Von Tilman von Rohden

Architekten nutzen Farbe, um ihren Gebäuden einen markanten Auftritt zu verschaffen.

In der Leopoldstraße steht ein lang gestreckter grauer Glaskasten. Hinter der architektonischen Lustlosigkeit betreibt ein Kaufhaus seine Geschäfte. Als das Architektenbüro Steidle vor Jahren den Auftrag bekam, in der Nachbarschaft ein kleines Gebäude zu errichten, empfand der mittlerweile verstorbene Bürogründer Otto Steidle die Aufgabe als kaum lösbar: "Ein eher kleines bürgerliches Haus muss die Kraft haben, dass es sich quasi gegen ein Monstrum des großen Kaufhauses durchsetzt und somit der bürgerliche Charakter der Leopoldstraße gewinnt. Zu dem turmartigen Haus, einem eigentlich kleinen Haus, haben wir die Stärke der Farbe genommen. David gegen Goliath gewinnt."

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Der Turm mit abgerundeten Ecken ist in gelb gehalten und setzt damit einen auffälligen Kontrapunkt zum dunklen Sarg. "Der gelbe Davidsturm macht dem blassen, bläulichen Goliath nun die Macht streitig. Er plädiert für München", sagte damals Otto Steidle.

Die Steidle Architekten sind bundesweit durch ihre bunten Vögel, die die Städte bevölkern, bekannt geworden. Die markante Farbgebung wurde zu ihrem Markenzeichen. Johann Spengler, einer der Steidle Architekten, spricht etwas wolkenhaft von Farben als "Energieverstärkern". Sie sollen, so Spengler, ein Haus zum Umfeld ins Verhältnis setzen und das Gebäude zur Kenntlichkeit differenzieren.

Lieblingsfarbe der Deutschen: mediterran

Farbe als Aspekt architektonischer Gestaltung gab es schon immer, aber die Möglichkeiten haben sich erweitert. Die industriell hergestellten Farbpigmente sind vergleichsweise billiger als früher und jederzeit verfügbar. Zudem führt die chemische Aufbereitung der Pigmente zu Qualitäten, die früher undenkbar waren. "Farben sind heute beliebig reproduzierbar. Dagegen ließen die unbehandelten, also inhomogenen Pigmente früherer Zeiten Farben regelmäßig unterschiedlich ausfallen", sagt Ingo Rademacher von der Firma Keimfarben. Aus den bis zu 200 gängigen anorganischen Pigmenten, die aus Gesteinen und Erden gewonnen würden, ließen sich mit den heutigen Herstellungsverfahren bis zu 30.000 Farbtöne gewinnen, sagt Rademacher. Lieblingsfarben der Deutschen seien derzeit "warme mediterrane Töne von gelb bis rot".

Mit den erweiterten Möglichkeiten ist das Risiko gestiegen, statt gelungener Farbgestaltungen Scheußlichkeiten hervorzubringen - zumal die Anstriche meist nicht genehmigungspflichtig sind. Davor sollen ästhetische Regeln bewahren.

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