Ethische Investments Geld fürs gute Gewissen

Investieren - aber nur in Projekte, die Geldgeber nachts ruhig schlafen lassen: Der Markt für nachhaltiges Finanzengagement boomt und soll jetzt sogar eine eigene Börse bekommen.

Von Bastian Brinkmann

Hans Wollmann braucht Geld, denn er möchte Maden züchten. Bald soll eine Fabrik stehen, in der Schlachtabfälle recycelt werden - zu Maden. Die Insektenlarven vernichten die Fleischreste, wachsen prächtig heran und dienen dann als Tierfutter. Leckere Proteine.

Bisher basiert die Protein-Produktion hauptsächlich auf Fischmehl oder Soja. Die Technik hat die Firma Agriprotein unter der Führung von Wollmann, einem ehemaligen Degussa-Vorstand, in Südafrika im kleinen Stil erprobt, jetzt soll industrialisiert werden.

Dazu braucht Wollmann Investoren, so wie Tausende andere Initiatoren sozialer, ökologischer und nachhaltiger Projekte weltweit. Der Markt für ethische Investments boomt. Das Forum Nachhaltige Geldanlagen hat nun eine Marktstudie der Branche vorgelegt. Demnach investierten deutsche Kapitalgeber im vergangenen Jahr 13 Milliarden Euro ökologisch und sozial - 68 Prozent mehr als im Vorjahr.

"Der Trend ist ungebrochen", sagte Volker Weber, Vorsitzender des Forums zu sueddeutsche.de. Vor allem habe sich gezeigt, dass gerade die nachhaltigen Werte stabil durch die Krise gekommen sind. "Die langfristige Ausrichtung dieser Investitionen ist die richtige", so Weber.

Am Gesamtmarkt kommen nachhaltige Investments in Deutschland jedoch bislang nur auf einen Anteil von 0,8 Prozent. In der Schweiz sind es bereits 3,8 Prozent, so die Marktstudie, insgesamt wurden dort 23 Milliarden Euro, vor allem in Themenfonds wie Wasser und Energie angelegt.

Die Transparenz fehlt

Weil der Markt für ethische Anleihen so schnell wächst, ist er unübersichtlich. Dutzende Banken und Versicherungen, Vermögensverwalter und Stiftungen buhlen um das Geld der Investoren mit Gewissen. Die können dabei auch Überraschungen erleben: Es gibt Fonds, die als nachhaltig vermarktet werden, aber zu vier Prozent aus BP-Aktien bestehen. Dies geschieht oft, weil in Deutschland sogenannte Best-in-Class-Fonds dominieren, in denen die Aktiengesellschaften aufgenommen werden, die in einer Branchen die relativ nachhaltigsten Standards setzen.

Anne-Kathrin Kuhlemann will mehr Transparenz in den Markt bringen. Sie plant deshalb die Social Stock Exchange, eine Börse für ethische Investments, die sich gerade im Aufbau befindet. Diese Woche soll schon mal die Website der Online-Plattform starten. "Wir begrüßen die Initiative", sagt Weber vom Forum Nachhaltige Geldanlagen.

Die Idee ist nicht neu und wurde so ähnlich schon im Spendensektor umgesetzt: Auf der Internetseite betterplace.org können sich wohltätige Projekte den Geldgebern präsentieren, auf Fotos zeigen, was aus dem Geld geworden ist, und sich von den Nutzern bewerten lassen. Von den Spenden leitet betterplace nach eigenen Angaben hundert Prozent an die Organisationen weiter, die Seite finanziert sich durch private Förderer und Unternehmen, die ihr Engagement gegen Gebühr auf der Plattform darstellen. Seit dem Start im November 2007 wurden 3,2 Millionen Euro auf der Plattform gespendet.

Der Social Stock Exchange dagegen möchte keine Almosen einsammeln, sondern Kapital. Sie soll sich durch Listing-Gebühren tragen. Ethische Investments sind für Kuhlemann ein Markt mit Milliarden-Potential. "Stiftungen könnten nicht nur mit ihren Zinsen Gutes tun", sagte sie zu sueddeutsche.de, "sondern direkt mit ihrem Vermögen".

Die Sozial-Börse könnte Geld für Unternehmer zur Verfügung stellen, denen Profit und Nachhaltigkeit gleich wichtig ist. Eine Börse zu gründen, ist jedoch nicht einfach. Dafür muss die Börsenaufsicht des jeweiligen Bundeslandes zustimmen. Ein multilaterales Handelssystem wäre dagegen im strengen Sinne keine Börse und unterstände der Bafin-Aufsicht. Würden sich dann in der Ethik-Börse Anbieter ohne Bafin-Erlaubnis tummeln, könnte der Plattform-Betreiber in Mithaftung genommen werden.

Noch tüfteln deswegen die Anwälte der Social Stock Exchange an einer Lösung - auch damit Unternehmer wie Madenzüchter Wollmann leichter Geld einsammeln können.