Es ist falsch, von einer Krise des Kapitalismus zu sprechen oder gar der Marktwirtschaft - es ist eine Krise des Finanzsystems.
Es war ein Wochenende, an dem die Panik freihatte. Zwei Tage, an denen es keine Horrornachrichten von der Börse geben konnte - weil die Börse geschlossen hatte. An denen der amerikanische Notenbankchef und der Finanzminister Zeit gewannen, ihre weiteren Maßnahmen gegen die Finanzkrise mit etwas mehr Umsicht zu planen.
Banker an der Wall Street (© Foto: dpa)
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Der ruhigere Blick ist auch hilfreich, die aktuellen Ereignisse einzuordnen. Am besten lässt es sich diskutieren, wenn man alle Fakten kennt. Leider ist das bei der größten Finanzkrise seit langem nicht der Fall. Nicht einmal die Akteure in den Finanzzentren und Regierungszentralen wissen wirklich, was vorgeht. Sie alle reden viel und verstehen wenig.
Wie groß darf die Freiheit sein?
Das ist die erste Lehre aus der großen Krise: dass Menschen Dinge zugelassen und veranstaltet haben, die sie nicht begriffen und schon gar nicht in ihren Konsequenzen übersehen haben. Das war ein unverzeihlicher Fehler. Wie im richtigen Leben muss auch in Politik und Wirtschaft, beim Führen eines Unternehmens und erst recht einer Bank oder Versicherung gelten: Tue nur, genehmige nur, bewerte nur, was du auch selbst verstehst.
Es herrscht zweitens eine große Unsicherheit über die Frage, wie groß die Freiheit an den Märkten sein darf. Viel ist jetzt die Rede davon, dass sich das Prinzip der freien Marktwirtschaft nicht bewährt habe. Jene, die sich noch an Zeiten der Planwirtschaft erinnern (zum Beispiel in der DDR) und diese nicht verklären, sondern in ihrer ganzen Unfähigkeit, Wohlstand zu schaffen, erinnern, sind möglicherweise verzweifelt: Ja, wenn das eine System nicht funktioniert und das andere nicht, welches dann?
Rasch wird dann der Ruf laut nach einem ominösen dritten Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus oder auch nur der Renaissance der sozialen Marktwirtschaft, die es jedenfalls in Deutschland doch einmal gegeben habe unter wahlweise Ludwig Erhard (fünfziger Jahre) oder Willy Brandt (siebziger Jahre), die aber in der Gier des Neoliberalismus oder des Turbokapitalismus verlorengegangen sei. Ein unsinniges Argument.
Vom Bröckeln, gar vom Verlust der sozialen Marktwirtschaft kann angesichts des gewaltigen Umfangs von Sozialleistungen in Deutschland, dem beherrschenden Umfang des Sozialetats und der zahlreichen Eingriffe des Staates ins Wirtschaftsleben nicht ernsthaft die Rede sein. Umgekehrt hat es einen wirklich ungezügelten Kapitalismus in Deutschland nie gegeben, übrigens auch nicht in den USA. Und selbst an der Wall Street gab es kein pures Laissez-faire.
In Wirklichkeit besteht ein sehr reglementiertes marktwirtschaftliches System, in dem es Gesetze für alles und jedes gibt: Selbst große Konzerne sind am Ende viel weniger beweglich, als viele Menschen das glauben. Der Einfluss der amerikanischen Börsenaufsicht SEC, die die Säuberung des korruptionsverseuchten Siemens-Konzerns erzwang, und die Wettbewerbshüter der USA und der EU, die selbst Giganten wie Microsoft in die Knie zwingen, beweisen, dass es an Kontrolle nicht fehlt.
Nur in einem einzigen Bereich ist der Gesetzgeber der Realität nicht nachgekommen: in der Finanzwelt. Deshalb ist es falsch, von einer Krise des Kapitalismus zu sprechen oder gar der Marktwirtschaft - es ist eine Krise des Finanzsystems. Die Architektur der Geldströme ist wichtig wie nie, aber sie ist weiterhin nur ein Teil der Ökonomie.
Kern der Wirtschaft ist immer noch das Herstellen, Verkaufen und Kaufen von Gütern, die reale Wertschöpfung. Entscheidend für den dauerhaften Wohlstand ist nicht die Frage, ob eine weitere US-Investmentbank pleitegeht oder ob der Deutsche Aktienindex noch einmal um 1000 Punkte absackt. Wichtiger ist, ob die deutschen Firmen weiter auf den Exportmärkten reüssieren, ob die Ingenieure die weltbesten Techniken erfinden, ob die Automobilfirmen sich der Konkurrenz aus Asien erwehren können und ob der Mittelstand so innovativ und erfolgreich bleibt wie bisher.
Besseres Steuersystem, weniger Bürokratie
Eine Politik, die das erreichen will, muss die Kapitalmärkte stärker regulieren, damit sie nicht weiter Unheil anrichten können: Sie muss die Geschäfte der Finanzindustrie genauer überwachen und dafür sorgen, dass Banken, Hedgefonds und Versicherungen - anders als heute - jederzeit und für jedermann offenlegen, welche Risiken sie eingehen.
Eine solche Politik muss vor allem aber über den Tag hinaus den Millionen kleinen und größeren Firmen in Deutschland und allen Selbständigen wieder mehr Freiraum geben, innovativ und erfolgreich zu sein. Dazu brauchen die Firmen ein besseres Steuersystem, weniger Bürokratie, mehr Flexibilität am Arbeitsmarkt, bessere Bedingungen für die Forschung und anderes mehr - leider ist es nicht mehr chic, darüber zu reden. Dafür haben nun die ideologischen Brandstifter Konjunktur, die höhere Steuern für Reiche und Unternehmen fordern, Familienunternehmer enteignen wollen und Kontrolle pur predigen.
Dies ist nun die doppelte Herausforderung: die entfesselten Finanzmärkte bändigen und zugleich der Wirtschaft mehr Freiraum geben. Ein Jahr vor der Bundestagswahl ist eine solche differenzierte Politik fast unmöglich. Trotzdem müssen verantwortliche Politiker diesen Versuch starten.
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(SZ vom 22.09.2008/hgn)
@ Kettensprenger: Ihre Einschätzung zu den wirtschaftlichen Ergüssen des Herrn Beise teile ich durchaus. Auch ich verfolge seine - von den Wirtschaftsverbänden geliehenen - Thesen immer mit einem gewissen Unmut. Da sein Bewusstsein offenbar nicht von realen Beobachtungen getrübt ist, kann ich nur unterstellen, dass er von diesen Verbänden überproportional beeinflusst ist, um es sehr vorsichtig auszudrücken. Daher wird auch ein Umdenken, oder auch nur eine bescheidene Kenntnisnahme der Realität nicht stattfinden. Eigentlich ist das für eines Chefredakteur für Wirtschaft in einer der angesehensten Zeitungen Deutschlands unwürdig! Selbst die konservative FAZ ist im Bereich Wirtschaft zuweilen kritischer. Umso beruhigender ist es, dass der überragende Heribert Prantl ein wohltuendes Pendant zu dem ideologischen Geschreibsel eines Herrn Beise darstellt.
Verzeihung, Herr Beise, aber bei Kredithebeln von 1:30, glauben Sie da wirklich, daß es weise ist offen zu legen, welche Risiken man eingeht?
Verschwiegenheit ist ein Muß im Bankenwesen, das nicht zur Disposition steht.
Und was das Argument angeht: "Woher konnte ich wissen, daß ich meiner Wirtschaft schade, wenn ich ihren gesamten Gewinn im Ausland investiert habe, um meiner heimischen Wirtschaft Konkurrenz zu machen?" Es ist lachhaft.
Andere Länder mit den Steuergeldern des eigenen Landes aufzubauen KANN im eigenen Interesse sein, aber man kann sich dabei auch überheben und so wirklich schwierig ist eine Einschätzung nicht, ob man gerade dabei ist oder nicht.
Wenn der Marc Beise sich das Desaster am Finanzmarkt als Folge einer zu schwachen Regulierung erklärt, die es zu beseitigen gilt und gleichfalls den Abbau von Reglementierungen für die Realwirtschaft fordert, dann ist die zwingend logische Schlussfolgerung, er präferiert, einen funktionierenden Finanzmarkt in Verbindung mit einer desaströsen Realwirtschaft gegenüber einer Kombination mit entgegengesetzten Vorzeichen. Weiß der Beise, wozu das gut sein soll.
Den Freunde des schwarzen Humors sei der allerletzte Absatz empfohlen zu lesen: Eine lustige Anleitung zur nachhaltigen Zerstörung der Volkswirtschaft, stilsicher dar niedergebracht als willkürlichen Aneinanderreihungen geklaubter Ingredienzien aus den Rezepten der Giftküche INSM, wie sie heutzutage, wegen des hohen Wiederennungs- und Unterhaltungswertes, in keinem Wirtschaftsartikel einer seriösen Zeitung fehlen sollte.
In den letzten Tagen sind verschiedene Artikel erschienen, die - wie dieser - ein "weiter so" als Grundtenor haben und Gedanken, Wirtschaft gerechter zu machen und Auswüchse zu verhindern, pauschal abwerten. Das reicht aber nicht mehr.
Die Menschen haben berechtigte Fragen: Bekomme ich einen fairen Lohn? Wie zuverlässig sind Einkommen und Absicherung für Krankheit/Alter/Arbeitsunfähigkeit? Wie sind die Voraussetzungen um die persönliche Lebenssituation aus eigener Kraft zu verbessern?
Wer sich darauf ehrliche Antworten gibt, wird möglicherweise mit Erschrecken feststellen, ziemlich weit links zu stehen. Und nur weil das per Definition äh-buh-pfui ist, sollen die Menschen aufhören sich Fragen zu stellen? C´m on ...
Alles Gute
Kai Hamann
ich verfolge auch Ihre TV-Auftritte z.B. im ARD-Presseclub. Auch dort hauen Menschen aus dem wahren Leben den Journalisten ihre neoliberalen Argumentationen um die Ohren. Was aber selten fruchtet, da es wohl außerhalb der Vorstellungskraft hoch bezahlter leitender Redakteure liegt, wie ein Leben mit 8 Stundenlohn (natürlich brutto), in Hartz IV oder Mini-Rente tatsächlich aussieht.
Sie fordern ständig Flexibilisierung - natürlich nur von Arbeitnehmern. Nicht von Arbeitgebern - wo kämen wir denn da hin? Im Kündigungsschutz sehen Sie ein Grundübel, das beseitigt werden muß - dabei gibt es auf der ganzen Welt kein Gesetz, das vor Kündigungen schützt. Das Kündigungsschutzgesetz ist nichts anderes als ein "Abfindungs-Regelungs-" und Kündigungs-Reihenfolge-Gesetz". Es gibt keinen Arbeitnehmer, dem ein Arbeitgeber nicht kündigen kann. Kostet bloß Geld, herrje...
Was Sie vor allem übersehen: Wer will in einer Welt leben, wie Sie sie fordern? Wohl nur die oberen 10%. Und der Rest? Tritt in den Gebärstreik, weil man als miserabel bezahlter, "flexibler" und jederzeit kündbarer Mensch keine halbwegs ausreichende Planungssicherheit hat, um eine Familie zu gründen. Die Geburtenrate von 1,33 (also 4 Kindern auf 6 Elternteile) ist ein Ergebnis u.a. der von Ihnen unterstützten Politik.
Lieber Herr Beise, Sie haben durch Ihre Position die Möglichkeit, unserer Gesellschaft wirklich zu nutzen. Bitte denken Sie entsprechend um und tun Sie es.
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