Von Martin Hesse

Führungstheater bei der Deutschen Bank: Aufsichtsratschef Börsig wollte Josef Ackermann beerben - und ist damit gescheitert. Nun wird über seine berufliche Zukunft diskutiert.

Als Clemens Börsig die Attacken Ekkehard Wengers zu bunt wurden, drehte er dem Profi-Aktionär bei der Hauptversammlung der Deutschen Bank im vergangenen Jahr den Ton ab. Man hatte dem Aufsichtsratschef zu diesem Zeitpunkt schon eine Weile angesehen, dass er den Kritiker am liebsten aus dem Saal jagen würde.

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(© Foto: dpa)

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Es gelang dem gelegentlich aufbrausenden Börsig aber, sich zu beherrschen und das Aktionärstreffen wieder in ruhigere Bahnen zu lenken. Bei der nächsten Hauptversammlung am 26. Mai dürfte Börsig eine gelassene Auseinandersetzung mit den Aktionären schwerer fallen denn je - wenn er dann das Treffen überhaupt noch als Aufsichtsratschef leitet.

In der Deutschen Bank spielt sich nämlich ein Führungstheater ab, wie man es lange nicht mehr erlebt hat. Nach außen präsentieren Vorstandschef Josef Ackermann und seine Leute die Bank als Tanker, der in der Krise unbeirrt Kurs hält. Doch darüber, wer das Schiff steuern soll, herrschte über Wochen große Verwirrung.

Und das liegt vor allem an Börsig, 61 Jahre alt, seit fast zehn Jahren bei der Deutschen Bank, seit drei Jahren ihr Aufsichtsratsvorsitzender und seit Montag Beinahe-Vorstandschef des größten und stolzesten deutschen Kreditinstituts.

Beinahe, das hat zumindest der als überaus selbstbewusst geltende Börsig geglaubt, hätte er es vermutlich als einer der ersten Manager geschafft, vom Vorstand in den Aufsichtsrat und wieder zurück an die Spitze des Vorstands zu springen.

Im Februar hatte Bankchef Josef Ackermann erneut beteuert, er werde in jedem Falle im Mai 2010 abtreten. Von da an nahmen im Wochentakt die Spekulationen zu, wer ihn beerben könnte. Doch vom Investmentbanker Anshu Jain bis zum Privatkundenchef Neske schien niemand in der Bank so recht geeignet, den Spitzenjob zu übernehmen.

Und so kommt es zu dem Endspiel um den Chefposten, das sich nur ungefähr rekonstruieren lässt: Um die Führungsfrage rasch zu klären, bietet Ackermann an, bereits zur Hauptversammlung im Mai zurückzutreten. Börsig zeigt sich bereit, den Chefposten selbst zu übernehmen. Wer sonst könnte so rasch die Lücke füllen?

Der zweite Mann im Präsidialausschuss, der Bosch-Manager Tilman Todenhöfer, schlägt dem Aufsichtsrat am Montagmorgen Börsig als Vorstandschef vor. Arbeitnehmerbank und Arbeitgeberseite beraten über die Nominierung. Rasch ist klar, dass die Arbeitnehmer Börsig ablehnen, doch auch bei den Arbeitgebervertretern gibt es Widerstand.

Der Aufsichtsrat verfällt darauf, Ackermann eine Verlängerung seines Vertrages anzubieten, ausgerechnet Börsig muss ihm den Vorschlag unterbreiten. Am Abend steht fest: Ackermann soll die Bank bis 2013 führen.

Schon in den Wochen zuvor war im Umfeld Ackermanns gestreut worden, der Aufsichtsrat wolle ihn zum Bleiben bewegen. Das wirft heikle Fragen auf. Wurde der Schweizer tatsächlich schon vor der entscheidenden Sitzung gefragt?

Lehnte er ab? Warum sonst bot Börsig sich für den Chefposten an? Spekulierte Ackermann gar darauf, dass Börsig scheitern würde und man das Amt dann nur noch erneut ihm andienen konnte?

In jedem Fall war die Rochade Börsigs vom Vorstand in den Aufsichtsrat und zurück einer Mehrheit der 19 übrigen Aufsichtsratsmitglieder nicht vermittelbar. Das verkannt zu haben, werfen Börsig selbst Leute aus seinem Umfeld vor.

"Offenbar hatte er niemanden, der ihm von dieser haarsträubenden Idee abgeraten hat", sagt einer, der ihn seit Jahren kennt. Der kantige Badener gilt als jemand, der die Dinge am liebsten mit sich selbst ausmacht.

Dass er den Ackermann-Job gerne gemacht hätte, können sich im Umfeld der Bank viele vorstellen. Bereits 2001 unter Ackermanns Vorgänger Rolf Breuer wurde Börsig Finanzvorstand, ein Jahr später übernahm er auch das Risikoressort und wurde mächtigstes Mitglied des Vorstands.

Als Breuer 2006 überraschend den Posten als Aufsichtsratsvorsitzender aufgab, rückte Börsig nach. Dass er sich damals seinen Vorstandsvertrag voll auszahlen ließ und so fast 17 Millionen Euro kassierte, wurde von Aktionärsvertretern heftig kritisiert und kam auch im Arbeitnehmerflügel nicht gut an.

Als Vorruhestandsposten sah Börsig das Aufsichtsratsmandat jedoch nicht an. Im Gegenteil. Oft hat sich der akribische Kontrolleur, der auch in den Kontrollgremien von Bayer, Linde und Daimler sitzt, für professionelle Aufsichtsräte ausgesprochen.

Bei der Deutschen Bank mische er sich intensiv ins Geschäft ein, heißt es - und komme daher in Konflikt mit Ackermann. Der Bankchef und sein Chefkontrolleur gelten nicht als gute Freunde. "Sie haben zu einem kultivierten Miteinander gefunden", umschreibt einer das Verhältnis.

Doch über den Kurs der Bank sind sie dem Vernehmen nach nicht immer einer Meinung. Ackermann steht unverändert den Investmentbankern sehr nah, Börsig sähe die Bank gerne unabhängiger vom schwankungsanfälligen Kapitalmarktgeschäft.

Außerdem heißt es, vor allem Börsig habe die Erweiterung des Vorstandes auf acht Mitglieder betrieben, auch um das Management stärker unter die Kontrolle des Aufsichtsrates zu bringen.

Doch nun ist Börsigs Position beschädigt. "Konfus geht es bei uns absolut nicht zu", sagte er voriges Jahr in einem Interview. Doch gerade sein mangelndes Geschick bei der Vorbereitung der Ackermann-Nachfolge erweckt nun den gegenteiligen Eindruck.

"Der Aufsichtsrat der Deutschen Bank AG hat unverändert volles Vertrauen in seinen Vorsitzenden Dr. Clemens Börsig", heißt es am Donnerstag in einer Erklärung der Bank. Doch dass eine solche Aussage nötig ist, ist ein Zeichen der Schwäche. Gestärkt geht dagegen Ackermann aus den Turbulenzen hervor, hat doch sein stärkster Gegenpol eine schwere Niederlage erlitten.

Dennoch gilt nicht als ausgemacht, dass Börsig sich zurückzieht. Einen Trumpf hat er in der Hand: So wie sich kein Nachfolger für Ackermann fand, wäre auch Börsig für die Deutsche Bank schwer zu ersetzen.

Seine Kompetenz in Finanz- und Risikofragen ist unbestritten. Und so könnte es sein, dass die beiden Alphatiere Börsig und Ackermann es noch eine ganze Weile gemeinsam an der Spitze der Bank aushalten müssen.

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(SZ vom 02.05.2009/gal)