Von Catherine Hoffmann

Sollte der radikale Marktglaube durch strengere Regeln ersetzt werden? Die Politik wird in nächster Zeit die Entwicklung an den Finanzmärkten bestimmen. Die Frage ist nur: in welche Richtung?

Europäische Aktienkurse haben sich seit ihrem Tief vor einem Jahr kräftig erholt. Doch die Investoren sind nicht davon überzeugt, dass die erfreuliche Entwicklung auch gerechtfertigt ist. Das zeigen die außerordentlich heftigen Kursrückschläge, die den Anstieg immer wieder unterbrechen. Nach jedem Absturz fragen sich die Anleger, ob sie nicht besser umkehren sollten.

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Die Unsicherheit ist groß an den Finanzmärkten. Wie geht es weiter mit den angeschlagenen Banken, den verschuldeten Staaten dem Euro? Das Auf und Ab spiegelt auch der Dax-Kurs seit dem 6. März 2009 wider. (© SZ-Graphik, T.F. Datastream)

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Die Orientierungslosigkeit mag erstaunen, erwartet man von den Börsianern doch, dass sie wissen, wo es langgeht. An den Aktienmärkten wird die Zukunft gehandelt, heißt es immer. Doch was diese Zukunft bietet, ist seit dem Kollaps der Weltwirtschaft und den beispiellosen Rettungsversuchen der Regierungen ungewiss.

Wann ist ein Staat hoffnungslos überschuldet?

Auf viele drängende Fragen sind noch keine Antworten gefunden: Muss die Welt nun auf viele Jahre mit niedrigem Wachstum leben? Sollte der radikale Marktglaube durch strengere Regeln ersetzt werden? Wie viele Kredite kann ein Staat aufnehmen, bevor er hoffnungslos überschuldet ist? "Es ist schwer zu kalkulieren, wie es an den Börsen weitergeht", sagt deshalb der Kölner Vermögensverwalter Bert Flossbach. "Die große Unbekannte dabei ist und bleibt die Politik."

Die Anlageprofis staunen selbst über die neue Börsenwelt, auch Peter Oppenheimer, der Chefstratege der amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs für europäische Aktienmärkte. "Wenn ihnen vor fünf Jahren jemand erzählt hätte, dass sie 2010 europäische Aktien kaufen können, die nur neun mal so viel kosten wie die für 2011 erwarteten Unternehmensgewinne, während Staatsanleihen nur drei Prozent Rendite bieten und die Weltwirtschaft um die fünf Prozent wächst, dann hätten sie geglaubt, ein goldenes Zeitalter bricht an", sagt er.

Risikoprämien steigen und steigen

Nun sind viele gute Aktien sehr günstig bewertet, doch von endlosem Wachstum träumt niemand, auch wenn die Unternehmen mit hohen Gewinnen beeindrucken und attraktive Dividenden zahlen: Ein Fünftel der europäischen Aktien lockt sogar mit einer höheren Dividendenrendite als Anleihen derselben Firmen. Mehr noch: Die Risikoprämie von Aktien beträgt 6,5 Prozent.

Mitten in der Technologieblase der späten neunziger Jahre, als die Investoren nicht den geringsten Zweifel an einer rosigen Zukunft hegten, schrumpfte der Aufschlag auf nahezu null, Anleger forderten also keine Zitterprämie, um für das Risiko entlohnt zu werden, das Aktien im Vergleich zu Staatsanleihen bergen.

Doch mit der Finanzkrise kletterten die Risikoprämien so hoch wie seit zwei Jahrzehnten nicht, ein unwiderstehliches Angebot, glaubt Oppenheimer. Der Goldman-Sachs-Stratege ist überzeugt, dass die günstige Bewertung 20 Prozent Kurssteigerungspotential in Europa birgt - wenn nicht mehr.

Und er ist nicht allein mit seinem Optimismus. Auch Teun Draaisma, verantwortlich für europäische Aktien beim Konkurrenten Morgan Stanley, setzt verstärkt auf Unternehmenstitel. Tatsächlich spricht die moderate Bewertung für eine nachhaltige Erholung der Kurse. Doch die Anleger trauen den Aktien nicht, sie wollen sich nicht auf den Aufschwung verlassen.

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