Crowdfunding: Spendensammeln im Internet 2000 Euro für ein Halleluja

Wunderwaffe Internet: Eine junge Regisseurin will einen Film über Bud Spencer drehen. Weil ihr das Geld fehlt, ruft sie im Netz um Hilfe - und "Crowdfunding" funktioniert tatsächlich.

Von Florian Fuchs

Miss Nelly, die Sekretärin, war die eine Hürde. "Wer zu Bud Spencer will, der muss an ihr vorbei", sagt Sarah Nörenberg. Die Nachwuchsregisseurin hat Miss Nelly deshalb lange bezirzt, auch mit Fürsprache des italienischen Bud-Spencer-Fanklubs, und irgendwann ist die Sekretärin dann weich geworden: Der Schauspieler empfing Nörenberg, und was er hörte, gefiel ihm.

Bud Spencer sagte zu, sich für eine Dokumentation über sein Leben interviewen zu lassen. Die erste Hürde also war geschafft, jetzt arbeitet die Nachwuchsregisseurin mit ihrem Geschäftspartner daran, die zweite zu überspringen: die Finanzierung.

Es ist ja nicht billig, ein Filmteam samt Ausrüstung von Wien nach Rom zu fliegen und ein langes Interview mit Bud Spencer zu drehen. "Also haben wir unser Projekt bei Mysherpas online gestellt", sagt Nörenberg. Und es sieht gut aus: Die 2000 Euro, die sie für den Trip nach Italien noch brauchen, haben sie schon fast in der Tasche - dank der Hilfe zahlreicher Spender.

Anreize für die Förderer

Crowdfunding heißt das Konzept, mit dem Mysherpas Projekte wie die Biographie über Bud Spencer zu verwirklichen hilft. Jungunternehmer, Künstler, Musiker, Schriftsteller, Sportler: Wer Geld für ein Vorhaben braucht, präsentiert es ein paar Wochen auf der Webseite, wirbt mit Bildern, Videos und Berichten - und lockt so im Idealfall private Geldgeber.

Im Gegenzug erhalten auch die Förderer etwas, je nach Kreativität der Projektinhaber: Wer für den Spencer-Film zehn Euro spendet, bekommt eine Postkarte vom Dreh aus Rom. Wer 400 Euro gibt, den laden die Nachwuchsregisseure zu sich nach Wien ein und schmeißen eine Bud-Spencer-Party.

In Deutschland ist die Idee des Crowdfunding gerade dabei, sich zu etablieren. Die Seite des Münchner Unternehmens Mysherpas startete im Oktober, zeitgleich mit der Leipziger Seite Startnext. Es gibt noch andere Anbieter wie Pling, Inkubato oder VisionBakery. Sie alle funktionieren nach dem gleichen Prinzip: Sie bieten die Plattform und behalten am Ende etwa zehn Prozent der Spenden für ein Projekt als Vermittlungsgebühr ein. Und ihnen allen dient der Erfolg der US-Seite Kickstarter als Vorbild.

Riesen-Erfolg bei Kickstarter

Das New Yorker Unternehmen ging 2009 online, schon 2010 wurden auf der Seite 20 Millionen US-Dollar gesammelt und insgesamt bereits knapp 3000 Projekte finanziert. "In den USA ist Crowdfunding ein Riesenerfolg", sagt Tim Busse, Geschäftsführer von Mysherpas.

Das Projekt Tiktok bei Kickstarter erregte im Dezember 2010 besonders großes Aufsehen. Eine kleine Firma bat um Finanzierungshilfe, um eine Halterung zu konstruieren, mit der man den iPod Nano als Multitouch-Armbanduhr nutzen kann: 13.500 Geldgeber spendeten 940.000 Dollar. Die Entwickler hatten eigentlich nur 15.000 Dollar als Spendenziel veranschlagt gehabt.

Von solchen Summen können die deutschen Anbieter momentan nur träumen. Mysherpas hat bislang sechs abgeschlossene Projekte und dafür insgesamt 13.000 Euro gesammelt, Startnext hat 35 Projekte online und bisher acht abgeschlossen. "In Deutschland ist Crowdfunding bisher nur eine Randerscheinung, weil wir hier ganz andere Strukturen haben als in den USA", sagt Sebastian Metzner vom Unternehmen Trendone in Berlin, das Trends im Internet erforscht.

Langfristig auch in Deutschland ein Thema

In Deutschland ist die Finanzierung von Kulturprojekten stark institutionalisiert. Tino Kreßner, Mitbegründer von Startnext, hat ausgerechnet, dass der Staat 90 Prozent aller Kulturausgaben des Landes, also etwa acht Milliarden Euro pro Jahr, übernimmt. "Den Deutschen ist es lieber, Kultur oder Entwicklungen indirekt durch Steuern zu unterstützen", sagt Trendforscher Metzner, "denn dann haben die Projekte durch die Prüfung staatlicher Stellen einen Seriositätsstempel."

Dabei gibt es nach Ansicht der Geschäftsführer von Mysherpas und Startnext gute Gründe, für Projekte auf ihren Seiten zu spenden: Geldgeber werden als Gegenleistung im Abspann eines Films genannt oder im Booklet einer Musik-CD. Sie können selbst die kulturelle Landschaft gestalten, indem sie Projekte finanzieren, die sonst mangels Budget nie produziert würden.

Trendforscher Metzner hält das Geschäftsmodell des Crowdfunding deshalb in Deutschland langfristig ebenfalls für "ein heißes Thema": "Die Leute wollen immer mehr Einfluss nehmen, eigene Spuren hinterlassen, deshalb kann das Crowdfunding auch hier künftig größere Akzeptanz finden."

Sarah Nörenberg würde sich freuen: Für ihre Dokumentation will sie noch mit Bud Spencers Filmpartner Terence Hill reden, mit dem sie schon Kontakt hatte. Vielleicht versucht sie es dann wieder über das Crowdfunding - wenn sie bis dahin für die weitere Finanzierung nicht ohnehin schon einen Vertrag mit einer Filmgesellschaft geschlossen hat. Erste Gespräche in diese Richtung laufen nämlich auch schon.

Eine Idee - viele Milliarden

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