Einfamilienhaus Platz da!

Die frei stehende Immobilie verbraucht mehr Fläche und mehr Ressourcen als andere Wohntypen. Dennoch ist sie in Deutschland beliebt wie eh und je. Experten fragen sich: Warum eigentlich?

Von Helga Einecke

Wer ein Einfamilienhaus bauen oder kaufen will, der denkt meist an seine Familie. Unter einem gemeinsamen Dach wohnen und leben, das wollen viele: Das Einfamilienhaus ist in Deutschland mit Abstand die am weitesten verbreitete Wohnform. Besonders häufig ist der Gebäudetypus in ländlichen Gebieten, aber auch in vielen Groß- und Mittelstädten. Insgesamt sind 65 Prozent aller 18 Millionen Wohngebäude in Deutschland Einfamilienhäuser.

Wie passt das zu den aktuell vorherrschenden Trends Landflucht, Boom in Ballungsgebieten und Wohnhochhaus? Offenbar nur schwer, manche Profis stellen sogar die Zukunft des Wohnungstyps Einfamilienhaus in Frage. Schließlich verbraucht das Eigenheim pro Person viel mehr Fläche und Ressourcen als Mehrfamilienhäuser. Hinzu kommt, dass sich die Wohnsituation und damit der Bedarf schnell ändern: Eine Familie wohnt meist nur auf Zeit gemeinsam unter einem Dach, danach besteht die Gefahr, dass die alternden Bewohner mit Haus und Garten überfordert sind.

Immer weniger Bauherren planen ihr Haus selbst

Alexander Gutzmer, Chefredakteur des Architekturmagazins Baumeister, ging beim Einfamilienhaus-Kongress Ende September in Frankfurt noch weiter. Polemisch stellte er die Frage, ob das Einfamilienhaus einen Lebenstraum oder vielleicht doch eher den Vorstadthorror verkörpere. Es gebe Siedlungen in Vorstädten, die wenig einladend wirkten. Die Menschen schotteten sich dort eher ab, als dass sie mit ihren Häusern die Umgebung einbezögen. So entwickelten sich Parallelwelten. Warum beschäftigt man sich mit einem Gebäudetypus, der nicht mehr so recht in die Landschaft passen will? Die Antwort ist simpel: Weil viele Menschen bevorzugt in den eigenen vier Wänden leben wollen. Weil sie den Garten, das eigene Terrain, den Abstand zum Nachbarn, ihren Traum vom gemeinsamen Wohnen leben wollen. Für Gutzmer sind Einfamilienhäuser sichtbare Spiegelbilder der Gesellschaft, Seismografen aktueller Entwicklungen. Und private Bauherren finden mit ihrem Bauprojekt auf diese Weise zu einer eigenen Stimme. Wohnen, Architektur und Politik gehören zusammen.

Jedem das Seine: In ländlichen Regionen und am Stadtrand werden immer noch sehr viele Einfamilienhäuser gebaut. Zu viele, meinen Experten.

(Foto: imago stock&people)

Das sieht auch Petra Roth so, ehemals Oberbürgermeisterin in Frankfurt und frühere Chefin des Deutschen Städtetages. Sie hat mit vielen Architekten zusammengearbeitet, und auch für sich ein Haus bauen lassen. Architekten seien Künstler, aber auch Städteplaner und als letztere auch für das soziale Miteinander zuständig, betont Roth. Sie beschreibt die Herausforderung, eine Stadt wie Frankfurt sozialverträglich zu bebauen. Klima, Lärm, Feinstaub, Verkehr, Verdichtung, Milieus, Heimat und Zuhause waren die Themen ihrer Amtszeit. Was wichtig ist in der Stadt der Zukunft? Nachbarn, menschliche Nähe, sagt Roth.

In Zahlen

Die Anzahl der Einfamilienhäuser hat in den vergangenen Jahren stetig zugenommen. Nach Daten des statistischen Bundesamts gab es in Deutschland 2001 knapp 14 Millionen Einfamilienhäuser, Ende des Jahres 2016 waren es 15,7 Millionen Einfamilienhäuser, definiert als Gebäude mit einer oder zwei Wohnungen. Nach den Daten aus der letzten Gebäude- und Wohnungszählung des Jahres 2011 waren deutschlandweit zwei Drittel der 18,2 Millionen Wohngebäude Einfamilienhäuser mit genau einer Wohnung. In 17 Prozent der Wohngebäude befanden sich zwei und in 12 Prozent der Gebäude drei bis sechs Wohnungen. Bei den Einfamilienhäusern dominierte das frei stehende Haus (66 Prozent aller Einfamilienhäuser), 17 Prozent waren Doppelhaushälften, 18 Prozent Reihenhäuser. SZ

Wenn also architektonisch gelungene Häuser nach wie vor beliebt sind und geschätzt werden, warum gibt es sie dann eher selten? Das liege auch daran, dass viele Käufer gar nicht mehr selbst bauten, sagt Reimund Stewen, Architekt, Stadtplaner und Vorstandsmitglied beim Verband Privater Bauherren. Die meisten Kommunen bieten den Bauherren heute kein Bauland mehr an, sondern vergeben das Land lieber an Bauunternehmen. Die erschließen das Grundstück, bebauen es und bestimmen Baustil, Konstruktion, Material, Energiebilanz, also das Gesamtbild ganzer Siedlungen. Deshalb sind die meisten privaten Häuslebauer heute gar keine Bauherren mehr, sondern übernehmen als Käufer schlüsselfertig ihr Eigenheim. Statt mit einem Architekten Schritt für Schritt das Haus zu planen, individuelle Wünsche umzusetzen, kaufen sie ein fertig geplantes Produkt. Warum sollte es am Bau anders sein als in der Mode, beim Autokauf, bei allen Konsumtrends?

Es sollte anders sein, weil Häuser viel länger halten sollen, weil man sich meist nur eines im Leben leisten kann, weil man Lust am Gestalten und an der Umsetzung eigener Ideen hat: Architektin Marie-Theres Deutsch hofft auf mutige Kollegen und gute Beispiele. Die Kunden seien heute sehr gut informiert und schleppten stapelweise Architekturmagazine an. Der Architekt müsse den Bauherren mit auf eine Reise nehmen, das sei der Prozess von der Idee bis zum fertigen Haus.

Ein Architekturpreis zeichnet die besten Häuser aus. Der Gewinner kommt aus der Schweiz

Wie diese Reise ein gutes Ende nehmen kann, zeigt der Preis "Häuser des Jahres", der in Frankfurt zum siebten Mal verliehen wurde. Die Beispiele sind bis zum 26. November in der Ausstellung "Die 50 besten Einfamilienhäuser" im Deutschen Architekturmuseum zu sehen. In einem Fotobuch des Callwey Verlages kann man sie auch mit nach Hause tragen. Gewinner ist dieses Mal ein Stadthaus in Zürich von Holzer Kobler Architekturen GmbH. Es erscheint schmal und hoch. Den nüchternen Sichtbeton kontrastieren in allen fünf Stockwerken bodenlange Fenstervorhänge in Orange und Rot. Im Erdgeschoss die Einliegerwohnung, darüber das Kinderzimmer, erst im fünften Stock die Küchenzeile. Darüber der Dachgarten. Dieses Haus steht für Nachverdichtung - eine Herausforderung für viele Städte, die wachsen, aber nur wenig Bauland haben. Die vorgefertigten Betonelemente drücken den Preis auf 767 000 Euro in eine für Zürich annehmbare Relation. Für Museumsdirektor Peter Cachola Schmal illustriert der Preis, dass ein Einfamilienhaus auch auf einem Restgrundstück in der Großstadt entstehen kann. Er nimmt als Initiator und Jury-Mitglied für sich in Anspruch, vor allem "halb-urbane" Häuser-Versionen auszuzeichnen - weiße Kisten im sogenannten Bauhaus-Stil fielen eher durch. Vom Stil her müsse heute alles bündig, flächig, fugenlos sein. Balkone, Garagen, Mülltonnen seien kaum noch sichtbar. Es herrsche eine große gestalterische Reduktion. Scharfkantiger Sichtbeton und Holzelementbau seien beliebt, das geneigte Dach komme wieder. "Das Einfamilienhaus gilt städtebaulich zwar als obsolet, lebt aber und entwickelt sich fröhlich weiter", lautet sein Resümee. Nur die Verteuerung des Baugrunds, der Mangel an Bauland könnten die weitere Verbreitung politisch bremsen. Noch aber wird der kollektive Traum vom eigenen Haus umgesetzt, tausendfach im Jahr, allein in Deutschland.