Es liegt offenbar an einem Konstruktionsfehler. Doch dieser Fehler ist nicht in der Ökonomie selbst begründet, sondern darin, wie sie zivilisiert wird. Man muss den Kapitalismus nicht verteufeln und ihm Bösartigkeit zusprechen - wie einem "Monster". Das ist einer der Hauptfehler seiner Kritiker. Ihm eine asoziale Struktur vorzuwerfen, ist so klug, wie dem Jagdhund das Jagen vorzuhalten. Seine unvergleichliche Produktivität, Innovationspotenz und historische Durchsetzungskraft, all dies setzt seine völlige Unempfindlichkeit, Bindungslosigkeit und Abstraktion von allen sozialen und individuellen Besonderheiten voraus.

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Ein neuer Gesellschaftsvertrag

Sein asozialer Zug ist kein Charakterfehler, sondern ein konstruktives Prinzip. So wenig aber, wie man ein Geschöpf wie Frankenstein aus dem Labor entweichen und unter den Menschen sein Unwesen treiben lassen darf, so wenig darf man das Geschöpf "Kapitalismus" mit seinen riesigen Potenzen und dem nicht-existenten "humanen" Kopf einfach auf die Menschheit loslassen. Für die frühen Akkumulationsphasen mag das zwangsläufig gewesen sein. Doch für die Jetztzeit zählt nicht die historische Genese, sondern die soziale Abfolge.

Es ist eine Frage der Priorität. Geht man von einem gleichrangigen Nebeneinander von Markt und Staat aus, die wie jene zwei unversöhnlichen Mächte im Mittelalter einander übertrumpfen wollen, dann hat man die heutigen Probleme. Auf Dauer gewinnt der gewissenlosere von beiden, also die Ökonomie.

Doch der Staat ist, wohlverstanden, mehr als nur die Reparaturstätte des Marktes. Er (genauer: das Gemeinwesen, das er repräsentiert) muss dessen Prämisse sein. Die Ökonomie darf nicht neben dem Sozialvertrag eingerichtet und von außen "gezähmt" werden - das ist das Missverständnis vieler über die "soziale Marktwirtschaft". Sie muss integraler Bestandteil des Gesellschaftsvertrages sein und dessen Vorgaben und Geist gehorchen.

Natürlich kann es nicht bei blauäugiger Kirchentagsprosa bleiben. Schließlich ist die Umstellung auf den sozialverträglichen Kapitalismus so unvermeidlich und als Aufgabe so kolossal wie die Umstellung des Gesellschaftsvertrags auf eine klimagerechte Zivilisation. Nichts Geringeres als dieses Doppelprojekt steht an. Die Moderne ist offenkundig an dem Punkt angekommen, an dem sie sich den beiden erd- und gattungsumspannenden Herausforderungen gleichzeitig stellen muss, der ökologischen und der ökonomischen. Solange der Sozialstaat nur als Heilanstalt der Blessuren auftritt, die der rigorose Markt hinterlässt, wird er so ausgehöhlt und schwach, wie wir es seit langem beobachten.

Die Pointe dabei ist, dass auf Dauer, wenn also soziales und individuelles Wohl der wirkliche Sinn des Marktwirtschaftens werden, womöglich auch der integrierte Kapitalismus gewinnt. Schlüsse dafür lassen sich aus den rheinischen oder skandinavischen Erfahrungen ziehen. Doch hinreichende Modelle für die künftige Verträglichkeit des stets auch unverträglichen globalen Kapitalismus enthalten diese nicht. Die politische Phantasie für die Entwicklung dieses Paradoxes ist noch unterentwickelt. Doch auch wenn es kein Trost ist: Das teilt sie mit der ökologischen Phantasie.

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  1. Wer regiert die Welt?
  2. Sie lesen jetzt Vor welcher Aufgabe die Moderne jetzt steht
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(SZ vom 12.12.2009/hgn)