Euromünzen provozieren Moskau Ein heikles Stück Metall

Die neuen estnischen Euro-Geldstücke sollen die Landesgrenzen zeigen. Doch das stimme gar nicht, sagen russische Diplomaten - und reagieren unterkühlt. Medien wittern gar eine Provokation.

Von Oliver Bilger

Um Geld wird oft gestritten, aber meist geht es dabei um einen bestimmten Wert und nur selten um das Aussehen einer Münze. In Estland hat die Einführung des Euro nun zu diplomatischen Verstimmungen mit dem Nachbarn Russland geführt. Grund dafür ist das Motiv auf den neuen Münzen, von einem Cent bis zum Zwei-Euro-Stück: zu sehen ist der Umriss Estlands, das angeblich auch einen Teil des russischen Territoriums abbilden soll.

Seit 1. Januar ist der Euro das Zahlungsmittel der baltischen Republik. Jüngsten Umfragen zufolge freut sich darüber nur gerade mal jeder zweite Bürger. Sergej Seredenko zählt eher nicht zu den Euro-Fans. Dabei geht es ihm nicht, wie vielen im Land, um den Verlust der nationalen Identität oder die Teuerungswelle, die viele befürchten. Seredenko, Jurist, Bürgerrechtler und Angehöriger der russischen Minderheit ist überzeugt, dass die auf den neu geprägten Euromünzen dargestellte Landkarte Estlands nicht dem heutigen Umriss entspricht und ein Stück des russischen Gebiets mit einschließt.

"Als ich mir die Münzen ansah, kamen mir die Grenzen fremd vor", wird Seredenko in Medienberichten zitiert. Vor wenigen Tagen griff er zum Telefon und wählte die Nummer der estnischen Zentralbank. Seredenko wollte wissen, welche Grenze auf den Münzen abgebildet ist.

Streit um Künstlerphantasie

Auch andere Behörden bekamen davon Wind. Ein Sprecher der Zentralbank erklärte daraufhin, die Darstellung auf den Münzen sei eine "Künstlervorstellung von den Grenzen Estlands". Er könne "nicht behaupten, dass Estlands Umriss den heutigen Grenzen des Landes exakt entsprechen würde".

Die ganze Angelegenheit ist heikel, denn das Verhältnis beider Länder ist nicht gerade von tiefer Freundschaft geprägt. Russland beobachtet seit zwei Jahrzehnten widerwillig, wie die ehemalige Sowjetrepublik Anschluss an den Westen sucht: vom Nato-Beitritt bis zur EU-Mitgliedschaft und nun der Anschluss an die Eurozone. Seit dem Zerfall der Sowjetunion dauert auch ein Grenzstreit zwischen Moskau und Tallinn an und hindert beide Seiten bis heute an der Unterzeichnung eines Grenzvertrags.

Die russische Botschaft in Tallinn reagierte verstimmt auf die Münze und sprach von einem Zeichen "für die sich bedauernswerterweise wiederholenden Versuche, die geltenden Grenzen zu revidieren". Russische Medien vermuteten eine "Provokation". Eine Botschaftssprecherin erklärte, es sei "symptomatisch, dass von einer 'Künstlervorstellung' des Autors der Skizze von den Grenzen Estlands die Rede sei, die 'einiges zulässt'". Man sei der Ansicht, dass in der "für die zwischenstaatlichen Beziehungen derart prinzipiellen Frage wie der Verlauf der Grenzlinie keine 'Künstlerphantasien' zulässig sind".

Der estnische Botschafter in Russland, Simmu Tiik, erklärte, die auf den Euromünzen dargestellte Landkarte entspreche den heutigen Konturen seines Landes und schließe keine Teile des Territoriums Russlands mit ein. Auf einer ursprünglichen Skizze aus dem Jahr 2007 habe der Künstler eine leicht verschobene Grenze dargestellt. Die Abbildung sei aber "schnell korrigiert worden". Ursprünglich hatte Estland den Euro schon damals einführen wollen.