Die Schockwellen nach dem Lehman-Erdbeben sind in der ganzen Welt zu spüren. Auch die deutsche Wirtschaft bangt, doch die ersten Firmen geben bereits Entwarnung - womöglich zu früh.

Angst regiert derzeit auf den Weltmärkten. Das Epizentrum der Finanzkrise ist zwar in New York, doch die Schockwellen sind in der ganzen Welt zu spüren. Auch in Deutschland macht sich das Drama um die Investmentbank Lehman Brothers bemerkbar. Der Dax fiel erstmals seit Oktober 2006 unter die Marke von 6000 Punkten - nun beginnt in der deutschen Wirtschaft das große Zittern.

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Drama um Lehman Brothers: Auch die deutsche Wirtschaft könnte vom Kollaps der US-Bank betroffen sein. (© Foto: Reuters)

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Der neue SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier will nun die Regeln für die internationalen Finanzmärkte verschärft werden. Dies sei eine Konsequenz aus der Bankenkrise in den USA, sagte der SPD-Kanzlerkandidat am Montag nach Beratungen des SPD-Präsidiums in München. Als die SPD vor zwei Jahren bereits entsprechende Vorschläge gemacht habe, sie sie deswegen von vielen Seiten kritisiert worden. Inzwischen werde diese Forderung sogar von führenden Bankern "von Frankfurt bis zur Wall Street" geteilt.

Derartige Forderungen lassen das Bundesfinanzministerium kalt. Doch auch das Haus von Peer Steinbrück (SPD) befürchtet Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum und den Bundeshaushalt. "Natürlich kann es Auswirkungen auf das Wachstum haben", sagte ein Sprecher. Damit hätte dies dann auch Auswirkungen auf den Haushalt. "Wir befinden uns in der Krise, sie ist noch nicht ausgestanden." Er wies aber darauf hin, dass die deutschen Banken von der internationalen Finanzkrise weit weniger betroffen seien als etwa US-Banken. Dies könne ein Beweis für eine größere Stabilität sein.

Zusammen mit der Bundesbank und der Bankenaufsicht Bafin versucht das Ministerium erst einmal, die Gemüter zu beruhigen - mit einer gemeinsamen Erklärung. Die Engagements deutscher Kreditinstitute bei der Bank Lehman Brothers, so heißt es darin, hielten sich in einem überschaubaren Rahmen und seien verkraftbar. Ministerium, Bafin und Bundesbank stünden in engem Kontakt mit ihren jeweiligen internationalen Partnerbehörden und den Spitzen der deutschen Kreditwirtschaft. Sie beobachteten die weitere Entwicklung an den nationalen und internationalen Finanzmärkten sehr genau.

Deutsche Bank an Hilfspaket beteiligt

Für Entwarnung ist es noch zu früh, glaubt der SPD-Haushaltspolitiker Carsten Schneider. Die zugespitzte Finanzkrise in den USA wird nach seiner Ansicht nach auch Auswirkungen auf Deutschland haben. So sei etwa "mit Sicherheit" mit Konsequenzen für das Zinsniveau, die Eigentümerstrukturen, aber auf auch die Wirtschaft hierzulande allgemein zu rechnen, sagte der haushaltspolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Bundestag dem Deutschlandradio. Bislang sei Deutschland in der Finanzkrise noch "glimpflich davongekommen", sagte Schneider weiter.

Die betroffenen Unternehmen selbst wollen jedoch von einer Betroffenheit nichts wissen. Auch der weltweit viertgrößte Rückversicherer Hannover Rück gibt erst einmal Entwarnung. Der Konzern ist nach eigener Einschätzung von einer Pleite der US-Bank Lehman Brothers nur in geringem Maße betroffen. Hannover Rück habe Unternehmensanleihen des US-Instituts im Wert von knapp 20 Millionen Euro und Lehman-Aktien im Wert von knapp drei Millionen Euro in den Büchern, sagte eine Firmensprecherin am Montag.

Mehr Betroffenheit herrscht beim deutschen Branchenprimus. Denn die Deutsche Bank beteiligt sich an der Rettungsaktion für in Not geratene Finanzinstitute. Ein globales Konsortium von zehn Banken hatte am späten Sonntagabend in New York angekündigt, aus einem gemeinsamen Fonds 70 Milliarden Dollar an Darlehen zur Verfügung zu stellen.

"Reinigendes Gewitter"

Ziel sei es, eine weltweite Börsenpanik zu verhindern. Darunter sind neben der Deutschen Bank auch noch die Bank of America, Barclays, Citibank, Credit Suisse, Goldman Sachs, JP Morgen, Merrill Lynch, Morgan Stanley und die Schweizer UBS, die jeweils sieben Milliarden Euro in den Hilfsfonds einbringen wollen.

Das solle dazu beitragen, die Liquidität der betroffenen Institute zu verbessern und die "bisher nicht gekannte Volatilität und andere Herausforderungen abzumildern, die die globalen Anlagemärkte betreffen". Auch die US-Notenbank Fed beteiligt sich durch eine großzügigere Handhabung ihres Notdarlehensprogramms für Investmentbanken. Sie kündigte an, für ihre Kredite eine größere Bandbreite an Sicherheiten zu akzeptieren als bisher.

Nach Einschätzung von verschiedenen Finanzexperten sind die Risiken für die deutsche Wirtschaft durch den Lehman-Kollaps überschaubar. "Das ist ein reinigendes Gewitter; aber das Unwettergebiet ist recht ausgedehnt", sagte Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka-Bank. Die Zentralbanken rund um den Globus verfolgten weiterhin eine Doppelstrategie. Zwar werde nun das Scheitern eines einzelnen Spielers nicht mehr wie in der Vergangenheit durch staatliche Hilfen wegen der Gefahren für das Finanzsystem verhindert. Dies sei durchaus "etwas Neues". Die Zentralbanken dürften aber weiterhin alles tun, um insbesondere die Geldmärkte am Laufen zu halten. Das Liquiditätsfenster der Notenbanken blieben weit geöffnet.

"Beherrschbare Risiken"

Im Gegensatz zu früheren Rettungsaktionen durch die US-Regierung müssten nun aber auch die Fremdkapitalgeber um ihre Gelder fürchten. Die Währungshüter dürften ihre Entscheidung sorgfältig abgewogen haben, sagte Kater. Demnach bestünden angesichts der spezifischen Struktur des Geschäfts von Lehman Brothers offenbar tragbare systemische Risiken. "Die Risiken scheinen beherrschbar", sagte Kater.

Gleichwohl bestünden vor dem Hintergrund der jüngsten Verwerfungen die Konjunkturrisiken fort und auch die Unsicherheit dürfte sich kurzfristig erhöhen. "Es wird weiter Phasen hoher Volatilität geben", erwartet Kater.

Die Entwicklung gleiche insgesamt aber eher "einem Ende mit Schrecken, als einem Schrecken ohne Ende", sagte der Deka-Banker. Bereits in der vergangenen Woche habe sich eine solche Entwicklung nach Aussagen führender Vertreter von Regierung und Notenbank abgezeichnet. "Es ist vielfach ein solches Ereignis, dass ein großer Spieler ausfällt, als Schlusspunkt erwartet worden, allerdings werden diesmal die Probleme wohl noch ein wenig länger andauern", sagte Kater.

Mittelfristig dürfte die "energische Flurbereinigung" auf dem US-Bankenmarkt aber positiv wirken. Die Bereinigung gehe sehr schnell. Dies lasse mittelfristig hoffen.

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(sueddeutsche.de/dpa-AFX/Reuters/dpa/AP/tob/mel)