Die Euro-Krise ist keine Verschwörung der Märkte, sondern erklärbar - mit den Fehlern der Politik. Zu lange haben die Staaten Schulden aufgetürmt. Wenn sie dieses Problem lösen, hat die Währung eine Zukunft.
750 Milliarden Euro, das ist eine überaus gewaltige Summe. Für 750 Milliarden wollen die Euro-Länder und der IWF bürgen, wenn ihre Mitgliedsländer in dem ewig wiederkehrenden Geschäft des Geldleihens und -zurückzahlens am Markt kreditunwürdig werden. 750 Milliarden Euro, diese Summe wird man jetzt häufig mit allen zehn Nullen ausgeschrieben sehen. Das flößt Respekt ein und womöglich Angst. Welches Rad wird hier gedreht, die Frage liegt nahe, und wer beherrscht die Regeln des Spiels? Welt- (oder Euro-)Untergangsphantasien haben Konjunktur.
Viele Kritiker haben vor dem Niedergang der Gemeinschaftswährung gewarnt - jetzt fühlen sie sich bestätigt. (© Foto: dpa)
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Die Furcht wird genährt durch ein verbreitetes Unverständnis über das, was an den Finanzmärkten geschieht: Verschwörungsfloskeln allerorten. "Die Märkte" spielen verrückt. "Die Spekulanten", ausgestattet mit "gigantischen Computerprogrammen", sind von der Kette. Sie "wetten gegen Griechenland" oder gleich "gegen den Euro" - geht's noch eine Nummer größer?
Wenn wirklich ein solch titanischer Kampf stattfände wie behauptet, könnten die Euro-Staaten ihn gar nicht gewinnen. Sie wären dafür schlicht nicht gerüstet; zu viele Interessen, zu schwergängige Mechanismen, zu viel Demokratie. Aber radikale Parolen und extreme Alternativen sind nicht hilfreich. Die D-Mark ist gut / der Euro ist schlecht. Die Spekulation rast / die Politik ist ohnmächtig. Der Mensch hat abgedankt / es herrscht die Maschine: Das klingt rasant - und ist doch weltfremd.
Heute sind nicht finstere Spekulanten am Werk, nicht einige Mega-Zocker wie einst der Finanzakrobat George Soros, der angeblich im Alleingang das britische Pfund in die Knie zwang (was immer schon eine Übertreibung war), sondern kleine und große Anleger. Einige von ihnen, meist verallgemeinernd "Hedge Fonds" genannt, sind größer, aber auch sie bestimmen das Spiel nicht alleine. Sie finden bestenfalls, wie die Profis unter den Wellenreitern, den perfekten Zugang auf die große Welle - aber es ist nicht ihre Welle.
Über die Verhältnisse gelebt
Ein "Kampf" findet also nicht statt, und schon gar nicht herrscht Verschwörung, sondern wir erleben Dinge, die man erklären kann und die damit einen Teil ihres Schreckens verlieren. Die Staaten dieser Welt haben in einer langen Ära des Friedens über ihre Verhältnisse gelebt, sie haben sich verschuldet und sind über Gebühr von den internationalen Geldgebern abhängig geworden. Wirtschaftspolitische Fehler paarten sich mit technischem Fortschritt: Der globale Kapitalismus ist im IT-Zeitalter schnell und effektiv - und der Ordnungsrahmen war zu weit gefasst, um selbstzerstörerische Geschäfte zu verbieten.
Diese Probleme haben wenig mit früheren Warnungen vor dem Euro zu tun, die nun wieder aus den Archiven gezogen werden. Viele Liebhaber der D-Mark haben seinerzeit vor einem Scheitern der Währungsunion gewarnt, und sie fühlen sich nun bestätigt. Doch ihre Kritik war fundamental, sie konnten sich Neues nicht vorstellen - und auch nicht, dass der Euro eine Erfolgsgeschichte werden würde, von der besonders die exportstarken Deutschen zwischenzeitlich gut gelebt haben.
Entsprechend ist es nun kein spezielles Merkmal des Euro, dass seine Staaten so wie viele andere Länder über alle Maßen verschuldet sind. Von daher ist es töricht zu behaupten, dass die Euro-Staaten mit ihrem 750-Milliarden-Dollar-Versprechen in der Nacht zum Montag dem Euro den Todesstoß versetzt hätten. In Wirklichkeit haben sie schlicht zur Normalität gefunden.
Normalität jenseits der Sonntagsreden
Es ist dies eine Normalität, die in der Europäischen Union und im Euro angelegt war, auch wenn sie in den Sonntagsreden verbrämt wurde. Aus politischen Gründen kam damals zusammen, was ökonomisch (noch) nicht zusammenpasste. Der Vergleich mit der deutschen Wiedervereinigung liegt nahe. Und so wie diese nun trotz aller wirtschaftlicher Verwerfungen Realität ist und nicht wieder aufgelöst werden kann, so wird auch die Währungsunion, die nun noch erkennbarer als früher eine Transferunion ist, samt dem Euro weiterleben.
Nur dass es für die Deutschen ökonomisch nicht mehr so bequem sein wird - wie es auch für die Westdeutschen heute nicht mehr so bequem ist wie vor der Einheit.
Deshalb ist weniger wichtig, was in der Nacht zum Montag passierte, als vielmehr das, was in den kommenden Tagen, Wochen und Monaten geschehen wird.
Wird es gelingen, der Solidargemeinschaft Regeln zu geben, so, wie die deutsche Einheit auch finanzielle Regeln für das Zusammenwachsen von Ost und West kennt? Gelingt es der Europäischen Zentralbank, die als politikfern konstruiert worden ist, sich in der neuen Welt zu behaupten, in der sie in den internationalen Verbund eingewoben ist? Findet das Deutschland der Angela Merkel seine selbstbewusste Rolle neben dem in dieser Krise auftrumpfenden Frankreich eines Nicolas Sarkozy?
Über allem schwebt die eine große Frage: Wie ernst und nachhaltig konsolidieren die Defizitländer ihre Staatsfinanzen? Aber auch: Wie viele Anreize für mehr Wachstum setzen sie? Wagen sie notwendige Verteilungskämpfe: jene zu stärken, die das Geld verdienen, das der Sozialstaat dann verteilt?
Wenn all das gelingt, muss einem um den Euro und den europäischen Wohlstand nicht bange sein.
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(SZ vom 11.05.2010/tob)
Ägypten
Ich denke, jetzt haben wir erst einmal den französischen Banken aus der Patsche geholfen. Gratuliere Herr Sarkozy ! An zweiter Stelle kommen dann meines Wissens Schweizer Banken und an dritter Stelle vielleicht deutsche Banken. So kann man leicht spekulieren - wenn dann ein 750 Milliarden Rettungsschirm aufgespannt wird.
Ich finde die Wetten der Hedgefonds auch nicht unmoralischer als das, was die europäischen Banken da gemacht haben und womit sie jetzt auch noch prächtig verdienen.
"Aus politischen Gründen kam damals zusammen, was ökonomisch (noch) nicht zusammenpasste."
So ist es. Das "noch" kann M Beise dabei streichen, denn es wird auch in 20 Jahren nicht zusammenpassen. Und die Rechnung dafuer wenn man eine Waehrung als politisches Bindemittel missbraucht, die kommt eben jetzt: Bis zu 750 Milliarden Teuro und die einst so stolzen Euro-Staaten muessen sich wie ein Drittweltland vom IWF helfen lassen. Nix mehr mit neuer Leitwaehrung der Welt usw.
"Wenn all das gelingt, muss einem um den Euro und den europäischen Wohlstand nicht bange sein."
Jaha. Wenn das alles gelingt dann koennen Schweine auch fliegen. Bislang ist so ziemlich nichts davon gelungen. Warum sollte das sich auf einmal aendern Herr Beise?
Herr Beise glaubt, dass Mentalitäten sich ändern können? Ich bin beeindruckt. Der Süden wird von seiner notorisch-levantinischen Haushaltspolitik lassen? Warum sollte er, wo wir doch in Zukunft alle Fehlbeträge ausgleichen.
Und von welchen Regeln spricht er eigentlich ? Wir haben gerade gelernt, dass Regeln und Verträge dazu da sind, nicht eingehalten zu werden. Es sind alle Zutaten vorhanden um den ganzen Laden endgültig in den Orkus zu schicken, es sei denn , die Poltiker hören auf Herrn Beise.
@rumburak2006, natürlich können wir in Südländern "bessere" Deutsche finden und in Deutschland "bessere" Südländer. Aber die Zahlen in den Statistiken (z.B. Sparqoute) und die Lebensgewohnheiten, abseits touristischer Hochburgen, sprechen für sich.
... er schmiert ja heute schon wieder ab ....
Paging