Edelmetall-Reserven der Bundesbank Inventur mit der Goldwaage

Bilanz-Schummel bei der Bundesbank? Die Kontrolleure vom Rechnungshof monieren unzureichende Sorgfalt - gerade was die Goldbestände angeht, die im Ausland lagern. Doch Inspektionen in fremden Goldkellern könnten als Affront gewertet werden.

Von Markus Zydra

Einen Versuch wäre es wert. Deutsche Bundesbanker reisen nach Paris zu den französischen Kollegen der Banque de France. Dort begehren sie Einlass und wünschen umgehend in den Goldkeller geführt zu werden: Die deutschen Gäste wollen Inventur machen. Ein Teil der deutschen Goldreserven lagert schließlich in Paris. Die Bundesbank erhält über die exakte Menge zwar regelmäßig eine schriftliche Bestätigung. Doch was ist dieses Schriftstück wert? Kann man den Angaben des Nachbarn trauen?

Geordnet und durchnummeriert, so liegen Goldbarren aus den Reserven des Bundes in einem Regal in der Bundesbank. Wie es bei den Goldbeständen aussieht, die im Ausland lagern, ist nicht ganz klar.

(Foto: dpa/dpaweb)

Die Bundesbank tut es - jedenfalls bislang. Sie würde ihre Leute deshalb kaum aussenden, um in Paris stichprobenartig zu kontrollieren, ob die eigenen Goldbestände wirklich noch da sind. Die Franzosen würden dieses Ansinnen auch als Affront werten. Nun aber wünscht sich der Bundesrechnungshof mehr Biss der Währungshüter. Im Zuge ihrer regulären Bilanzprüfung hätten die Kontrolleure des Rechnungshofs "unzureichende Sorgfalt bei der Bilanzierung der Goldreserven" moniert, heißt es, gerade auch bei dem Teil, der im Ausland lagert.

Bilanz-Schummel bei den Goldreserven der Bundesbank? Das will der Haushaltsausschuss des Bundestags jetzt genau wissen. Er hat die Herausgabe des unveröffentlichten Prüfungsberichts gefordert, einstimmig und gegen die Empfehlung des Bundesbankpräsidenten Jens Weidmann. Der Rechnungshof will der Bitte gleichwohl nachkommen.

Die Bundesbank lagert ihre 3400 Tonnen Gold an vier Orten: bei der US-Notenbank Federal Reserve in New York, bei der Bank of England in London, zu Hause in Frankfurt und beim Nachbarn in Paris. Über den genauen Verteilungsschlüssel macht die Notenbank keine Angaben; das meiste Gold liegt in den USA, danach folgen die Tresore in Frankfurt, London und Paris.

Dieser deutsche Hang zu Depots im Ausland ist historisch bedingt. Während des Kalten Krieges lagerten die Bestände der Bundesbank im westlichen Ausland, möglichst einem Zugriff sowjetischer Truppen im Falle eines Krieges entzogen. Nach der Wiedervereinigung holte die Bundesbank einen Teil des Edelmetalls nach Frankfurt. Immer wieder gab es Forderungen, die Notenbank solle den Bestand verkaufen.

In der Euro-Krise ist das Goldvermögen ein emotionsgeladenes Thema

Das Goldvermögen gilt als Beruhigungsmittel für viele Deutsche. Man weiß, das Land verfügt im Notfall über Reserven - immerhin beziffert die Bundesbank ihren Bestand mit 137 Milliarden Euro. Gerade in der Euro-Krise ist das ein emotionsgeladenes Thema. Gold könnte ein Rettungsanker sein in einem zentrifugalen Europa. Manche wünschen ganz ernsthaft die Rückkehr zum Goldstandard, der den Wert der Währung an den eigenen Goldvorrat koppelt. Die Initiative "Holt unser Gold heim" fordert beispielsweise eine "vollständige Rückführung" des im Ausland gelagerten Edelmetalls nach Deutschland, als Deckungsstock einer neuen Währung.

Die Bundesbank hält solche Ideen für hanebüchen. Die Währungshüter wollen die Goldreserven im Ausland belassen, zumal eine Rückführung auch sehr teuer käme. Zudem hält man die eigene Bilanzierung für angemessen, es soll Barrenlisten geben, aus denen genau hervorgeht, wo der deutsche Schatz lagert.

Natürlich könnte die Bundesbank ihre Goldbestände komplett nach Frankfurt holen. Dann stünde einer gründlichen Inventur mit Inaugenscheinnahme nichts mehr im Wege. Aber um welchen Preis? Man stelle sich vor, die Deutschen zögen ihr Gold aus Paris ab - für die Finanzmärkte wäre das der Vorbote für den Euro-Kollaps.