Fernkälte Erfrischend anders

In der Berliner Philharmonie herrschen angenehme Temperaturen. Dafür sorgt kaltes Wasser, das die Wände und Decken durchströmt.

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Ähnlich wie bei der Fernwärme können Immobilieneigentümer ihre Gebäude kühlen, ohne dass sie in die Technik investieren müssen. Das ist oft billiger und schont die Umwelt.

Von Ralph Diermann

Wenn die Berliner Philharmoniker in ihrem berühmten Konzertsaal nahe dem Potsdamer Platz in der nächsten Saison Haydns "Schöpfung" oder die h-Moll-Messe von Bach spielen, wird es vielen Besuchern sicher warm ums Herz werden. Ins Schwitzen geraten sie dabei aber wohl kaum - dafür sorgt kaltes Wasser, das die Wände und Decken der Philharmonie durchströmt und so den Saal wie auch die Betriebsräume auf angenehme Temperaturen bringt.

Das Wasser stammt aus einer wenige Hundert Meter entfernten Kältezentrale, die über ein unterirdisches Leitungsnetz auch das nahe gelegene Einkaufszentrum Mall of Berlin, das Sony Center, die Nationalgalerie, die Staatsbibliothek sowie 12000 Büros und 1000 Wohnungen in der Umgebung kühlt. Sechs Grad hat das Wasser, wenn es die mächtigen Kältemaschinen verlässt. In den versorgten Gebäuden erwärmt es sich auf etwa zwölf Grad. Dann strömt es in die Kältezentrale zurück, und der Kreislauf beginnt von Neuem.

Fernkälte heißt dieses hierzulande noch recht ungewöhnliche Konzept der Kühlung von Immobilien. Ähnlich wie bei der Fernwärme macht eine zentrale Kältemaschine Anlagen in den einzelnen Gebäuden überflüssig. Eigentümer und Betreiber der angeschlossenen Immobilien müssen daher nicht selbst in die Technik investieren, abgerechnet wird nach Menge der bezogenen Kälte. Und auch beim Betrieb profitieren sie von einer dezentralen Versorgung, meint Professor Thorsten Urbaneck von der Technischen Universität Chemnitz. "Kältetechnik ist komplizierter als Heizungstechnik. Die Anlagen sind anspruchsvoller, der Wartungsaufwand ist höher. Ein professioneller Betreiber ist da im Vorteil. Er kann günstiger wirtschaften und eine höhere Versorgungssicherheit gewährleisten", erklärt der Experte.

Ob die zentrale Belieferung tatsächlich wirtschaftlicher ist als der Betrieb eigener Anlagen, hängt jedoch vom Einzelfall ab. Ein wichtiger Faktor ist dabei die Länge des Leitungsnetzes, dessen Baukosten und Unterhalt meist über den Preis für die abgenommene Kältemenge auf die Kunden umgelegt werden. Je weiter die Immobilien auseinanderliegen und je weniger Verbraucher an das Netz angeschlossen sind, desto teurer ist die Fernkälte.

"Das spart dem Land Berlin jährlich 9000 Tonnen Kohlendioxid."

Bei der Klimabilanz kann die zentrale Versorgung aber auf jeden Fall punkten. "Die Kältemittel der Anlagen tragen um ein Vielfaches stärker zur Erderwärmung bei als Kohlendioxid. Zudem schädigen sie die Ozonschicht. Werden wenige zentrale Kältemaschinen eingesetzt, braucht man deutlich geringere Mengen des Kältemittels", sagt Urbaneck. Und auch beim Energieverbrauch ist die Fernkälte der dezentralen Technik oft überlegen, da sich die großen Anlagen sehr effizient betreiben lassen. So erfüllt das Kältenetz am Potsdamer Platz zum Beispiel dem Betreiber Vattenfall zufolge schon heute die Klimaziele für 2050. "Das spart dem Land Berlin jährlich 9000 Tonnen Kohlendioxid gegenüber der Versorgung mit Einzel-Klimaanlagen in den Gebäuden", sagt Gunter Müller, Vorstandschef des Versorgers Vattenfall Wärme Berlin.

Auch aus architektonischer und städtebaulicher Sicht hat die Fernkälte Charme. "Die Erzeugung von Kälte erfordert verschiedene Anlagen und Maschinen, die neben Personal auch Platz benötigen", sagt Boris Lubinski vom Branchenverband für Wärme, Kälte und Kraft-Wärme-Kopplung AGFW. Wenn nun die Kälte zentral erzeugt werde, stünden im Keller und auf dem Dach Flächen für andere Nutzungen zur Verfügung. Gerade in historischen Stadtkernen ist es von Vorteil, dass die Fernkälte ohne Rückkühler auf den Dächern der versorgten Gebäude auskommt. Bei dezentralen Kältemaschinen sorgen sie dafür, dass die bei der Kühlung entstehende Wärme abgeleitet wird. Dies ist ein Grund dafür, warum in der Pariser Innenstadt schon Anfang der Neunzigerjahre damit begonnen wurde, ein großes Fernkältenetz zu verlegen. Mittlerweile sind mehrere Hundert Gebäude angeschlossen, darunter der Louvre und das Einkaufszentrum Les Halles.

In Deutschland werden ebenfalls immer mehr Immobilien mit Fernkälte temperiert. Im Münchner Stadtzentrum zum Beispiel haben die örtlichen Stadtwerke in den vergangenen Jahren 24 Kilometer Fernkälteleitungen verlegt, über die Bürogebäude und Geschäfte gekühlt werden. Derzeit ergänzt der Versorger das Netz um weitere Leitungen sowie um zwei zusätzliche Kältezentralen.

Meist entstehen neue Fernkältenetze jedoch dort, wo die zu versorgenden Immobilien in der Hand einer einzelnen Partei sind - Gewerbeparks zum Beispiel oder Hochschulen und große Krankenhäuser mit mehreren Gebäuden. So müssen nicht erst verschiedene Interessen unter einen Hut gebracht werden, bevor der Bau des Netzes starten kann. Voraussetzung ist allerdings, dass bei der Kühlung tatsächlich Handlungsbedarf besteht. Sind die Immobilien bereits mit dezentralen Kälteanlagen ausgestattet, die sich noch wirtschaftlich betreiben lassen, ergibt Fernkälte in der Regel keinen Sinn.

Meist kommen in den Kältezentralen sogenannte Absorptionsmaschinen zum Einsatz; mitunter ergänzt durch Wärmetauscher, die dem Grundwasser oder - wie in München - unterirdischen Stadtbächen Kälte entnehmen. Die Anlagen kühlen, indem sie Wasser verdampfen. Bei dem Vorgang wird der Umgebung Wärme entzogen - in diesem Fall dem Wasser, das im Kältenetz zirkuliert. Um den Prozess aufrechtzuerhalten, muss den Kältemaschinen laufend Wärme zugeführt werden. Sie stammt in der Regel aus nahe gelegenen Heizkraftwerken, denen es im Sommer ohnehin an Abnehmern für die bei der Stromerzeugung anfallende Wärme fehlt. So trägt die Fernkälte dazu bei, die Kraftwerke effizienter zu betreiben. Der Gesetzgeber honoriert dies, indem Fernkälte unter bestimmten Bedingungen als Ersatzmaßnahme zur Erfüllung des Erneuerbare-Energien-Wärmegesetzes anerkannt wird.