Die globale Finanzkrise geht in eine zweite Runde. Nach neuerlichen Milliardenlöchern bei angelsächsischen Banken rechnen Experten mit stärkeren Folgen für die Weltwirtschaft.
Nachdem sich die britische Hypothekenbank Bradford & Bingley Anfang der Woche vom Finanzinvestor TPG frisches Kapital besorgen musste und bei der US-Bank Lehman Brothers Finanzkreisen zufolge eine milliardenschwere Kapitalerhöhung bevorsteht, haben die Skeptiker wieder die Oberhand gewonnen. Für die US-Banken Citigroup und Merrill Lynch könnte es womöglich bald eine neue Finanzspritze aus dem arabischen Raum geben, wurde in New Yorker Bankenkreisen spekuliert.
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Wann kommt der nächste Chrash? Investoren in Schanghai beobachten die Kursentwicklungen. (© Foto: Reuters)
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Märkte geben nach
Die europäischen Aktienmärkte gaben am Mittwoch deutlich nach, der Dax büßte bis zum Nachmittag 1,3 Prozent auf 6927 Punkte ein. Die New Yorker Börse startete zunächst fast unverändert in den Handel. Finanztitel gaben jedoch mehrheitlich nach. Die Aktien von Lehman Brothers sanken um drei Prozent. Tags zuvor waren die Papiere bereits um knapp zehn Prozent eingebrochen.
Analysten der US-Bank JPMorgan erwarten nun auch für die kontinentaleuropäischen Banken deutlich höhere Wertberichtigungen. Den Gesamtabschreibungsbedarf beziffern sie in einer Studie auf 30,6 nach bisher 24,9 Milliarden Euro für 2007 und 2008 - JPMorgan hat selbst stark unter der Subprime-Krise gelitten. Betroffen in Europa sei die Deutsche Bank mit einem Vor-Steuer-Abschreibungsbedarf von 3,6 Milliarden Euro, so die Experten. Auch die Credit Suisse und die französische Société Générale müssten noch Milliarden Euro auf riskante Wertpapierengagements abschreiben. Hiesige Kapitalmarktbeobachter wie Rüdiger von Rosen, Chef des Deutschen Aktieninstituts, kann diese Ansicht für deutsche Häuser nicht teilen. "Einige Institute haben bereits über das erforderliche Maß wertberichtigt", sagt er im Gespräch mit der SZ. Die Aktienkurse der Banken deuteten gleichwohl "auf ein schwaches Geschäftsjahr hin".
Zur Gesamtsituation der Branche meinte Franz Wass, Vorstandschef der zur Sparkassen-Gruppe gehörenden Deka-Bank am Mittwoch: "Das Schlimmste haben wir wohl hinter uns, allerdings sehe ich nicht, dass wir schon komplett durch sind." Der Co-Chef des Deutsche Bank-Investmentbankings, Anshu Jain, erklärte ebenfalls, dass die Krise noch nicht vorbei sei, nachdem sein Chef Josef Ackermann vor wenigen Wochen bereits eine Besserung der Lage verkündet hatte.Mehr und mehr stellt sich die Frage, ob die Weltwirtschaft unter dieser Entwicklung nicht stärker leidet als gedacht. "Die Banken sind weltweit in Schwierigkeiten, sie können sich immer noch nicht ohne Hilfe der Zentralbanken refinanzieren. Dadurch wird in Europa und den USA deutlich weniger Geld verliehen, gleichzeitig sinkt die Kapitalnachfrage. Die globale Wirtschaft leidet darunter", meint dazu Sean Corrigan, Chefstratege des unabhängigen Vermögensverwalters Diapason Commodities Management in Lausanne.
"Deutschland steht gut da"
Passend dazu dämpfte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) am Mittwoch ihre Wachstumserwartungen für die USA und die Eurozone. In Europa werde der Zuwachs 2008 auf 1,7 Prozent und 2009 auf 1,4 Prozent absinken. Für Deutschland rechnet die OECD in diesem Jahr mit 1,9 Prozent. Für 2009 werden aber nur noch 1,1 Prozent erwartet, 0,5 Prozentpunkte weniger als im vorangegangenen Ausblick.Im ersten Quartal hatte die hiesige Wirtschaftsleistung so kräftig angezogen wie seit zwölf Jahren nicht mehr. Sie stieg um 1,5 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Experten hatten diesen Zuwachs jedoch zum Großteil mit Einmaleffekten erklärt. In anderen Ländern verdüsterte sich die Lage bereits: "Deutschland steht von allen europäischen Ländern am besten da. Dort wurde in den letzten zehn Jahren hart gearbeitet statt wie andere Staaten trügerischen Reichtum aufzubauen", lobte Corrigan. Deutschlands Industrie wachse stark, die Nachfrage aus Schwellenländern nach Infrastrukturinvestitionen sei immens. "Deutsche Firmen und Verbraucher stehen solide da, sie sind nicht übermäßig verschuldet", sagt Corrigan.
Ganz anders sieht es in den USA und Spanien aus, wo sich Privatpersonen teilweise hoffnungslos überschuldet haben - vor allem, um ihr Geld in Immobilien zu stecken. Auch in Großbritannien sinken die Immobilienpreise mit zum Teil verheerenden Folgen für die Käufer. Der amerikanische Wirtschaftsprofessor Robert Shiller, Miterfinder des vielbeachteten Case-Shiller-Häuserpreis-Index, erklärte wiederholt, dass er über mehrere Jahre hinweg mit einem Absinken der US-Immobilienpreise um bis zur Hälfte ihres vorherigen Wertes rechne. Dieses Szenario würde sich auf die US-Konjunktur gravierend auswirken, weil viele Bürger ihren Konsum über die Beleihung ihrer Häuser finanziert hatten.
(SZ vom 05.06.2008/mel)
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