Stadt der jungen Pionierinnen: In der Metropole gibt es mehr Jobs als anderswo, für die man Bildung benötigt. In den Kanzleien der Rechtsanwälte, in den oberen Etagen der Konzerne, in den Büros der Beraterfirmen zählt Intelligenz mehr als Muskeln, weshalb die Frauen in den letzten Jahren die Männer überholt haben.

Nimmt man die These ernst, dass sich Deutschland zur "Wissensökonomie" wandelt, stellt sich die Frage, wie sich die Gehälter der Geschlechter hier entwickeln: Wird die Lage in Frankfurt bald sein wie in New York? Wer in Statistiken blickt, entdeckt das Bild aus Ginger Rogers' Zeiten: In Vollzeit-Jobs verdienen Frauen ein Viertel weniger als Männer.

Das liegt teils daran, dass sie in Branchen und Betrieben arbeiten, in denen Gehälter niedriger sind - im öffentlichen Dienst, in sozialen Berufen. Doch der wichtigste Unterschied ist: Frauen kriegen die Kinder. Eine junge Mutter hat, wie die Ökonomin Elke Wolf zeigte, zwei Jahre nach der Babypause ein Gehalt, das 15 Prozent unter dem einer kinderlosen Kollegin in der gleichen Firma liegt. Der Mutter entgehen Gehaltserhöhungen, auch fehlt ihr der Anschluss im Job.

Deutschland ist bei diesem Thema Entwicklungsland; in wenigen Industriestaaten sind die Gehaltsunterschiede so groß. Doch deshalb muss man weder zu Verschwörungstheorien greifen ("Die Männer in den Chefetagen sind schuld"), noch sollte man die große politische Keule ("Wir brauchen strengere Gesetze") herausholen. Denn Schuldzuweisungen übersehen, wie in der Bundesrepublik jahrzehntelang die Erwerbsarbeit verteilt war.

Leitbild war der männliche Alleinverdiener; falls Frauen arbeiteten, sorgten sie bloß für eine Aufstockung von Papas Gehalt. Dass bei einer solchen Arbeitsteilung Frauengehälter zweitrangig waren, muss niemanden wundern.

Doch dieses Leitbild verliert seine prägende Kraft. Das neue Unterhaltsrecht setzt auf Berufstätigkeit beider Partner nach einer Scheidung. Das Elterngeld legt Frauen nahe, nach einer Geburt bald wieder im Job einzusteigen; der Ausbau der Kinderbetreuung verfolgt das gleiche Ziel. All das wird die Präsenz der Frauen auf dem Arbeitsmarkt erhöhen, und wahrscheinlich gleichen sich die Gehälter der Geschlechter bald an: Wenn Babypausen nicht mehr drei, sondern anderthalb Jahre dauern, sinken die späteren Frauenlöhne weniger stark.

Der Unterschied der Gehälter verschwindet dadurch nicht vollständig; es bleibt eine Kluft, die viele Frauen als diskriminierend empfinden. Diese Differenz dürfte bei gut zehn Prozent liegen - so hoch ist der Einkommensunterschied von Männern und Frauen in Frankreich und Schweden, wo Mütter ihre Kinder häufig betreuen lassen, weil sie nicht nur Mini-Jobs erledigen wollen.

Mag sein, dass diese letzten zehn Prozent schwer zu überwinden sind. Doch aus deutscher Sicht ist das ein akademisches Problem: In einem Land, in dem die Frauen drastisch weniger verdienen als die Männer, wäre das Erreichen dieser Zehn-Prozent-Diskriminierung ein großer Erfolg.

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(SZ vom 02.06.2008/aho)