Nudossi, Rotkäppchensekt, Tintex-Fleckenlöser, Brockensplitter und der Croma-Rasierer - Ostprodukte sind gefragt wie nie zuvor. Doch mit Ostalgie hat das kaum etwas zu tun.
Die Schokolade, die Fred Thieme gerade im Regal gefunden hat, kennt er seit seiner Kindheit. "Die hat mir damals geschmeckt, und die schmeckt heute immer noch", sagt der Mann mit der schwarzen Schiebermütze. Brockensplitter, mit Krokant gefüllte Vollmilchschokolade aus dem Harz, seien schon zu DDR-Zeiten schwer zu bekommen gewesen, sagt Thieme. Und auch heute musste er etwas suchen, ehe er das Geschäft Ostpaket am Berliner Alexanderplatz fand. Thieme lächelt - ebenso wie eine Frau, die ein paar Meter weiter einen Trabi entdeckt hat, aufgestickt auf ein Frotteehandtuch. Sie wird es dem sächsischen Schwager schenken. In dem Laden ist viel los. Doch jünger als 50 ist kaum einer der Kunden. Fred Thieme ist 65.
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Konsumforscher sehen einen Trend, der noch länger anhält: "Die Nachfrage nach Ostprodukten wächst - und der Gipfel ist sicher noch nicht erreicht." (© dapd)
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Zu Gast im Ostpaket: Ein Gemischtwarenladen, der vom Tintex-Fleckenlöser über Kyffhäuser Käseköstlichkeiten und Nudossi bis hin zum Croma-Rasierer so ziemlich alles bietet, was die Wende überlebte. Es ist eines der größten Geschäfte für Ostprodukte. Ähnliche Shops gibt es überall in den neuen Bundesländern. Sie alle bieten Waren mit Erinnerungswert, setzen also auf Kunden, die den größten Teil ihres Lebens in der DDR verbracht haben. Eigentlich kein Umstand, der eine Perspektive verspricht. Doch Wolfgang Adlwarth von der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) sieht einen Trend, der noch länger anhält: "Die Nachfrage nach Ostprodukten wächst - und der Gipfel ist sicher noch nicht erreicht."
Nische für Missverständnisse
Reiner Karsten leitet zusammen mit seiner Lebensgefährtin Bianca Schäler das Ostpaket. In den ersten Tagen des neuen Jahres sind die beiden Mittfünfziger mit der Inventur beschäftigt. Die Bilanz für 2011 haben sie gerade erstellt: Der Umsatz liege im mittleren sechsstelligen Bereich - und mehr als ein Viertel über dem im Vorjahr, sagt Karsten. Seit zehn Jahren hat das Paar den Laden. In den vergangenen zwei Jahren wurde angebaut: Im Erdgeschoss der alten Markthalle gibt es jetzt zusätzlich das Geschäft Ostblock mit Waren aus den ehemaligen Bruderstaaten. Außerdem das Geschenkekombinat, in dem man T-Shirts bedrucken lassen kann, etwa mit Ampelmännchen, ein Wendegewinner. "Wir haben unsere Nische gefunden", sagt Karsten.
Eine Nische auch für Missverständnisse: Der Trabant auf Handtüchern, der Trabant als Miniaturauto, direkt am Eingang des Ostpakets - das weckt durchaus den Verdacht, dies sei ein Laden für Ostalgiker. Das Wort bringt Thieme in Rage: "Wenn jemand im Westen wie eh und je seine Niveacreme nutzt, dann nennt man ihn doch auch nicht Westalgiker." Tatsächlich sind DDR-Devotionalien im Ostpaket eher die Ausnahme. Bestimmt wird das Sortiment von Waren für den täglichen Gebrauch und Lebensmitteln. "Wir verkaufen Sachen, die die Leute schon lange kennen und die sie nur hier auf einem Fleck finden", sagt Bianca Schäler.
Auf eine bestimmte Altersgruppe lasse sich die Kundschaft nicht festlegen, widerspricht die Chefin dem Eindruck, den man gerade noch im Laden gewinnen konnte. "Wir haben genügend jugendliche Kunden, denen manche Sachen einfach schmecken und die dann zu uns kommen." Schäler weist, um zu verdeutlichen, auf eine Packung Nougat von Viba, hergestellt in Thüringen.
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Debatte über Urheberrecht
Auch wenn ich zu Zeiten der Grenzöffnung noch ein Kind war, konnte ich nie begreifen, warum plötzlich alles in der DDR schlecht gewesen sein sollte. Unsere Lebensmittel haben mir zumindest immer geschmeckt. Und ich werde nie vergessen, als wir zu unserem ersten Besuch im Westen waren, habe ich meine Mutter ganz entsetzt gefragt: " Mama, warum kaufen die Leute hier Brot? Brot gibt es doch auch bei uns? Also hoch lebe die Ostalgie, zumindest in einigen Produkten.
Meine Erinnerung an den Tag 0 nach der Währungsunion zur D-Mark ist diese. In unseren kleinem Dorf waren aus allen Geschäften am Tag 0 sämtliche DDR Lebensmittelkonserven und auch alle anderen Waren weg. Die Geschäfte waren leer, so leer, wie es zu keinen anderen Zeiten in meiner Erinnerung je gewesen ist. Einen Tag später gab es nur noch Westprodukte. Angefangen von der Butter bis zur Milch und von Limonade bis zu Gurken--alles kam von irgend einer Handelskette aus der BRD. Bevor es unsere Händler überhaupt gemerkt hatten, was da passiert, mussten Ostdeutsche Lebensmittelhersteller schon pleite anmelden. Einige dieser Hersteller hatten diese Gefahr rechtzeitig erkannt und Kontakte zu den Aufkäufern der Ketten hergestellt. Denen haben wir nun die guten Marken des Ostens zu verdanken. Damit waren sie auch Retter von Arbeitsplätzen in der Lebensmittelbranche. Erinnern kann ich mich auch noch an eine Katastrophe einige Monate nach der Wende. Im Raum Ballenstedt sind kurz vor der Wende von einer Obstbaugenossenschaft eine Plantage Apfelbäume gepflanzt worden. Sie wären in nächster Zeit Ertragsfähig gewesen. Als ich vorbei kam wurden alle Bäume gerodet, da die Fläche verkauft war und nun für den Eigentümer Bauland darstellte.
Jonas