Interview: Simone Boehringer

Die Finanzkrise gefährdet nach Auffassung der Professorin Renate Ohr den Euro - Länder mit hohen Schulden könnten austreten.

SZ: Die Währungskrise hat Europa erreicht. Staaten wie Griechenland sind so klamm, dass eine Pleite nicht mehr ausgeschlossen werden kann. Kann die Währungsunion auseinanderfallen?

Globale Wirtschaftskrise Ist der Euro gefährdet?

Die Göttinger Hochschullehrerin Renate Ohr kämpfte gegen den Maastricht-Vertrag. (© Foto: oh)

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Renate Ohr: Hochverschuldete Länder wie Spanien, Portugal oder eben Griechenland könnten versucht sein, den Euro aufzugeben, um mit einer Abwertung ihre Exportwirtschaft und damit Wachstum und Steuereinnahmen anzukurbeln. Dies hätte für die betroffenen Länder aber mehr Nachteile als Vorteile. Ihre Altschulden, die sie größtenteils in Euro aufgenommen haben, würden für die Aussteiger viel teurer werden, und sie müssten ohne Anbindung an die Währungsunion noch höhere Zinsen zahlen. Zudem: Wer würde in der Krise schon Staatsanleihen kaufen, die auf Drachme lauten? Das hätte in der Tat Währungskrisen in diesen Ländern zur Folge, nicht aber für den Euro.

SZ: Was ist, wenn stabile Länder wie Deutschland aus der Währungsunion austreten würden?

Ohr: Diese Drohung gab es schon mal von seiten italienischer und französischer Politiker, als ihnen der Euro zu stark war und sie Wettbewerbsnachteile fürchteten. Das ist allerdings keine Mehrheitsmeinung in diesen Ländern. Für Deutschland ergibt ein Austritt gar keinen Sinn, denn eine neue D-Mark würde stark aufwerten. Wir sind das stärkste Land in der Union. Die Exportwirtschaft würde noch mehr leiden. Damit wäre derzeit niemandem gedient.

SZ: Was aber passiert, wenn die Verschuldungsorgie weitergeht?

Ohr: Dieses Problem betrifft praktisch alle Industrieländer, nicht nur Euroland. Es ist daher nicht zu befürchten, dass der Euro zum Dollar dauerhaft an Wert verliert. Wenn, dann verlieren alle wichtigen Währungen gleichzeitig an Vertrauen und - falls es zu einer Inflation kommt - an Kaufkraft. Im Moment gibt es aber eher die gegenteilige Befürchtung sinkender Preise, also einer Deflation.

Sollten einzelne Länder in Euroland in eine richtige Schuldenkrise kommen, wird die Gemeinschaft helfen. Damit nimmt man den Ländern allerdings den Anreiz, selbst für Stabilität zu sorgen, und die Europäische Zentralbank wird es in Zukunft noch schwerer haben, eine stabilitätsorientierte Politik zu betreiben. Wenn die EZB aber ihrer Linie nicht treu bleiben kann, wird das den Euro dauerhaft schwächen.

SZ: Dem Dollar geht es ähnlich schlecht wie dem Euro, weil die Amerikaner noch mehr auf Pump leben als die Europäer. Ist die US-Währung gefährdet?

Ohr: Der Dollar ist sogar mehr gefährdet als der Euro. Der Grund liegt in dem großen Leistungsbilanzdefizit und der hohen Auslandsverschuldung der USA. Sollten die ausländischen Geldgeber das Vertrauen in die US-Wirtschaftskraft verlieren, wird ein massiver Abzug von Kapital aus dem Dollarraum erfolgen. China und Japan, die beiden größten Gläubiger der USA, haben ja schon begonnen, ihre Devisenreserven zu diversifizieren. Sollten sie diesen Prozess beschleunigen, hätte dies einen starken Verfall des Dollarkurses zur Folge.

SZ: Könnte eine Währungsreform helfen, die Krise zu bereinigen?

Ohr: Dazu sehe ich derzeit nicht die geringste Notwendigkeit. Dies müsste man nur ins Auge fassen, wenn ein Staat definitiv seine Schulden nicht mehr bezahlen kann und/oder eine Hyperinflation herrscht. In der Währungsunion ist aber gerade Letzteres überhaupt kein Thema, und bisher sind ohnehin nur kleinere Länder betroffen, was die Währungsunion temporär verkraften kann.

SZ: Was würden Sie tun, um die Krise wirkungsvoll zu bekämpfen?

Ohr: Es geht derzeit wohl nicht anders, als über schuldenfinanzierte Konjunkturpakete den Abschwung abzumildern. Ganz wesentlich für die Zukunft des Euro ist jedoch, dass hochverschuldete Länder nach der Krise strukturelle Anpassungen vornehmen. Dazu gehören Lohnzurückhaltung, die Flexibilisierung der Arbeitsmärkte und ein Abbau der Staatsdefizite. Zudem muss der bestehende Stabilitäts- und Wachstumspakt wieder verschärft werden. Es muss strenge Sanktionen geben, wenn ein Euro-Mitglied der Haushaltsdisziplin nicht nachkommt. Die Programme dazu müssen jetzt festgezurrt werden, um nachhaltig Vertrauen in die Währung zu schaffen.

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(SZ vom 20.02.2009/iko/pak)