Beim ertragreichsten Rückversicherungskonzern der Welt, der Münchener Rück, heißt das aktuelle Erneuerungsprogramm "Changing Gear", einen Gang höher schalten. Nach oben scheint die Zahl der Gänge im kapitalistischen Getriebe unbegrenzt. Jedes soziale Geschwindigkeitslimit wird überschritten, jede Gewohnheit in Frage gestellt. Die Energie siegt über das Bewährte, das Flüssige über das Feste.
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Wenn Nokia mit seinen Betrieben ambulant von einem Land ins andere zieht, erinnert dies wieder an den Urkonflikt zwischen Nomaden und sesshaften Landwirten - nur dass jetzt die Nomaden über die Sesshaften siegen. In die kapitalistische Lebensform ist das epochale Drama zurückgekehrt.
"Die politische Ökonomie der Nachkriegszeit", so der Soziologe Heinz Bude, "war in erster Linie mit Problemen der sozialen Symmetrie beschäftigt. Das ist heute anders. In Frage steht das Rätsel von Innovation und Dynamik, nicht das von Kohäsion und Partizipation. Der Unternehmer, nicht der Arbeitnehmer beflügelt die kollektiven Phantasien."
Wo einst im Unternehmen Loyalität und auch Solidarität im Vordergrund standen, zählen nun durchsetzungsstarke Energie und Kreativität - gerade da, wo sie den Rahmen sprengen. Lohnabhängige Mitarbeiter sind nicht mehr als treu-fleißige Diensttuende gefragt. Im besten Fall ist jeder Einzelne eine eigene Quelle unternehmerischer Dynamik, ist jeder selbst ein schöpferischer Zerstörer.
Der Angestellte als Kopie des Unternehmers
Der Angestellte ist darum, will er nicht zum wachsenden Heer der Verlierer gehören, der Doppelgänger des Unternehmers. Und als solcher ist er ähnlich tatendurstig, initiativenreich - und flexibel loyal-illoyal wie jener.
Damit schließt sich der Kreis zur jetzigen Krise des Finanzmarkts. Denn wenn sich mit der neuen Philosophie des Kapitalismus der Angestellte zur Kopie des Unternehmers wandelt, zieht die Dynamik des Marktes in das Unternehmen ein, es gibt keine Demarkationslinie mehr zwischen innen und außen, das Unternehmen löst sich innerlich von seinen Produkten und wird letztlich zum Portfoliomanagement.
Die Komposition seines wirtschaftlichen Engagements wird unsentimental danach zusammenstellt, was am profitabelsten ist - ein Kaufhaus wie Karstadt-Quelle ist binnen kurzem größter Anbieter von Direkt-Krankenversicherungen geworden. Da ist der ungeheure Bedeutungszuwachs des Finanzmarkts nur folgerichtig. Allein das Geld und dessen Derivate sind sozial unempfindlich, transferierbar, traditions- und widerstandslos genug, um das ideale Medium des kapitalistischen Energiekreislaufs darzustellen.
Kein Wunder also, dass der Finanzmarkt so explosiv expandiert. Kein Wunder aber auch, dass sich hier kapitalistische Unanständigkeiten potenzieren. Wo in einem flirrenden Raum schierer Virtualität sich alle soziale Substanz verflüchtigt und jede Summe, jeder Kapitaleinsatz spielend übertrumpft werden kann, wo Entscheidungen nicht einem Produktionsrhythmus folgen, sondern einander in Sekunden ablösen, wo nicht Erfahrung, sondern Virtuosität prämiert wird, da verjagt ein Erfolg den andern, da nährt ein Leichtsinn den nächsten.
Wie auch immer aber die aktuelle Krise ausgeht, die materiellen Vorteile der neuen kapitalistischen Gestaltungsenergie sind gewaltig. Welcher noch so entschiedene Kapitalismuskritiker möchte sie missen? Ebenso gewaltig sind aber auch die sozialen und ökologischen Nachteile. Irgendwo dazwischen stellt sich noch die Sinnfrage.
In dem 50er-Jahre-Film "Auf Wiedersehen, Franziska!" bemerkt Carlos Thompson gegenüber Ruth Leuwerik einmal: "Das kleine Stückchen zwischen Gestern und Morgen, das ist das Einzige, was wir haben." Ein solches Lob der Gegenwart ist das Letzte, was der energetische Kapitalismus braucht. Der Kapitalist, und das ist heute auf Gedeih und Verderb eben jeder, ist voll der Zukunft verschrieben, den reichen Optionen des Morgen.
Ist die neue Marke, der neue Markt realisiert, sind die pfiffigsten Unternehmer längst unterwegs zu neuen Ufern. Kleist klagte einst, er sei ihm unmöglich, sich anders "als durch die Zukunft auszusprechen". Was den Dichter noch beschwerte, befeuert den Unternehmer. Dort am Horizont der immer schneller eingeholten und immer schneller fliehenden Zukunft, dort ist sein Ziel, dort wird nicht alles gut, aber alles besser.
So gesehen ist der Kapitalismus die produktivste Lebenslüge, die es gibt.
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(SZ vom 22.03.2008)
Ägypten
Ein Kommentar wie Weihrauch im Tempel : Sinne und Verstand verwirrend !
Eine Spitzenleistung aus der Werbeabteilung ! Aufgabenstellung :
"Welche Wörter muß man zusammenfügen , um noch das grauste Grau in leuchtendes Optimistisch-Rosa zu verwandeln ?"
Und - Wie das leuchtet !! Bravo , Herr Zielcke !
Achtung ! Bei nicht durch Werbung Gestählten kann das Turbo-Rosa zu Übelkeitsattacken führen !