Finanzmärkte Der Banker, das unbekannte Wesen

Nach dem Krisen-Eklat das Weiter-So: Ist eine spezifische Unternehmenskultur in den Banken schuld an der Misere? Experten fordern ein Umdenken in der Branche.

Von M. Hesse

Banken haben die Weltwirtschaft in ihre größte Krise seit acht Jahrzehnten geführt. Das würde heute schon deshalb kaum jemand bestreiten, weil keine andere Branche die Entwicklung der Wirtschaft je so stark beeinflussen wird wie die Kreditwirtschaft, die alle Teilnehmer im Wirtschaftsprozess miteinander verbindet und mit Geld versorgen sollte. Um die Ursachen für die Krise zu verstehen, lohnt es sich also, sich diese besondere Art von Unternehmen genauer anzusehen. Gibt es eine eigene Firmenkultur in Banken, die das Entstehen der Krise begünstigt hat? Sind Werte, Einstellungen und Handlungsweisen dort anders als in anderen Unternehmen?

"Es gibt quer durch die Branche einen ausgeprägten Stolz, Banker zu sein", sagt Max Scholz, Partner bei der Managementberatung Kienbaum. Daran hätten auch die Krise und die Häme, die über die Branche ausgeschüttet wird, nichts geändert. Allerdings gebe es Unterschiede zwischen den Sektoren. Die deutschen Großbanken sähen sich als Elite, Sparkassen und Volksbanken seien bodenständiger. Einen deutlich ausgeprägten Dünkel finde man nach wie vor in den klassischen amerikanisch geprägten Investmentbanken, die sich als Klasse für sich betrachteten.

Auch Klaus Mittorp von der Management-Beratung Hay Group ist sich sicher, dass Banken sich in ihrer Kultur von anderen Unternehmen grundlegend unterscheiden und sieht darin eine Ursache für die aktuellen Probleme. "Zur spezifischen Firmenkultur vieler Banken gehört, dass sie stark auf kurzfristiges Denken ausgerichtet sind und sich extrem an finanziellen Erfolgsgrößen orientieren", sagt Mittorp. Oft sei in diesen Kulturen die materielle Vergütung die einzige Form der Anerkennung. Das führe dazu, dass Leistung und Veränderung fast nur über finanzielle Hebel herbeigeführt würden. Die positive Motivationswirkung von Geld höre aber irgendwann auf.

Dagegen bezweifelt Michael Junker, Geschäftsführer im Bereich Finanzdienstleister bei der Unternehmensberatung Accenture, dass es eine spezifische Bankenkultur gibt. "Die monetäre Ausrichtung ist nicht charakteristisch für Banken. Hier wie in anderen Firmen bezahlt man Manager danach, wie viel Wert sie für das Unternehmen schaffen." In der Vergangenheit seien in einigen Bereichen des Investmentbanking besonders hohe Margen erzielt worden, daher sei dort auch die Vergütung höher gewesen. Fehler im Anreizsystem sieht jedoch auch Junker und beklagt die kurzfristige Ausrichtung.

Neue Unternehmenskultur gefordert

Auch der Kienbaum-Berater Scholz warnt davor, von den Investmentbanken auf die gesamte Bankbranche zu schließen. "Bei den Auswüchsen in der Vergütung geht es um eine kleine Gruppe von Investmentbankern, die sich ausschließlich über Geld definieren", sagt Scholz. In anderen Bankbereichen definierten sich Mitarbeiter wie in anderen Branchen über ihre Aufgaben. Mittorp ist dagegen der Ansicht, Banken sollten stärker auf andere Anreize setzen, etwa indem sie gute Mitarbeiter stärker in strategische Aufgaben einbinden oder interne Auszeichnungen verleihen.

Mittorp findet, für Banken sei es geradezu überlebenswichtig, ihre Unternehmenskultur zu verändern. "Einige Banken, die das jetzt noch nicht wahrhaben wollen, könnten künftig keine Rolle mehr spielen." Das gelte nicht nur für Investmentbanken. Privatbanken müssten vor allem ihre Beratungspraxis ändern. Auch im Umgang mit Innovationen fordert er ein Umdenken. "In Banken heißt Innovation immer noch zu oft, alle paar Wochen ein neues Zertifikat aufzulegen. Neuerungen müssen nachhaltiger sein." Allerdings lasse sich eine neue Unternehmenskultur nicht per Gesetz verordnen. Bei einer Deckelung der Boni beispielsweise wichen Banken auf höhere Fix-Gehälter aus.

Junker sieht die Schuld für Fehlentwicklungen dagegen weniger in der Firmenkultur der Banken. Vielmehr gebe es eine Mitverantwortung der Verbraucher. "Der Kunde beeinflusst durch sein Nachfrageverhalten die in Aussicht gestellte Rendite. Wenn er hohe Rendite will, dann wird die Bank zu liefern versuchen, unter Umständen auch unter Inkaufnahme höherer Risiken." Das sei wie bei anderen Produkten: Wer Fleisch ganz billig wolle, riskiere eben, Gammelfleisch serviert zu bekommen.

Rückkehr zur alten Praxis

Die Bank ihrerseits müsse aber darauf hinweisen, dass es bestimmte Renditen nur mit entsprechend hohen Risiken gebe. Junker glaubt nicht, dass Kunden und Banker ihr Verhalten wegen der Krise umstellen. "Verbraucher brauchen die Erfahrung, welche gefährlichen Folgen das billige Fleisch oder die hohe Rendite haben können, sonst werden sie ihr Verhalten nicht ändern. "In der Finanzkrise hat der Staat die allermeisten Bankkunden vor dieser Erfahrung bewahrt." Das sei zwar notwendig gewesen, aber viele dächten daher, sie könnten weitermachen wie bisher.

Das gilt auch für die Bankmanager: Die allermeisten wurden nicht existenzvernichtend getroffen. Selbst die Mitarbeiter untergegangener Banken wie Lehman Brothers oder Bear Stearns arbeiten unter den neuen Eigentümern, Barclays, Nomura oder J.P. Morgan weiter. In Bankenkreisen heißt es, einige Investmentbanken gingen bereits wieder hohe Risiken im Eigenhandel ein. Goldman Sachs werde damit womöglich im zweiten Quartal ähnlich gut verdienen wie im Rekordjahr 2007. Auch bei den Bonuszahlungen geht es entsprechend wieder aufwärts.

Auch Mittorp fürchtet, dass die meisten Banken zunächst weitermachen könnten wie bisher. Daran werde auch der öffentliche Druck nichts ändern. "Das kann auch eine Jetzt-erst-recht-Mentalität wecken." Junker ist überzeugt, dass es jedem Unternehmen letztlich um den Gewinn geht. "Wenn man eine gute Reputation braucht, um den Gewinn zu maximieren, werden sie das berücksichtigen." Das glaubt auch Kienbaum-Manager Scholz. Banken seien für die Risiken sensibler geworden. "Das wird bleiben." Bei den Privatbanken dürfte die Verwerfung zu einer Neuentdeckung des Kunden führen, erwartet Scholz. Im Investmentbanking rechne er jedoch nach einer krisenbedingten Delle mit einer Rückkehr zur alten Praxis.