Ein Kommentar von Ulrich Schäfer

Retten ohne Plan: Politiker liefern sich einen bizarren Milliarden-Wettstreit, wer am besten hilft, wer am meisten Geld verteilt.

Eine Milliarde ist eine Zahl mit neun Nullen, eine Milliarde ist nicht viel - jedenfalls in dieser Zeit. Die erste Milliarde im Kampf gegen die Krise floss am 30. Juli 2007. Damals stand die IKB am Rande des Bankrotts, eine Mittelstandsbank, deren Name bis dahin nur wenigen Menschen geläufig war. Innerhalb von gut eineinhalb Jahren ist aus der Finanz- eine Weltwirtschaftskrise geworden. Eine Krise, in der jedes Maß verlorengegangen ist. Eine Krise, in der Politiker plötzlich das Gegenteil von dem machen, was sie seit Jahrzehnten vertreten haben.

Die Staatskapitalisten

Dunkle Wolken über Frankfurt am Main: Für die Banken wurde bereits im vergangenen Oktober ein Rettungsschirm gespannt. (© Foto: ddp)

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Erst versuchten sie, einzelne Banken zu retten, dann alle Banken, erst stützten sie einzelne Konzerne, schließlich die gesamte Wirtschaft. Gerade im Wahljahr kennen Deutschlands Politiker kein Halten mehr: Wer sich nie vorstellen konnte, dass der Staat bei Banken oder Konzernen einsteigt, fordert nun genau dies. Ein Rettungsschirm nach dem anderen wird gespannt: Über die Banken, über die Industrie, über die Exportwirtschaft. Und dem ersten Rettungsschirm für die Banken wird bald ein zweiter folgen.

CDU, CSU und SPD sind allesamt zu Vertretern des Staatskapitalismus geworden. Sie benutzen Argumente, die früher allenfalls die Linkspartei gebraucht hat. Ja, selbst die FDP mischt mit beim munteren Wettstreit unter dem Motto "Wer bietet mehr?". Mehr Subventionen. Mehr Garantien. Mehr Milliarden. So überlegt der Wirtschaftsminister der Liberalen in Bayern, wie man dem angeschlagenen Schaeffler-Konzern helfen kann. Das Gleiche will Oskar Lafontaine. Welch seltsame Zeit. Und sie hat erst begonnen.

Alles in allem hat der deutsche Staat in dieser Krise bereits über 800 Milliarden Euro bereitgestellt: 80 Milliarden Euro für zwei Konjunkturpakete; 130 Milliarden für die Rettung fast aller Landesbanken, der IKB und der Hypo Real Estate; 500 Milliarden Euro für den großen Rettungsschirm, der anschließend über die gesamte Finanzindustrie gespannt wurde; 100 Milliarden Euro für den Deutschland-Fonds, mit dem die Regierung der Industrie hilft.

Bürger als Bürgen

800 Milliarden Euro - so viel gibt der Bund üblicherweise in drei Jahren insgesamt aus. Gewiss, diese 800 Milliarden Euro sind zum größten Teil nicht weg. Noch nicht jedenfalls. Der Staat gibt Garantien, er bürgt für Kredite, für ganze Banken und Konzerne. Und ein Teil der möglichen Garantien wurde auch noch gar nicht beantragt. Doch wenn ein staatlich gesicherter Kredit platzt, wenn ein Unternehmen kollabiert, oder gar mehrere, müssen alle Bürger bürgen. Und bereits vorher sind die Belastungen wegen der beiden Konjunkturpakete enorm: Die staatliche Kreditaufnahme wird 2009 auf 75 Milliarden Euro emporschnellen - ein ausgeglichener Haushalt wie 2008 ist auf Jahre hin passé.

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