Der Kapitalismus bedarf der Zähmung und das Vertrauen in den Markt weicht großer Staatsgläubigkeit: 2008, was für ein Jahr!
Ein furchterregendes Jahr geht zu Ende. Der 15. September 2008, an dem die Investmentbank Lehman Brothers unterging, markiert einen der großen schwarzen Tage in der Wirtschaftsgeschichte, vergleichbar mit dem Börsenkrach vom 24. Oktober 1929 oder dem Zusammenbruch der Wiener Credit-Anstalt am 11. Mai 1931, mit dem die letzte, katastrophale Phase der Wirtschaftskrise in Europa begann.
Die Skyline der "Bankenstadt" Frankfurt am Main im Dezember 2008 - mit einer Eislaufbahn im Vordergrund. (© Foto: ddp)
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In den dreieinhalb Monaten seither haben sich die Grundlinien der Wirtschaftspolitik mehr verändert als in den dreißig Jahren zuvor. Der Staat hat ein Ausmaß an Verantwortung übernommen, das bis zum Abend des 14. September unvorstellbar erschien. Die Regierungen haben sich Hunderte von Milliarden Dollar und Euro an Schulden aufgebürdet, weitere Milliarden werden dazukommen müssen, wenn der Absturz der Weltwirtschaft gestoppt werden soll. Niemand weiß heute, was dies auf lange Sicht für die Staatsfinanzen und den Geldwert bedeutet. Sicher ist nur: Eine Wiederholung der Weltwirtschaftskrise wäre so schlimm, dass im Vergleich dazu alles andere als erträglich erscheint.
Das Jahr 2008 wird das Denken der Menschen auf unabsehbare Zeit bestimmen. Der Kapitalismus gilt bei vielen als diskreditiert oder wenigstens als stark zähmungsbedürftig. Das Vertrauen in den Markt, in Deutschland ohnehin nie übermäßig ausgeprägt, ist großer Staatsgläubigkeit gewichen. Der Deutungs- und Empörungsbetrieb sucht jetzt nach einfachen Erklärungen: Schuld sei die Gier der Bankmanager, der Turbokapitalismus, oder sogar, wenn es nach dem EKD-Ratsvorsitzenden Bischof Wolfgang Huber geht, Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann. Doch hinter der Entrüstungs-Rhetorik bleibt ernüchternd wenig Erklärungssubstanz übrig.
Natürlich gab es Gier, also besinnungsloses Gewinnstreben, an der Wall Street - wie immer in Boom-Zeiten. Natürlich haben Bankmanager versagt, bei Lehman Brothers, bei der Hypo Real Estate und bei den - wohlgemerkt staatlichen - Landesbanken in Deutschland. Und natürlich hat der langjährige amerikanische Notenbankchef Alan Greenspan die Zinsen zu lange zu niedrig gelassen und so die Spekulation mit Häusern und Grundstücken begünstigt. Aber unverantwortliches Management, besinnungslose Spekulation und falsche Geldpolitik hat es immer wieder gegeben. Die Fehlleistungen wurden vom Markt bestraft, Manager verloren ihren Job und Aktionäre viel Geld. Warum blieb es diesmal nicht dabei, warum wurde 2008 alles so schrecklich anders?
Greenspans eigentlicher Fehler
Diese Frage wird erstaunlich wenig gestellt. Dabei ist die Antwort darauf entscheidend. Denn in ihrem Kern ist die Krise des Jahres 2008 keine Krise des Kapitalismus selbst, sondern eine des Übergangs von einer Form des Kapitalismus zu einer anderen. Sie ist die erste große Krise der Globalisierung, die erste eines möglicherweise postamerikanischen Zeitalters. Die globale Marktwirtschaft, also das, was heute gerne als Turbokapitalismus dämonisiert wird, hat seit dem Ende des Kommunismus Hunderten von Millionen Menschen aus Hunger und Elend verholfen; aber es gibt bis heute keine angemessene Finanzordnung dafür. Das Jahr 2008 ähnelt insofern dem Jahr 1907, als mit einem großen Bankenkrach die Phase des völlig unregulierten Finanzkapitalismus zu Ende ging. Oder dem Jahr 1931, als die Ordnung der Zwischenkriegszeit an ihren eigenen Widersprüchen zugrunde ging.
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Moderne Verwaltung
aber wenn hier Lafo wegen seiner Kapitalverbrecherangriffe gescholten wird, sollten Sie, Herr Piper, erstmal mit Ihrem Kollegen Prantl reden, der diesen Begriff mit Bezug auf Banker schon viel früher in seiner unnachahmlich selbstgerechten Art geprägt hat
... um das Denken der Menschen auf unabsehbare Zeit zu bestimmen. Bis jetzt haben doch die Regierungen und die Zentralbanken weltweit mit immer größeren Rettungspaketen die Kernschmelze im Finanzsystem immer wieder hinausgeschoben. Der Untergang von LB war nur ein Domino-Stein.
Geändert hat sich dadurch fast nichts. Aus verständlichen Gründen traut keine Bank der anderen über den Weg. 2009 müssen viele Banken ihre Kredite an das Spielcasino zurückzahlen, mit denen jetzt wertlose Derivate gekauft wurden. Dann gewinnt das Wort Domino-Effekt eine ganz neue Bedeutung.
Herr Köhler und Herr Steinbrück hoffen auf Obama. Sie sind sich einig, dass nur eine Neuordnung des Finanzsystems eine Lösung der Probleme bringt und nicht immer mehr Geld drucken und verteilen. Dies war allerdings notwenig, um die weltweite Kernschmelze im Finanz- und Wirtschaftssystem kurzfristig zu verhindern.
Das Jahr 2009 wird in die Geschichte eingehen. 2008 und 1929 waren dagegen nur Peanuts. Aktien im freien Fall und Arbeitslosigkeit in den Industrie- und Schwellenländern gewinnen eine neue Bedeutung. Keine Prophezeiung, nur eine logische Konsequenz.
Man sollte einmal nachforschen, warum die Amerikaner eine so verfehlte Wirtschaftspolitik machen. Warum kommt das Land in Innovation und Produktion nicht mehr nach vorne, so dass es Innovationen vorwiegend aus Asien einkaufen muss? Die Automobilindustrie ist nur ein Beispiel. Die Asiaten bauen Kleinwagen mit Hybridmotor, die Amerikaner spritfressende Autos. Chrysler hat vor einigen Jahren einen Oldtimer mit Hochleistungsmotor gebaut und irgendwie hat man den Eindruck, die amerikanische Wirtschaft ist in dieser Zeit stehen geblieben. Und dabei soll nach dem Lehrbuch der Kapitalismus doch den Fortschritt beschleunigen. Es ist so, als ob eine gesellschaftliche Gruppe in den Staaten den Fortschritt bremst und in eine Richtung lenkt, die die Bremskraft verstärkt. Dies zeigt sich auch in der amerikanischen Kultur.
Der GM Chef Wagoner hat bei einer Anhörung in Washington gesagt, das Unternehmen sei feindlichen Kräften ausgesetzt, ohne diese genauer benennen zu können. Die anderen Autobauer hat er nicht gemeint.
Wie kommt es, dass eine Nation, die von Händlern und Kaufleuten gegründet wurde, die Grundsätze kaufmännischen Verhaltens über Bord wirft und sich bis in die privaten Haushalte hinein verschuldet und dadurch ökonomisch abhängig und leichter manipulierbar wird, vor allem durch eine immer totalitärer werdende amerikanische Leitkultur?
Wie kommt es zu einer gigantischen Überbewertung von Immobilien? Hier hat sicherlich die vom amerikanischen Staat geschaffene Nachfrage durch staatlich geförderte Immobilienkredite nachgeholfen. Die vom amerikanischen Staat mit herbei geführte Immobilienkrise war sozusagen der rote Knopf, der eine Kettenreaktion in Gang gesetzt hat, die zu einer Art Supergau in der Finanzwirtschaft geführt hat. Diese Kettenreaktion ist in die globale Weltwirtschaft über internationale Kredite weitergelaufen und hat in den globalen Wirtschaftsbedingungen nachgeschwungen, weil in allen nationalen Wirtschaftsordnungen Geld verbrannt worden ist.
Aber ohne die USA wäre die Weltwirtschaft fast überall in der Welt weiter angewachsen. Würde man die USA aus dem Weltwirtschaftssystem wegdenken, wären wir noch in einer globalen Wachstumsphase.
Was läuft in den USA falsch? Wieso ruiniert sich ein liberales Wirtschaftssystem scheinbar selbst? Wirken diese Kräfte auch in der BR Deutschland. Das sind Fragen, denen sich die Gesellschaft stellen muss.