Finanzkrise 1929 und 2008

Gier und Überheblichkeit kennzeichnen die Krise an den Finanzmärkten - heute wie damals. Dabei gibt es erschreckende Parallelen: All das war schon einmal da - vor knapp 80 Jahren.

Ein Kommentar von Ulrich Schäfer

Wer wissen will, wie schlimm die Finanzkrise werden kann, sollte bei John Kenneth Galbraith nachschlagen. Der amerikanische Ökonom hat vor fünf Jahrzehnten ein Buch geschrieben mit dem Titel "Der große Crash". Auf 205 Seiten zeichnet Galbraith nach, wie die USA - und mit ihnen der Rest der Welt - 1929 in die Weltwirtschaftskrise taumelten.

Er erzählt eine Geschichte der Gier, des Überschwangs und der Überheblichkeit. Niemand sah die Gefahren, niemand sorgte sich, dass das ganze Finanzgebilde zusammenbrechen könnte. Alle glaubten, dass das amerikanische Wirtschaftsmodell nahezu perfekt ist.

So verhielt es sich auch bis zum 14. September 2008, als das Beben an der Wall Street begann.

Heute wie damals glaubten die Amerikaner, sie seien in ein neues Zeitalter vorgestoßen, in eine Phase des immerwährenden Wohlstands. 1929 begeisterten sie sich für das Automobil, das Radio, das Flugzeug, die Fließband-Produktion. Sie begeisterten sich für die Börse und steckten ihr Geld in undurchsichtige Fonds. Einer der führenden Wirtschaftswissenschaftler der USA, Irving Fisher, versicherte noch wenige Tage vor dem großen Crash, die Aktienkurse hätten "ein dauerhaft hohes Niveau erreicht".

Verdrängte Realitäten

Auch vor dem damaligen Crash gab es einen Immobilienboom in den USA. Der Wert von Häusern und Grundstücken stieg kräftig, ehe die Preise von 1925 an abrutschten. Der Absturz am Immobilienmarkt war nur der Auftakt zur eigentlichen Krise. Zudem wurde Amerika von einem Präsidenten geführt, der die Realität verdrängte - so wie dies auch heute der Fall ist. Herbert Hoover verkündete damals, was auch von George W. Bush stammen könnte: "Wir sind dem endgültigen Sieg über die Armut heute näher als je zuvor in unserer Geschichte."

Natürlich gibt es Unterschiede zwischen 1929 und 2008. Vor allem einen: Politiker wie Ökonomen behaupten, sie seien heute schlauer. Regierung, Notenbanken und Wissenschaftler wüssten, was damals schiefgelaufen sei, sie hätten gelernt, und deshalb würden sie die Fehler nicht wiederholen. Das mag ja sein. Aber auch die Handelnden heute haben gravierende Fehler gemacht. Teils die gleichen wie damals, teils andere. Diese Fehler haben in die jetzige Krise geführt.

Der entscheidende Fehler: Die Amerikaner haben über Jahrzehnte hinweg auf Pump gelebt. Sie haben sich nicht darum geschert, ob sie ihre Schulden noch bezahlen können, sondern haben darauf vertraut, dass die ganze Welt ihr Leben (und auch die Exzesse an den Kapitalmärkten) auf Dauer finanziert. Mit ihrer Maßlosigkeit haben die USA den Rest der Welt als Geisel genommen. Diese Schuldenwirtschaft bricht nun zusammen, kleinlaut räumt Bush ein, dass Amerikas ganze Wirtschaft in Gefahr sei.

Schwache Aufsichtsbehörden

Der zweite Fehler: Die Amerikaner haben darauf vertraut, dass sich Geld beliebig vermehren lässt. Die Notenbank hat die Wirtschaft viel zu lange mit billigem Geld versorgt. Hypothekenbanken haben die Milliarden genutzt, um mittellosen Amerikanern einen Immobilienkredit aufzuschwatzen. Investmentbanken und Hedgefonds haben das billige Geld in ihre komplexen Finanzinstrumente gesteckt, die gefährlicher sind als alles, was es 1929 gab. Die Amerikaner haben sich als Finanz-Supermacht aufgespielt, wie Peer Steinbrück es nennt. Ein Status, den sie nun zu Recht verlieren.

Historiker verweisen gern auf einen weiteren Unterschied zwischen 1929 und 2008. Damals seien die Aufsichtsbehörden schwach gewesen - oder nicht existent. Die US-Notenbank habe, um Stärke zu beweisen, das Geld verknappt, anstatt es zu verbilligen. Und die Börsenaufsicht SEC sei erst als Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise geschaffen worden.

Starke Worte gegen das Versagen

Alles richtig. Nur: Wo waren SEC und Notenbank in den vergangenen Jahren? Wie konnten sie es zulassen, dass die Banken einen großen Teil ihrer Kredite in ein obskures Schattenreich außerhalb der Bilanz verlagerten? Wie konnten sie es hinnehmen, dass die Banken mit Finanzinstrumenten zockten, die derart gefährlich sind für das Weltfinanzsystem? Der Chef der SEC fordert nun, was seine Behörde vor Jahren hätte tun müssen: "Das Problem muss angegangen werden - und zwar sofort." Selten hat sich ein Börsenaufseher derart entblößt.

Die Regierung in Washington versucht nun, dieses Versagen mit starken Worten zu übertünchen. Und mit starken Taten. Sie stemmt sich mit einem Rettungspaket von 700 Milliarden Dollar gegen die Krise. Doch dieser Plan kann, selbst wenn der Kongress ihn durchwinkt, noch schiefgehen. Wenn es so weit käme, könnte eine Kettenreaktion folgen: Es kippt eine Bank nach der anderen, die Institute schränken ihre Kreditvergabe ein, die Krise springt auf die reale Wirtschaft über, Unternehmen beginnen zu trudeln. Am Ende könnten, wie Bush warnt, Millionen Jobs verlorengehen.

Es kann so kommen. Es muss aber nicht. Wenn Regierungen, Notenbanken und Aufseher tatsächlich die richtigen Schritte unternehmen, wenn sie die Wirtschaft ankurbeln und nicht bloß Spekulanten herauskaufen - dann ist es möglich, diese Krise zu überwinden. Dies wird aber vermutlich lange dauern. Sollten Politiker und Aufseher jedoch so viele Fehler begehen wie in den vergangenen Jahren, dann droht ein Desaster.

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