Wie kam es zur Beinahe-Pleite? Wieso wollte der Bund die Hypo Real Estate unbedingt retten? Was passiert nun? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.
Mehr als 100 Milliarden Euro an Staatsgarantien hat das ehemalige Dax-Unternehmen Hypo Real Estate (HRE) bislang benötigt, um am Leben zu bleiben. 90 Prozent des Immobilienfinanzierers, der jetzt Deutsche Pfandbriefbank heißt, gehören heute dem Staat und Beobachter fragen sich, ob es Alternativen zur Rettung durch die Regierung gegeben hätte. Die wichtigsten Fragen und Antworten.
Die HRE heißt jetzt Deutsche Pfandbriefbank und gehört dem Staat. Experten fordern ihre Abwicklung. (© Foto: AP)
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Warum ließ die Regierung die HRE nicht pleite gehen?
Mit einer Bilanzsumme von 400 Milliarden Euro galt der Finanzierer von Immobilien und Großprojekten und Emittent von Pfandbriefen als "systemrelevant". Das bedeutet: Stürzt die Bank, stürzen wahrscheinlich große Teile der Finanzwirtschaft mit. Überall, wo Projekte über die HRE finanziert werden - in Kommunen, Ländern, Gemeinden - hätte es Zahlungsausfälle gegeben. In Wertpapiere der HRE hatten viele investiert: andere Banken, Rentenkassen, Lebensversicherer, Pensionsfonds, Privatanleger. Die meisten Experten waren sich im Herbst einig: Eine Pleite hätte bei vielen Betroffenen zu sehr hohen Abschreibungen geführt, so dass weitere Schieflagen wahrscheinlich gewesen wären.
Was genau hat die Bank ins Wanken gebracht?
Nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 hörten Banken abrupt auf, sich untereinander Geld zu leihen. Die HRE, insbesondere deren irische Tochter Depfa, war aber auf solche Darlehen angewiesen. Zur Finanzierung ihrer Projekte hatte das Institut langfristige Darlehen stets kurzfristig über eben diesen Interbankenmarkt refinanziert. Dieses Geschäftsmodell funktionierte nicht mehr.
Wie viel müssen Steuerzahler im Höchstfall für die Bank zahlen?
Bislang sind die Staatsbürgschaften nicht in Anspruch genommen worden. Die bloße Garantie der Bundesregierung reicht der HRE aus, sich die nötigsten Mittel am Kapitalmarkt zu besorgen. Falls das nicht mehr funktioniert, könnten im schlimmsten Fall bis zu 100 Milliarden Euro an Staatsgeldern fällig werden. Insgesamt hat die HRE Geschäfte von 400 Milliarden Euro. So hoch ist also das Gesamtrisiko der Bank.
Wäre es nicht billiger gewesen, die Bank pleite gehen zu lassen?
Darüber lässt sich im Nachhinein trefflich streiten. Nach der Lehman-Pleite seien die Nerven vieler Betroffener blank gelegen, meint Wolfgang Gehrke, Leiter des Bayerischen Finanzzentrums. Das Signal einer HRE-Pleite wäre daher sehr schlecht gewesen, meint er. Damit steht er repräsentativ für die Einschätzung der meisten von der Süddeutschen Zeitung über die Monate befragten Experten. Aus heutiger Sicht aber hält Gehrke "die Alternative einer Abwicklung immer noch für gangbar und sinnvoll, sofern der Bund die Verpflichtungen der Bank nach Schließung garantiert". Andere Wissenschaftler wie der Frankfurter Wirtschaftsprofessor Martin Faust favorisieren heute ebenfalls diese Lösung.
Neuerdings firmiert die HRE als Deutsche Pfandbriefbank. Welche Geschäfte macht sie jetzt?
Die HRE will sich aus allen riskanten Geschäften zurückziehen und diese teils in eine Bad Bank ausgliedern. Künftig will sich das Institut auf die Geschäftsfelder Immobilien- und Staatsfinanzierung konzentrieren. Die Refinanzierung soll vorwiegend über Pfandbriefe erfolgen.
Was passiert mit den restlichen HRE-Aktionären?
Bei einer außerordentlichen Hauptversammlung im Oktober wird der Bund mit seiner satten Mehrheit von 90 Prozent den Ausschluss der Alteigner beschließen. Diese werden eine Zwangsabfindung erhalten, über deren Wert noch entschieden wird - dann gehört die HRE zu 100 Prozent dem Bund.
Welche weiteren Pläne hat der Bund mit dem verstaatlichten Institut?
Die HRE soll keine Staatsbank bleiben. Der Chef des Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung kündigte jüngst an, die HRE solle in zwei bis drei Jahren wieder privatisiert werden.
Bleibt die volle Verstaatlichung der HRE ein Einzelfall?
Das Rettungsübernahmegesetz, das mit dem Druckmittel der Enteignung die staatliche Übernahme des Immobilienfinanzierers erst ermöglichte, war befristet bis Juni und damit praktisch nur für den Fall HRE gemacht. Grundsätzlich ist eine staatliche Beteiligung auch bei anderen Instituten möglich, wenn diese beim Bankenrettungsfonds Soffin einen Antrag auf Eigenkapitalhilfe stellen. Bei der Commerzbank etwa ist der Staat schon eingestiegen.
(SZ vom 08.07.2009/kfa)
Debatte über Urheberrecht
danke für diesen ausgezeichneten Beitrag!
in diesen Artikel den Eindruck des Wiederkäuens von Vorgelegtem und nicht den Eindruck von wirtschaftlich verständigem Journalismus!
Warum hätte eine Insolvenz der HRE bei Ihren Kreditnehmern, Kommunen, Ländern und Gemeinden, Zahlungsausfälle hervorgerufen? Probleme hätte es nur gegeben, wenn zugesagte Kredite nicht ausgereicht worden wären, hier aber wären direkte Hilfen des Bundes möglich gewesen.
Die von der HRE begebenen Pfandbriefe nach deutschen Pfandbriefrecht waren und sind bestens abgesichert, allenfalls wären Verzögerungen bei Zins und Tilgung möglich gewesen. Wo lag also hier das Risiko der Käufer (Banken, Versicherungen, Pensionskassen, etc.)? Bei all den anderen von der HRE emittierten Wertpapieren kann von den angeführten Käufern soviel Wissen erwartet werden, daß sie über Chancen und Risiken der emittierten Wertpapiere Bescheid wußten. Ansonsten sind sie fehl am Markt!
Das ganz kurz angerissene Depfa-Geschäftsmodell (langfristige Kredite ausgeben, kurzfristige Refinazierung) ist für eine Bank "Russisch Roulett". Dieses Fristentransformationsrisiko hat schon so manches Institut an den Abgrund gebracht. Die genossenschaftlichen Spitzeninstitute sind hier sehr erfahren. Das diese Geschäfte von der irischen Tochter Depfa durchgeführt wurden hat den Geschmack des Verschleiernwollens. Außerdem hat die Bank damit in guten Zeiten sicher prächtig verdient. Wo sind diese Gewinne geblieben? Warum soll ich als Steuerzahler jetzt die Kohlen aus dem Feuer holen.
Die Art und Weise des HRE Geschäftsbetriebes sollte reichen alle Vorstände und leitenden Angestellten anzuklagen und zu verurteilen. Die namhaften Experten, die eine HRE-Rettung propagierten, sind meines Erachtens eher banknah und damit befangen. Die beteiligten Politiker hatten und haben von der Sache soviel Kenntnis und Verständnis wie eine Kuh von der Differential- und Integralrechnung.
Es ist leicht Geschäfte zu machen, wenn der Staat die Arme zur Rettung ausbreitet.
die uns mit ihrem Sparwahn jahrelang drangsaliert hat, plötzlich dazu, alles über Bord zu werfen und auf bloße Vermutungen hin den größten Schuldenberg (mehr als durch die Wiedervereinigung) aller Zeiten
aufzuhäufen, nur weil die Banken das wollen? Das ist geht nur mit den Scheuklappen einer Ideologie, dem goldenen Kalb des Marktliberalismus, Geld vor Mensch. Heil Markt! Nur unter diesem Zwang ist Bankenrettung alternativlos.
die ganze heisse Luft her?
Versuchen Sie mal mit Ihrer obigen nebulösen Begründung (systemrelevant) eine Bankkredit zu bekommen! Liebe Leute das kann man allenfalls bei 100 Millionen mal machen, aber nicht bei einer Summe, die tausend Mal höher ist und die Bonität unseres Staatswesens in Frage stellt. Die HRE Rettung war nach einem SZ-Artikel eine Nacht und Nebel Aktion und ist es geblieben: Am Telefon wurde das zwischen Merkel, Steinmeier und Ackermann beschlossen, weil die Banker gedroht hatten, andernfalls den Finanzhimmel auch über Deutschland einstürzen zu lassen. Ein Gegensteuern im Vorfeld wäre zwingend gewesen, die Pleite der Lehman Brothers hätte international kontrolliert werden müssen in einer globalisierten Finanzwelt. Die Politiker sind nur Dilettanten oder Komplizen, Steinbrück hat alles herunter gespielt, Frau Merkel hat wahrscheinlich genauso viel Ahnung von der Finanzwirtschaft wie ich. Nur ich lasse mir nicht einmal privat etwas aufschwätzen. Noch größere Vorsicht wäre zu fordern bei öffentlichen Geldern. Es gab die gut zu begründende Alternative, die HRE pleite gehen zu lassen mit allen Konsequenzen, eine saubere transparenteLösung, Tabula rasa statt in einer Panikreaktion öffentliche Garantien zu geben. Eine ganze Reihe hochkarätiger Volkswirtschaftler ist dieser Meinung, z.B. der Nobelpreisträger Stiglitz. Nach der Insolvenz kann man schauen, wo der Staat eventuell systemstabilisierend eingreifen muss, kontrolliert und nach Diskussion wie bei Arkandor oder Opel.
Gutes Management hätte geheißen, den Druck heraus zu nehmen.
Die Kommunen verlieren z.B. mit ihren PPP Projekten durch die USA Pleiten ebenfalls viel Geld, jüngstes Beispiel ist die Pleite in Rheinland-Pfalz mit dem Nürburgring. Dadurch geht die Welt nicht unter. Was die HRE angeht, gibt es immer noch nicht mehr als Vermutungen. Die teuersten Vermutungen aller Zeiten.