Dämmstoffe Zeitung an der Wand

Holz und Hanf, Stroh und Schilf - natürliche Materialien dämmen ähnlich gut wie Polystyrol, Glas- oder Steinwolle. Pflanzliche Produkte punkten vor allem beim Klima- und Schallschutz. Dafür sind sie aber meistens etwas teurer.

Von Ralph Diermann

Manche Zeitungsartikel können das Herz wärmen - oder auch ein ganzes Haus. Dass es die Familie Lange im nahe Hamburg gelegenen Boizenburg auch in bitterkalten Winternächten gemütlich warm hat, verdankt sie nämlich der Presse: Guido und Sabine Lange haben ihr neues Einfamilienhaus mit Zelluloseflocken gedämmt, die aus altem Zeitungspapier hergestellt wurden.

Eingeblasen in den Hohlraum zwischen den Wandelementen eines Holzrahmenbaus, hält die achtzehn Zentimeter starke Barriere die Heizenergie im Haus. Einen zusätzlichen Wärmeschutz bieten handbreit dicke Holzweichfaserplatten, die als weiterer Dämmriegel zwischen der Außenwand und einer Verschalung aus Lärchenholz angebracht sind. "Wir haben beim Bau sehr auf Nachhaltigkeit geachtet, unter anderem durch den Einbau einer Holzheizung und einer Solarthermieanlage. Da war es für uns keine Frage, dass wir auch bei der Dämmung natürliche Produkte verwenden", sagt Guido Lange.

Selbst bei sonst so vorbildhaften Passivhäusern wird heute oft Polystyrol verwendet

Mit ihrer Entscheidung stehen die Langes allerdings ziemlich alleine da. Auf Materialien natürlichen Ursprungs entfallen gerade einmal sieben Prozent des Gesamtmarktes für Dämmstoffe, hat das Bundeslandwirtschaftsministerium ermittelt. Selbst die ökologisch sonst so vorbildhaften Passivhäuser werden heute vielfach mit Polystyrol gedämmt, das aus Erdöl hergestellt wird. Dabei gibt es mittlerweile eine breite Palette alternativer Materialien für fast jeden Einsatzzweck: See- und Wiesengras als Dämmstoffe für Hohlräume zum Beispiel, Matten aus Jute, Flachs oder Hanf für die Dach- und Kellerdeckendämmung, Korkpaneele für die Fassade - um nur einige Beispiele zu nennen. Dazu kommen exotische Materialien wie Schafwolle, Schilf und Stroh.

Am weitesten verbreitet sind jedoch Zellulose und Holzfasern, die jeweils knapp ein Drittel des Marktes für ökologische Dämmstoffe ausmachen. Nur bei der Perimeter-Dämmung, also der Dämmung der den Erdboden berührenden Gebäudeteile, fehlt es bislang an einer natürlichen Alternative. "Für Bereiche mit hoher Feuchtigkeitsbelastung sind die ökologischen Baustoffe, die aktuell auf dem Markt sind, nicht geeignet", sagt Thomas Penningh, Vorsitzender des Verbands Privater Bauherren (VPB).

Die pflanzlichen Produkte punkten vor allem bei der Klimabilanz. Während bei der Herstellung von Polystyrol - dem mit Abstand am meisten verwendeten Material für die Fassadendämmung - nach Angaben der Deutschen Umwelthilfe pro Quadratmeter bis zu 29 Kilogramm CO₂ emittiert werden, sorgt eine Dämmung aus nachwachsenden Rohstoffen dafür, dass die Konzentration des Treibhausgases in der Atmosphäre sogar sinkt. Denn die Pflanzen nehmen während ihres Wachstums Kohlendioxid aus der Atmosphäre auf, das dann wiederum in den Dämmmaterialien gebunden wird. Glas- und Steinwolle, die häufig für die Dach-, Kellerdecken- und Trittschalldämmung eingesetzt wird, liegt beim Treibhausgas-Ausstoß zwischen Polystyrol und den natürlichen Dämmstoffen.

Die gute Klimabilanz der natürlichen Materialien werte die Häuser auf, meint Penningh. "Wir sollten den psychologischen Faktor nicht unterschätzen: So wie viele Bauherren heute fair gehandelte Waren bevorzugen oder auf das Auto verzichten, so werden sie sich auch mit energiesparenden, ressourcenschonenden und nachhaltigen Baustoffen im und am Haus wohler fühlen", sagt der VPB-Vorsitzende.

Die Hersteller werben aber nicht allein mit dem Öko-Faktor. Auch der bessere Schallschutz spreche für die Produkte. Da nämlich die Masse vieler natürlicher Dämmstoffe deutlich größer ist als die konventioneller Produkte, werde weniger Lärm übertragen. Zudem, so die Branche, schützen natürliche Materialien oft besser vor sommerlicher Hitze, weil sie viel Wärme speichern können. Daher seien sie in der Lage, den ganzen Tag über Wärme aufzunehmen, die sie erst nachts wieder abgeben.

In der Praxis nützt diese Eigenschaft allerdings nicht viel, wie eine Masterarbeit an der Frankfurt University of Applied Sciences zeigt. Darin weist die Autorin Victoria Giss nach: In den meisten Gebäuden gelangt durch die Fenster und das Lüften so viel Wärme ins Innere, dass die Wirkung der Dämmstoffe überlagert wird. Trotz ihrer großen Masse ist die Dämmwirkung pflanzlicher Materialien etwas schlechter als die von Polystyrol, Glas- oder Steinwolle. So liegt die Wärmezahl etwa einer Holzfaserdämmplatte laut Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe zwischen 0,040 und 0,052; die von Polystyrol und Steinwolle dagegen zwischen 0,035 beziehungsweise 0,033 und 0,040. Je niedriger der Wert ist, desto weniger Wärme dringt durch das Material.

Die höhere Wärmeleitfähigkeit natürlicher Produkte macht eine dickere Dämmschicht nötig, um das gleiche Ergebnis wie mit Polystyrol, Glas- oder Steinwolle zu erzielen. Bei Fassaden zum Beispiel bedeutet dies je nach Material bis zu fünf Zentimeter mehr Dämmung. Das fördert den sogenannten Schießscharteneffekt: Je dicker die Dämmung, desto weniger Licht fällt in die Räume.

Je dicker die Dämmung, desto weniger Licht fällt in die Räume - der "Schießscharteneffekt"

Noch schwerer dürfte allerdings wiegen, dass der Öko-Wärmeschutz meist deutlich teurer ist als einer aus herkömmlichen Materialien. Nach Berechnungen des auf Wärmedämmung spezialisierten Beratungsinstituts Ipeg müssen Bauherren für Dämmplatten aus Holzweichfaser im Durchschnitt 71,40 Euro pro Quadratmeter und für solche aus Zellulose 40 Euro bezahlen, für Polystyrol-Platten gleicher Größe und Dämmwirkung dagegen nur 18,10 Euro. Matten aus Glaswolle kosten 6,70 Euro pro Quadratmeter, solche aus Hanffasern rund das Vierfache. Nur bei den Dämmstoffen, die in Hohlräume eingeblasen oder geschüttet werden, sind die natürlichen Produkte oft billiger.

"Natürliche Dämmstoffe sind teurer, weil die Hersteller im Vergleich zu konventionellen Produkten geringere Mengen an Material absetzen. Daher können sie nicht so günstig produzieren", erklärt René Görnhardt von der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe. Bei der Verarbeitung entstehen dagegen praktisch keine zusätzlichen Kosten. "Da gibt es keine großen Unterschiede zu Polystyrol, Glas- oder Steinwolle. Für die Handwerker bedeuten die natürlichen Dämmstoffe so gut wie keinen zusätzlichen Aufwand", sagt Görnhardt.

Holz, Hanf und die meisten anderen Materialien pflanzlichen Ursprungs beginnen zu brennen, wenn sie Feuer ausgesetzt sind. Den Dämmstoffen sind daher Brandschutzmittel, meist Borsalze, zugesetzt, die das verhindern sollen. Die Öko-Dämmung gilt laut DIN-Norm als "normal entflammbar". Polystyrol-Produkte schneiden etwas besser ab, sie werden als "schwer entflammbar" eingestuft. Stein- und Glaswolle brennt gar nicht.

Die Einstufung in eine vergleichsweise schlechte Brandschutzklasse hat zur Folge, dass Eigentümer eine geringfügig höhere Prämie für die Gebäudeversicherung bezahlen müssen, wenn sie sich für eine natürliche Dämmung entschieden haben. Tatsächlich ist die Brandgefahr allerdings äußerst gering, erklärt Arnold Drewer vom Ipeg-Institut, einer privatwirtschaftlichen Organisation für Wärmeschutz mit Sitz in Paderborn. "Die Praxis zeigt, dass das Risiko nicht höher ist als bei Polystyrol", sagt der Experte. Ohnehin komme es nur extrem selten vor, dass eine Dämmung Feuer fängt - egal, welches Material verwendet wird. Drewer: "Die Brandgefahr wird oft maßlos übertrieben dargestellt."