Wenn sich Europa von den amerikanischen Exzessen lösen will, muss es dem Absolutheitsanspruch der Rendite etwas entgegensetzen.
Die Deutschen machen in diesen Tagen eine seltsame Erfahrung. Die amerikanische Kapitalismusvariante, die ihnen wiederholt als Krone ökonomischer Schöpfung gepriesen wurde, zeigt dramatische Schwächen.
Anzeige
Jahrelang deklassierten die USA Europa bei allen Kennzahlen und ließen diese Überlegenheit spüren. In Amerika gab es mehr Wachstum, mehr Wettbewerbsfähigkeit, mehr Jobs - Bewohner der Alten Welt mussten sich nachgerade schuldig fühlen.
Nun blickt die Erdbevölkerung in einen Abgrund, den der amerikanische Finanzkapitalismus aufgerissen hat. Noch während die Politiker über die Notwendigkeit eines gewaltigen Rettungspakets für die Geldhäuser streiten, kollabiert mit Washington Mutual die bisher größte Bank und erschüttert die Märkte aufs Neue.
Bang fragen sich die Menschen, ob die Weltwirtschaft zusammenbricht. Die schlimmste Krise seit 1929 begräbt das Vorbild der USA, die die anderen Industriestaaten heldengleich überstrahlen und zwangsläufig nachgeahmt werden müssen.
Im Angesicht dieses Absturzes fragen sich die Europäer, ob sie leichtfertig einer ökonomischen Mode nachgelaufen sind. Europa hat sich unter dem Einfluss des renditemaximierenden Finanzkapitalismus Made in USA drastisch gewandelt.
Nicolas Sarkozy ruft nach einem Weltwirtschaftsgipfel, der über die Zukunft des Kapitalismus beraten soll. Der französische Präsident mag zuweilen nach Effekten haschen, diesmal stellt er die richtige Frage: Welchen Weg soll Europa gehen? Was soll es vom schnelleren, raueren US-System übernehmen? Und wie stark soll es sein eigenes Modell verteidigen, das mehr auf Umverteilung und sozialen Ausgleich setzt?
Etwas Neues entstehen lassen
Natürlich funktioniert Wirtschaft nicht so, dass sich jeder Bürger aus einem Baukasten genau die Elemente zusammensetzen kann, die ihm gerade passen: hier ein bisschen mehr Sozialleistungen, da ein bisschen weniger Unsicherheit um den Arbeitsplatz.
Doch ein Wirtschaftssystem setzt sich sehr wohl aus der Denkhaltung von Managern, Politikern, Investoren und Arbeitnehmern zusammen - aus ihren Werten und Zielen. Wenn diese sich ändern, entsteht etwas Neues. Die Zeit dafür ist gekommen.
Am US-Modell ist nicht alles verkehrt, weit davon entfernt. Die Europäer können immer davon lernen, wie sich die Amerikaner auf Neues einlassen, ob neue Technologien oder neue Arbeitsformen. Kein Zufall, dass in den USA Konzerne wie Microsoft oder Google aus völlig neuen Technologien entstanden sind, während in Europa noch immer klassische Branchen wie Autos oder Maschinenbau dominieren.
Der Drang zu Innovationen wird in Amerika durch die Gewissheit gefördert, dass der Innovator für sein Risiko stark belohnt wird. Genau wie früher ein Goldsucher im Wilden Westen, der aus dem Nichts steinreich werden konnte - oder untergehen. Die amerikanische Gesellschaft ist davon durchdrungen, dass für das eigene Glück jeder selbst verantwortlich ist. Und daher erträgt sie es, dass Hedgefondsmanager Milliardeneinkommen zur Schau stellen, während Millionen Landsleute keine Krankenversicherung haben.
Die Sucht nach Rendite
Doch in den vergangenen Jahren hat es der amerikanische Kapitalismus mit den Prämien für das Risiko übertrieben. Die notwendige Forderung nach Rendite wurde zur absoluten Maxime, der sich das Wirtschaftsleben zu unterwerfen hatte. Dieser Trend war nicht auf die untergehenden Investmentbanken mit ihren Spekulationen auf Pump und toxischen Kreditpapieren beschränkt.
In Amerika und dann auch in Europa schwärmten Investoren aus, um Firmen nach maximaler Rendite auszurichten - wer als Arbeitnehmer im Weg steht, dem droht die Entsorgung. Das hat die Balance zwischen Kapital und Arbeit ins Kippen gebracht. Europäische Firmenlenker wie Josef Ackermann von der Deutschen Bank übernahmen die amerikanische Ausrichtung nur zu bereitwillig.
Auf der nächsten Seite: Wann das Wirtschaftssystem stabiler wird
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite
- Hilfspaket für US-Banken Wettlauf gegen die Zeit 27.09.2008
- Eklat um Banken-Rettungspaket Kniefall im Roosevelt Room 26.09.2008
- US-Rettungsplan Bush beschwört rasche Einigung 26.09.2008
- US-Rettungspaket Nehmen, aber nicht geben 26.09.2008
- Die Finanzkrise und die Börse Hedgefonds und Herdentiere 26.09.2008
Christopher Lee zum 90.
Abschied von der Gier heißt Abschied von der Realität.
Die stetige Gier hat die Menschheit nach vorne gebracht.
Nur ab und zu schießt sie halt übers Ziel hinaus.
"Errare humanum est."