Anleger vertrauen allzu blind auf die süße Medizin der US-Notenbank. Doch die Wirkung der Maßnahmen könnte schon bald vorbei sein.
Skeptiker reiben sich verwundert die Augen. Es scheint, als könnten die Banken gar nicht genug Milliarden abschreiben, um die Anleger zu irritieren.
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Riskante Wette: Anleger vertrauen auf einen Aufschwung durch die Leitzinspolitik der US-Notenbank. (© Foto: dpa)
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Selbst die Deutsche Bank, eines der profitabelsten Unternehmen der vergangenen Jahre, schreibt Verluste, bei Allianz, Siemens und anderen schrumpften die Gewinne im ersten Quartal drastisch. Doch schon steht der Dax wieder bei 7000 Punkten. Auch die amerikanischen Leitindizes sind kaum zehn Prozent von ihren Höchstständen entfernt.
War da was? Stand nicht noch Mitte März die Finanzwelt vor dem Kollaps, als der Investmentbank Bear Stearns die Pleite drohte? An den Börsen werde die Zukunft gehandelt, heißt es meist lapidar, wenn die triste Gegenwart und haussierende Aktienkurse nicht zusammenpassen. Doch die Zukunft hält für Anleger wenig Erfreuliches bereit. Genaugenommen setzen sie alles auf eine Karte: die amerikanische Notenbank Fed.
Die Konjunktur verlangsamt sich, die USA stecken je nach Definition bereits in einer Rezession. Viele Rohstoffpreise sind zudem in den vergangenen zwölf Monaten rasant gestiegen. Die Unternehmen geraten also in die Zange: Ihre Umsätze kommen unter Druck, die Kosten steigen. Europäischen Konzernen erschwert der schwache Dollar zusätzlich das Geschäft. Und wer sagt eigentlich, dass die Bankenkrise bereits überwunden ist? Ja richtig, fast niemand sagt das.
Erträge der Banken brechen weg
Umso erstaunlicher ist die Zuversicht der Anleger. Die Banken selbst geben jedenfalls derzeit keine Geschäftsprognosen mehr ab und die Preise am US-Immobilienmarkt fallen noch immer. Aber selbst wenn man davon ausgeht, dass bei den Abschreibungen auf faule Kredite das Gröbste überstanden ist, zeichnen sich die mittelfristigen Folgen der Krise erst allmählich ab: Die Erträge vieler Banken brechen weg. Sie müssen und werden deshalb Kredite verknappen und verteuern. Die Finanzierung wird dadurch für viele Firmen kostspieliger.
Zahlreiche Analystenprognosen für Banken aber auch für Industriekonzerne sind daher zu optimistisch. Doch die Optimisten haben einen Verbündeten: Er heißt Ben Bernanke, lenkt die Geschicke der Fed und überschwemmt den Markt seit Monaten mit frischem Geld. Es ist kein Zufall, dass die Kurswende am 17.März kam, dem Tag an dem J.P. Morgan mit freundlicher Unterstützung der Fed die Investmentbank Bear Stearns rettete. Seither wiegen sich Investoren in der Sicherheit, dass die Fed ihnen in Krisensituationen zur Seite springt und es ihr gelingt, die Wirtschaft in Schwung zu halten. Seither sind die Kurse um rund zehn Prozent gestiegen.
Bernankes Vorgänger Alan Greenspan reagierte 1998 mit Zinssenkungen auf den Kollaps des Hedge-Fonds LTCM. Nach dem Platzen der Internet-Blase und den Anschlägen auf das World Trade Center 2001 wiederholte er das Prozedere. Die Politik des Fed-Chefs, die Börsen in guten Zeiten laufen zu lassen und in schlechten Zeiten zu stützen, ging als Greenspan-Put in die Geschichte ein - eine Art Versicherung gegen fallende Kurse. Heute ist angesichts der Reaktion der Fed auf die Kreditkrise vom Bernanke-Put die Rede. Doch wie weit kann die Wette auf die Fed die Kurse tragen?
Harte Landung droht
1998 wirkte die süße Medizin der Fed eineinhalb Jahre. Die Börsenkurse verdoppelten sich, nachdem sie zuvor etwa ein Drittel verloren hatten. 2001 aber verkürzte die Fed mit ihrer Politik zwar die Rezession, die Börsen aber fielen noch weitere zwei Jahre. Zudem legte Greenspan den Grundstein für die Blase am Kreditmarkt, die 2007 platzte. Und heute? Heute ist die Weltwirtschaft dank der Kraft Chinas, Indiens und anderer aufstrebender Staaten robuster.
Andererseits ist die Lage brisanter als 2001: Damals drohten Stagnation und fallende Preise - beides lässt sich mit sinkenden Zinsen bekämpfen. Heute besteht die Gefahr eines Abschwungs bei steigenden Preisen. Für die Börsen wäre dies ein schlimmes Szenario. Erwiese sich aber der Abschwung wie 1998 als Delle, müsste die Fed rasch und scharf gegensteuern wie 1999, um ein Ausufern der Inflation zu vermeiden. Die Landung an den Börsen könnte dann umso härter sein.
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(SZ vom 06.05.2008/tob)
Christopher Lee zum 90.