Ex-BayernLB-Vorstand Gribkowsky Der falsche Tipp des Bankers

Gerhard Gribkowsky beschäftigt die Justiz doppelt. Wegen der Formel-1-Affäre sitzt er in Haft. In einem anderen Fall schwärzte er offenbar grundlos Kollegen an - und trieb die Staatsanwaltschaft zu unnötigen Ermittlungen.

Von H. Leyendecker, K. Ott und N. Richter

Es sind schwere Tage für den früheren Bankvorstand Gerhard Gribkowsky, 52. Seit 5. Januar sitzt er in München-Stadelheim in Untersuchungshaft. Mithäftlinge machen sich darüber lustig, dass er bei wohl geschickt eingefädelten Geschäften im Formel-1-Betrieb 50 Millionen Dollar einsteckte und nun doch nur einer von ihnen ist.

Die Staatsanwaltschaft, die gegen den früheren Risikovorstand von Bayerns Landesbank wegen Verdachts der Steuerhinterziehung, der Untreue sowie der Bestechung ermittelt, ist auf den cleveren Manager nicht gut zu sprechen. Er hat die Strafverfolger gleich zweimal hinters Licht geführt.

Da ist natürlich die Sache mit dem Formel-1-Geld. Bei einer Vernehmung im Februar 2010 hatte er auf die Frage nach seinen wirtschaftlichen Verhältnissen behauptet, nicht viel zu besitzen, eine Immobilie und ein paar Aktien. Dann kam Ende 2010 heraus, dass der Manager auf Umwegen aus dem Geschäft mit dem Auto-Zirkus viele Dollar kassiert und den Ermittlern verschwiegen hatte.

Das mögen Staatsanwälte nicht.

Fast noch ärgerlicher ist eine andere Geschichte: Bei dieser Vernehmung vor einem knappen Jahr hat Gribkowsky die Strafverfolger in ein umfangreiches Ermittlungsverfahren getrieben, das sich jetzt in Nichts auflöst. Die Ermittlungen werden womöglich noch in diesem Monat eingestellt - nach einem Dreivierteljahr Arbeit für die ohnehin überlastete Anklagebehörde. Tausende Seiten Dokumente haben die Strafverfolger geprüft und 15 Zeugen aus der BayernLB vernommen.

Jetzt sind die Fahnder verärgert über ihren Tippgeber. "Gribkowsky hat uns einen Bären aufgebunden", sagt einer. War es eine bewusst gelegte falsche Fährte? Dabei klang seine Schilderung durchaus echt. Die Staatsanwaltschaft hatte sich mit Gribkowsky über seine Rolle beim Fehlkauf der österreichischen Bank Hypo Alpe Adria unterhalten. In diesem Verfahren wird er, wie sieben andere ehemalige Vorstandsmitglieder der BayernLB, als Beschuldigter geführt.

Elektrisierte Staatsanwälte

Als sich die Vernehmung dem Ende näherte, wies Gribkowsky plötzlich darauf hin, er habe die Landesbank stets vor Risiken schützen wollen und schon 2002 versucht, ein Risikomanagement zu installieren. Dann sei Anfang 2007 ein Vorstandskollege "dahergekommen" und habe für fast zwei Milliarden Dollar Subprime-Papiere, also amerikanische Schrott-Immobilienpapiere, gekauft, und zwar entgegen den internen Vorschriften.

Die Staatsanwälte waren elektrisiert: Finanziell war der Handel mit den sogenannten ABS-Papieren eine noch größere Katastrophe als der Kauf der Skandalbank Hypo Alpe Adria. Von den zehn Milliarden Euro, mit denen der Freistaat seine Landesbank retten musste, galt der überwiegende Teil jenen Verlusten aus den Spekulationen in Amerika.

Gribkowsky hat danach als Zeuge seine Vorwürfe präzisiert. Bei Vernehmungen am 19. März und 13. April 2010 führte er aus, Händler der BayernLB hätten vorschriftswidrig Wertpapiere im Wert von drei bis fünf Milliarden Euro gekauft; diese Geschäfte seien später von seinen Leuten nicht genehmigt worden. Es habe von 2005 bis 2007 fortlaufende und umfangreiche Verstöße gegen die Ankaufbestimmungen gegeben; das sei kein "Unfall" gewesen. Er habe den zuständigen Vorstandskollegen immer wieder in mehr oder weniger kollegialen Hinweisen darauf aufmerksam gemacht.

Die Staatsanwaltschaft leitete ein Ermittlungsverfahren wegen Verdachts der Untreue gegen den früheren Vorstandskollegen ein. Doch umfangreiche Nachforschungen zeigten, dass an der Geschichte im Kern nichts dran war. Es waren lediglich Papiere im Wert von 500 Millionen Euro nachträglich abgelehnt und dann abgestoßen worden. Statt der von Gribkowsky erwähnten mehr als 300 Fälle waren es 30 gewesen. Und selbst diese Transaktionen waren wohl übliche Bankgeschäfte gewesen, ohne jeglichen kriminellen Hintergrund.

Vier Tätertypen

Bayerns Landeskriminalamt notierte in einem umfangreichen Bericht, Gribkowskys Angaben hätten sich nicht bestätigt. Der Ex-Bankvorstand habe, als er mit den gegenläufigen Ermittlungsergebnissen konfrontiert worden sei, seine früheren Aussagen substantiell korrigiert. Richtig gewarnt vor den vermeintlichen Verstößen hat Gribkowsky in der Bank übrigens auch nicht. Das seien nur allgemeine Diskussion gewesen, räumte er schließlich ein. Aber warum nur hat er dann diese wilde Geschichte erzählt? Diese Frage führt zu einer noch grundsätzlicheren Frage: Was für ein Typ ist Gribkowsky?

In Gesprächen mit den Ermittlern stellte er sich als harten engagierten Manager dar, der die Bank verbessern wollte, stets im Hader mit den üblichen Bremsern und Bedenkenträgern. Er habe sich noch entschuldigen müssen, wenn er in Anwesenheit des autoritären Vorstandschefs Werner Schmidt im falschen Moment das Richtige gesagt habe.

Der Wirtschaftsethiker Josef Wieland hat rund um Wirtschaftskriminalität vier Tätertypen charakterisiert. Der erste Typus: ein Zyniker, der weiß, es ist falsch, was er macht - und glaubt, in seinem Geschäft sei das nun mal so. Der zweite Typus meint, die Beute stehe ihm zu, weil er hart arbeite und dabei Opfer bringe - vor allem für seine Familie. Der dritte Typus glaubt, er stehe über dem Recht - er kennt die Welt, hat Macht und weiß, dass sich soziale Normen ändern. Der vierte Typus: Das ist der Zocker. Er will den ganz großen Deal machen, ahnt vielleicht, dass er früher oder später erwischt wird. Aber er braucht das Risiko.

Als die Beamten Gribkowsky fragten, warum er bei den ABS-Papieren so stark übertrieben habe, spielte der Banker die Sache ein wenig herunter. Seine "zu saloppe Formulierung" sei nun mal sein damaliger Kenntnisstand gewesen, gab er zu Protokoll.

Auch von diesem Bekenntnis waren die Ermittler wohl wenig erbaut.

Lügen und Lustreisen

mehr...