sueddeutsche.de: Was erwarten Sie unter diesen Voraussetzungen, was erwarten Sie für 2009?

Anzeige

Otte: Ich denke, wir kriegen einen Abschwung, der sich gewaschen hat. Die 81er- und 82er-Rezession ist das, was dem am nächsten kommt. Das war schon ein ziemlich heftiger Einbruch, damals ist ja das Jahrzehnt der steigenden Zinsen mit einem Knall dahingeschieden.

sueddeutsche.de: Umgemünzt auf heute bedeutet das was?

Otte: Wir haben natürlich jetzt schon einen massiven Einbruch im Export, im Maschinenbau, in der Autoindustrie bei Finanzdienstleistungen und in verschiedenen anderen Branchen. Da geht es in einer nicht dagewesenen Geschwindigkeit bergab. Relativ stabil hält sich noch der Konsum, die Pharmaindustrie, die Telekommunikation und diverse andere Dienstleistungen, dennoch bekommen wir eine satte Rezession, die dürfte auch so zwei Jahre dauern.

sueddeutsche.de: Wie schmerzlich werden wir das genau spüren?

Otte: Deutschland wird sich wahrscheinlich über die Maastricht-Grenzen hinaus verschulden, das Etatloch geht wohl also über die drei Prozent des Bruttosozialprodukts hinaus, wir werden so bei 3,5 bis vier Prozent liegen. Das ist in dieser Situation aber absolut angemessen - denn die Nachfrage wird belebt. Wir werden außerdem 700.000 bis eine Million mehr Arbeitslose haben.

sueddeutsche.de: Das Wirtschaftsforschungsinstitut Ifo, das die pessimistischste Prognose abgegeben hat, rechnet wie Sie mit einer zweijährigen Rezession und erwartet für 2009 ein negatives Wirtschaftswachstum von zwei Prozent. Sie stehen also auf der Seite der Pessimisten?

Otte: Ich bin ein großer Skeptiker dieser Prognosen. Man kann gewisse kausale Zusammenhänge prognostizieren, aber das in einer Zahl zu verdichten, ist schon sehr schwierig. Ich sage mal, zu achtzig Prozent bekommen wir die Rezession wie gerade beschrieben und damit möchte ich mich eher als Optimist positionieren. Zu zwanzig Prozent bleibt aber das Risiko einer Weltwirtschaftskrise bestehen - und wenn die kommt, dann kann man gar nichts mehr vorhersehen. "All bets are off", wie der Engländer dann sagt.

sueddeutsche.de: Was würde das Ihrer Meinung nach genau heißen: Inflation im zweitstelligen Bereich? Ein Spritpreis von fünf Euro, oder eine Atomisierung der angesparten Lebens- und Rentenversicherungen?

Otte: Die Altersvorsorgesysteme kommen auf Grund der demographischen Pyramide ohnehin unter Druck. Die Folgen einer Weltwirtschaftskrise wären aber noch weitaus gravierender, dann wird es brutal: Ich habe das in meinem Buch nur angedeutet, weil ich kein Panikmacher sein will, doch dann besteht ein Risiko bis hin zu Kriegen, die geführt werden, um von den ökonomischen Verwerfungen abzulenken.

sueddeutsche.de: Könnte ein Land wie die USA oder Deutschland tatsächlich zahlungsunfähig werden?

Otte: Wir sind in Deutschland noch solide und solvent - das geht bei uns noch nicht an die Belastungsgrenzen, noch lange nicht. Wo der Spielraum aber schnell kleiner wird, ist in Amerika. Und warum sollte nicht das, was wir bei den großen Banken hatten, auch bei den Staaten auftreten: Lange hohes Rating, lange hohe Verschuldung und auf einmal ist da so ein Flexionspunkt, wo nichts mehr geht. Wenn dann niemand mehr den Dollar haben will, dann müssen Sie eine Währungsreform machen, weil dann das Ende der Fahnenstange erreicht ist.

sueddeutsche.de: Noch ist es nicht so weit. Die Devisenmärkte sind ja noch das robusteste Segment der Finanzmärkte. Haben wir das Schlimmste an der Börse hinter uns, oder geht es da noch mal runter?

Otte: Was an der Börse passiert, ist etwas schwerer vorherzusehen, weil die Börse vieles vorwegnimmt. Das heißt, es kann durchaus sein, dass 2009 zwar kein bombiges aber ein ganz gutes Aktienjahr wird. Denn nach 2008, dem schlimmsten Börsenjahr seit 1931, sind die Kurse so was von im Keller, dass sie schon fast eine Depression vorwegnehmen.

sueddeutsche.de: Es gibt also Aktientitel, die man jetzt kaufen könnte?

Otte: Zum Beispiel BMW, die notieren im Moment zum halben Buchwert, und man könnte zumindest mal sagen, dass der Buchwert die absolute Untergrenze für den Wert dieses Unternehmens ist. Wenn Sie einen Aktienfonds haben mit globalen Qualitätsaktien, nehmen Sie ruhig BMW oder Daimler oder Nestlé - diese Unternehmen werden in irgendeiner Form die Krise überleben. Damit haben Sie weiterhin substanzhaltige Investments.

Sie sind jetzt auf Seite 3 von 3

  1. "Dann wird es brutal"
  2. "Dann wird es brutal"
  3. Sie lesen jetzt "Dann wird es brutal"
Leser empfehlen 

(sueddeutsche.de/cmat/mel)