Ein Jahr nach dem Lehman-Crash Das Fiasko der Ökonomie

Wozu noch Ökonomen? Genau vor einem Jahr brach die größte Finanzkrise seit achtzig Jahren aus, und niemand hatte sie kommen sehen. Was dies für die Wissenschaft heute bedeutet.

Von Nikolaus Piper, New York

Noch im Frühjahr 2007 glaubten viele Wirtschaftswissenschaftler, in der besten aller Welten zu leben - hohes Wachstum, niedrige Inflation und sinkende Arbeitslosigkeit.

Der Konsens ging weit über die sogenannten Marktradikalen hinaus: Märkte funktionieren in der Regel, sofern sich der Staat nicht einmischt. Und die Realität passte zu dem Konsens.

Die Jahre von 1982 bis 2007, die in den USA als Ära der "Great Moderation" bezeichnet werden, waren ein gutes Vierteljahrhundert; es gab nur noch milde Rezessionen, die Inflation war gebändigt und der Kapitalismus setzte seinen Siegeszug auf der ganzen Welt fort.

Bruchlinien in einem Berufsstand

Das alles änderte sich am 15. September 2008, als die Bank Lehman Brothers zusammenbrach. Alan Greenspan, der einst verehrte Chef der Notenbank Federal Reserve, räumte danach ein, für ihn sei "ein intellektuelles Gebäude zusammengebrochen". "In der Folge der Krise klaffen die Bruchlinien im Berufsstand der Ökonomen weiter denn je", schrieb der Nobelpreisträger Paul Krugman.

Klar ist, dass der Berufsstand der Ökonomen seither tief verunsichert ist, ob des Mangels an Prognosefähigkeit. Weit schwieriger allerdings sind Aussagen darüber, wohin sich die Wissenschaft entwickeln könnte und sollte.

Zum einen haben ja, entgegen des verbreiteten Vorurteils, einige Ökonomen durchaus schon früh vor den Dingen gewarnt, die da kommen würden; Robert Shiller, Professor an der Universität Yale etwa, oder Nouriel Roubini von der New York University. Das zeigt, dass das Unheil mit den Methoden der Standardökonomie prognostiziert werden konnte und daher folglich jetzt auch analysiert werden kann.

Die wichtigste Erkenntnis dieser Krise ist einfach: Die Theorie der effizienten Kapitalmärkte ist spektakulär gescheitert. Die Theorie, entwickelt im Wesentlichen an der Universität von Chicago, besagt in ihrer einfachen ("schwa-chen") Form, dass alle öffentlich verfügbaren Informationen in die Aktienkurse eingehen und es deshalb unmöglich ist, den Markt mittels historischer Daten zu schlagen.

Schon lange demontiert

In ihrer "starken" Form bedeutet die Theorie, dass die Preise von Finanzprodukten das Ergebnis rationaler Entscheidungen und damit "richtig" sind. Im Zeitverlauf schwanken die Preise völlig willkürlich um dieses rationale Niveau, anhaltende Spekulationsblasen kann es daher ebenso wenig geben wie Depressionen, sofern die Märkte nicht gestört werden. So weit die Theorie.

Innerhalb der Wissenschaft war sie ob ihrer Realitätsferne zwar schon lange demontiert. Nach der Theorie wäre es zum Beispiel irrelevant, ob sich ein Unternehmen durch Eigen- oder durch Fremdkapital finanziert, denn das höhere Risiko der Fremdkapitalfinanzierung würde ja durch den Preis ausgeglichen.

Offensichtlich ist dies falsch. Die Theorie vermag auch nicht zu erklären, warum Unternehmen Dividenden zahlen, noch warum Finanzinstitute Milliarden für die Arbeit von Analysten ausgeben, wo die relevanten Informationen doch schon in den Preisen stecken.

Es durfte solche Blasen einfach nicht geben

Die Praktiker der Finanzwirtschaft verhielten sich jedoch bis ins vergangene Jahr hinein so, als seien die Märkte wirklich effizient. Noch 2006 bestritten viele, einschließlich der Experten der US-Notenbank Federal Reserve, dass es eine Spekulationsblase auf dem US-Häusermarkt gab; es durfte solche Blasen einfach nicht geben.

Die Boni der Manager wurden an Aktienkursen festgemacht, so als sagten sie die Wahrheit über den Erfolg aus. Die Finanzkrise liefert nun das passende Anschauungsmaterial, um die Theorie endgültig zu demontieren.

Viele Dinge aus der Wirtschaftstheorie wurden im Laufe des Krisenjahres neu entdeckt. Zum Beispiel der Begriff "animal spirits", was sich am besten mit "animalische Instinkte" übersetzen lässt.

Menschen sind irrational

Der Ökonom John Maynard Keynes verwendete den Begriff erstmals während einer Anhörung im Jahr 1930, kurz nach dem Börsenzusammenbruch und dem Beginn der Weltwirtschaftskrise. Damals sagte er: "Investitionen sind vor allem eine Sache von animal spirits. Sie haben wenig oder nichts damit zu tun, was eine Gesellschaft konsumieren oder sparen möchte. Ich weiß, wovon ich rede, denn ich habe das Spiel in den letzten zehn Jahren selbst gespielt."

Robert Shiller und sein Kollege George Akerlof machten den Begriff im Frühjahr mit einem Buch unter dem gleichnamigen Titel populär. Animal Spirits - das ist die Erinnerung der eigentlich so vertrauten Tatsache, dass Menschen irrational sind und die Welt unvollkommen ist, und dass sich alle tunlichst auf diese Tatsachen einstellen sollten.

"Die Krise hat alle traumatisiert"

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