Ein-Tages-Frist für Überweisungen Kein Geld mehr im Nirwana

Schluss mit tagelangen Geldtransfers: Vom kommenden Jahr an müssen elektronische Überweisungen binnen eines Bankarbeitstags abgewickelt werden, bei Überweisungen auf Beleg sind es zwei Tage - das gilt für die gesamte EU. Verbraucher könnten davon profitieren.

Von Andreas Jalsovec und Marianne Körber

Nur ein Mausklick, und die E-Mail ist bei der Versicherung. Kurze Zeit später kommt schon die Bestätigung über den Vertragsabschluss. Im Zeitalter elektronischer Kommunikation dauern solche Geschäfte oft nur Augenblicke - außer es handelt sich um eine Banküberweisung. Dann braucht das Geld mitunter Tage, bis es von einem Konto aufs andere wandert.

Bankkunde André Roth sieht das auf seinem Kontoauszug. Der 46-jährige Angestellte überweist regelmäßig am Computer von zu Hause aus Geld vom Girokonto bei seiner Sparkasse auf sein Tagesgeldkonto bei einer Direktbank, gelegentlich auch umgekehrt. Auf dem einen Konto belastet wird der Betrag dabei stets sofort. Bis er aber auf dem anderen Konto gutgeschrieben wird, dauert es oftmals zwei, gelegentlich sogar drei Werktage. Eine Zeitspanne, in der man gegebenenfalls das Geld persönlich bei einer Bank abheben, es zur anderen Bank tragen und am Schalter einzahlen kann.

Die eher gemächlichen Geldtransfers gehören bald der Vergangenheit an. Ab dem 1. Januar 2012 darf zwischen dem elektronischen Auftrag für eine Überweisung bei einem Institut und der Gutschrift bei einem anderen höchstens noch ein Bankarbeitstag liegen - das ist in der Regel ein Werktag, außer Samstag. Bei einem Überweisungsauftrag auf Papier sind es zwei Tage.

Die neuen Fristen gelten nicht nur für Euro-Überweisungen in Deutschland, sondern in der gesamten Europäischen Union. "Auch eine Überweisung von Deutschland aus auf ein Konto bei einer sizilianischen Bank muss künftig innerhalb dieser Fristen erledigt sein", sagt Ingo Beyritz, Zahlungsverkehrsexperte beim Bundesverband deutscher Banken (BdB).

Grund für die EU-weite Geldbeschleunigung ist die europäische Zahlungsdiensterichtlinie. Sie trat Ende 2009 in Kraft und legt die Ausführungsfristen für Überweisungen fest. Bis Ende 2011 darf es demnach noch drei Tage dauern, bis das Geld von einer Bank zur anderen gelangt, danach gilt die Ein-Tages-Frist.

Was passiert mit dem Geld währenddessen?

Dass Bankkunde André Roth den Betrag vom Girokonto erst zwei Tage später bei der Direktbank gutgeschrieben bekommt, ist daher nichts Verwerfliches. Was aber, so fragt er sich, passiert in dieser Zeit mit dem Geld? "Die Bank kann es für sich arbeiten lassen", meint Wolfgang Benedikt-Jansen, der als Rechtsanwalt die deutsche Schutzgemeinschaft für Bankkunden vertritt. Die Zeit, in der das Geld "im Nirwana" zwischen Zahlungsausgang hier und Gutschrift dort schwebe, sei zwar kurz. "Bei der Masse von Zahlungsvorgängen lassen sich so aber auf Dauer hohe Gewinne erzielen."

Ein Beispiel: Bei André Roth dauerte es von Dienstag bis Donnerstag, bis eine Überweisung über 5000 Euro bei seiner Direktbank ankam. Bei einem Zinssatz von einem Prozent ließe sich in dieser Zeit zwar nur ein Mini-Zinsgewinn von knapp 30 Cent erzielen. Bei rund 5,9 Milliarden Überweisungsvorgängen in Deutschland im Jahr kommt aber auch bei solchen Beträgen theoretisch eine stolze Summe zusammen. Selbst bei kleineren Instituten, berichtet ein Banker, der seinen Namen nicht nennen möchte, könnten diese Zinsgewinne pro Jahr in den sechsstelligen Bereich gehen.

Roths Institute winken auf Nachfrage ab. "Wir geben bei Überweisungen die Beträge ohne Verzögerung weiter", heißt es bei seiner Sparkasse. "Wir führen Zahlungen sofort aus", beteuert eine Sprecherin der Direktbank. In der Tat kann ein langer Lauf einer Überweisung viele Gründe haben (Kasten). Überdies, so heißt es bei der Bundesbank, sei es seit Inkrafttreten der EU-Zahlungsrichtlinie verboten, sogenannte Wertstellungsgewinne zu verbuchen - was nicht bedeuten muss, dass es sie nicht gibt. Sicher ist: Ab 2012 werden sie deutlich erschwert. Denn die Zeit schrumpft, in der das Geld arbeiten kann. "Damit", meint Anwalt Benedikt-Jansen, "geht für die Banken ein gutes Stück vom Kuchen verloren."