Von Hans von der Hagen

Wieder einmal wird in Deutschland über die Würde der Frau diskutiert. Das ist schön und nie verkehrt. Schöner wäre es freilich, wenn mit der gleichen Vehemenz über den Wert der Arbeit von Frauen diskutiert würde.

So viel ist klar: Wert und Würde der Frau sind in Deutschland noch nicht synchronisiert worden. Es ist bequem, über die Würde zu reden, wenn man sie nicht beziffern muss.

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Reden wir also vom Wert - mithin vom Lohn, den Frauen für Leben und Arbeit bekommen. Hier zeigt sich, dass nach Jahren anhaltender Diskussionen über Gehaltsdifferenzen zwischen Frauen und Männern sich in Deutschland die Verhältnisse nicht gebessert, sondern im Gegenteil tendenziell noch verschlechtert haben - obwohl mittlerweile deutlich mehr Frauen arbeiten als früher.

Aktuell liegt das Bruttogehalt der Frauen im Schnitt um 22 Prozent unter dem der männlichen Kollegen, wobei es große Schwankungen gibt. Gemäß einer Übersicht der Hans-Böckler-Stiftung verdienen etwa Versicherungskauffrauen ein Viertel weniger als die Männer, Elektroingenieurinnen indes nur sechs Prozent. Zu dem Bruttoschock kommt dann auch noch der Nettoschreck: Weil Frauen weniger verdienen, werden sie, sofern verheiratet, meist in den schlechteren Steuerklassen geführt. Die Folge: Die Gesamtabzüge liegen schnell bei über 60 Prozent.

Es gibt durchaus Gründe für die Gehaltsdifferenzen, die auch von den Frauen zu verantworten sind: die Wahl der Ausbildung etwa, die sich noch immer stark an den üblichen Stereotypen orientiert. Und manchmal auch das Zurückschrecken vor Führungsaufgaben. Einerseits.

Andererseits wird es Frauen schwer gemacht, aus eben diesen Rollen auszubrechen: Wer einen typischen Männerberuf ergreifen will, hat es nicht leicht. Und wer Führungsaufgaben übernehmen will, ebenfalls nicht. Eine Frau muss beweisen, dass sie etwas kann. Ein Mann, dass er etwas nicht kann. Zumindest in Deutschland.

Es geht auch anders

Und wenn dann noch die Kinder kommen, ist alles aus: Die Ausbildung kann noch so gut sein, der Wunsch, eine Führungsaufgabe zu übernehmen, noch so groß: Kinder und Arbeit sind in Deutschland derart schwer unter einen Hut zu bekommen, dass die Frau und ihr Gehalt zwangsläufig auf der Strecke bleiben.

Muss alles so bleiben, wie es ist? Ist das seit Jahren nahezu unveränderte Niveau der Gehaltsdifferenz zwischen Frau und Mann in Deutschland ein Hinweis darauf, dass es eben nicht anders geht. Mitnichten. Das zeigt schon der Blick in die übrigen europäischen Länder. Unter allen 25 EU-Mitgliedstaaten liegt Deutschland auf dem viertletzten Platz, knapp vor Estland, der Slowakei und Zypern: Ganz vorne liegen hingegen Ländern wie Portugal, Belgien und Italien. Dort verdienen die Frauen nicht einmal zehn Prozent weniger die männlichen Kollegen, in Malta liegt die Differenz sogar bei unter fünf Prozent.

Gerade also Länder wie Italien, die stets unter dem Verdacht stehen, sich noch mehr als Deutschland nach der üblichen Rollenaufteilung zu richten, sind längst viel weiter.

Woran liegt das? An dem zynischen Beharrungsvermögen in Deutschland. Man lässt alles so wie es ist, weil es so bequem ist. Man braucht die Frauen als günstige Arbeitskräfte. Nicht nur in den Betrieben, sondern auch zu Hause, wo sie die Familien managen, die Ausbildung der Kinder und damit kostenlos das deutsche Bildungssystem unterstützen und jederzeit verfügbar sind. Deutschlands Institutionen fordern es unausgesprochen mit großer Selbstverständlichkeit ein.

Wer das ändern möchte, dem schlägt ein eisiger Wind entgegen. Das Beharrungsvermögen lässt die üblichen Gleichstellungsprogramme, die es ja vielerorts gibt, schnell muffig und unattraktiv erscheinen - auch weil so viele nicht wahrhaben wollen, was Tatsache ist. "Frauen werden benachteiligt? Bei uns nicht." Ein Blick in die Gehaltslisten würde viele eines Besseren belehren.

Die Verhältnisse sind in Deutschland freilich derart starr, dass sich die Frauen in genau diesen Fragen auch noch gegenseitig das Leben schwer zu machen verstehen. Der Vorwurf, Rabenmutter zu sein, kommt keineswegs nur aus Männermündern.

Erst also wenn akzeptiert wird, dass sich in Deutschland tatsächlich etwas ändern muss, dass die tägliche Wertminderung nicht gottgegeben ist, wird sich etwas ändern.

Das kommt auch der Würde zugute. Ganz sicher.

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