Börsenlegende Glickenhaus "Am Ende schluckt der Staat sie alle"

Der 94-jährige Seth Glickenhaus heuerte an der Wall Street an, als in New York noch mehr Autos fuhren als in ganz Europa.

Von Moritz Koch

Es war die Zeit der Luftschiffe und Ozeandampfer, als Seth Glickenhaus bei der Investmentbank Salomon Brothers anheuerte. New York in den Goldenen Zwanziger Jahren: Auf den Straßen fuhren mehr Autos als auf dem gesamten alten Kontinent. Jazz beseelte die Stadt. Der Glamour des Broadways und der Ruhm der Wall Street ließen London und Paris erblassen.

Mitten in die Feierstimmung hinein platzte der Crash. Gerade als sich der junge Bote Glickenhaus in seinem Job zurechtgefunden hatte, rauschten die Aktienkurse an der New Yorker Börse in die Tiefe. Der 24. Oktober 1929 ging als Schwarzer Donnerstag in die Geschichte ein. Auf die Epoche des Überschwangs folgte die Große Depression.

Gier oder Ehrgeiz?

Zehn Jahre lang drückte sie die amerikanische Wirtschaft zu Boden. Die Erinnerung an den Prunk und die allgemeine Heiterkeit verblasste. Elend und Hunger prägten den Alltag in Amerika. Die Welt diskutiert in diesen Tagen, da die Wirtschaft vor Furcht stagniert, häufig über diese Leidenszeit. Wird sich die Geschichte wiederholen?

Glickenhaus ist inzwischen 94 Jahre alt und an der Wall Street einer der letzten Zeitzeugen der Großen Depression. Er sitzt zurückgelehnt in einem Ledersessel, fast regungslos, die Schultern angewinkelt, die Hände gefaltet.

Der alte Mann strahlt Ruhe aus. Er nimmt sich Zeit, während er spricht. Als würde er jeden Satz in Gedanken vorformulieren, abwägen und zurechtschleifen. Welch ein Kontrast zu den Bildern von der Börse.

Ein großer Fernseher projiziert sie in den Raum, die Bilder von nervösen Händlern und gehetzten Reportern. Natürlich kennt Glickenhaus diese Welt, die so wenig mit ihm gemein zu haben scheint. Er ist bis heute ein Teil von ihr. Glickenhaus hat fast sein gesamtes Leben an der Wall Street verbracht. Bald nach dem großen Crash begann er zu studieren. In Harvard machte er 1934 seinen Abschluss. Aber gleich danach zog es ihn zurück nach New York.

Wieder fing er bei Salomon Brothers an, dieses mal als Händler für öffentliche Anleihen, und wieder sollte er nicht lange bleiben: "Ich habe der Bank viel Geld eingebracht. Aber die Partner haben mich viel zu schlecht bezahlt. Also bin ich gegangen. Sie können das Gier nennen. Oder sie nennen es Ehrgeiz."

1938, die Arbeitslosigkeit in den USA betrug immer noch weit über zehn Prozent, gründete Glickenhaus seine eigene Vermögensverwaltung. Zwanzig Jahre später war er mehrfacher Millionär. An der Wall Street ist Glickenhaus eine Legende. Salomon Brothers wurde längst von der Citigroup geschluckt, Glickenhaus and Company ist bis heute unabhängig. Wichtige Anlageentscheidungen trifft der greise Firmengründer noch immer selbst.

Sein Gespür für unterbewertete Aktien hat er sich bewahrt. Früh morgens, lange bevor die Börse eröffnet, kommt er ins Büro und geht meist erst, wenn die Märkte längst geschlossen haben und alle seine Angestellten schon zuhause sind. "Ich liebe mein Unternehmen ganz einfach. Ich habe es immer geliebt. Es bereitet mir mehr Vergnügen, als es der Ruhestand je könnte", sagt er.

Doch bei aller Erfahrung: Was in diesem Herbst geschehen ist, hatte Glickenhaus nicht vorausgesehen. Auch er hat Geld verloren für seine Klienten. Nie hätte er geglaubt, das Ende der mächtigen Investmentbanken zu erleben, den Bankrott von Lehman Brothers und den Notverkauf von Merrill Lynch. Rückblickend erklärt sich Glickenhaus den Zusammenbruch der Wall Street so: "Die Spekulanten haben die wichtigste Frage ignoriert, die sich Investoren stellen müssen: Wie hoch ist das Risiko eines Kursrückgangs? Und sie haben kopflos mit gewaltigen Schuldenhebeln hantiert."

Wie sich die Krisen ähneln. Auch in den 1920er Jahren spekulierten viele Anleger auf Pump. Der Crash stürzte sie in den Ruin. Letztlich sei es der Herdentrieb, glaubt Glickenhaus, der den Händlern zum Verhängnis werde. Immer und immer wieder.

Investoren folgten lieber einem Trend, als sich die Mühe zu machen, selbst zu denken: "Ein Broker fängt an Geld zu verdienen und dann kupfern die anderen seine Strategie ab. Daran haben auch Computerprogramme nichts geändert, wie wir jetzt sehen. Sie sollten es ermöglichen, Risiken besser einzuschätzen. Und was haben sie gebracht? Nichts. Sie gründeten auf der bizarren Annahme, das alles auf ewig steigt." Zwar glaubt Glickenhaus, dass für Aktien der Boden bald erreicht ist. Aber an eine schnelle Erholung der Wirtschaft glaubt er nicht. Drei, vielleicht sogar fünf Jahre werde die Krise dauern.

Dennoch: Zu einer Wiederholung der Großen Depression werde es mit Sicherheit nicht kommen. "Die Situation ist anders, weil die Regierung aus den Fehlern der 1920er und 30er Jahre gelernt hat." Damals gab es einen doktrinären Glauben in die Selbstheilungskraft der Märkte. US-Präsident Herbert Hoover zögerte, ein Konjunkturprogramm aufzulegen und als er sich 1932 endlich zu einem durchgerungen hatte, beschloss er, die Ausgaben mit einer der höchsten Steuererhöhungen der amerikanischen Geschichte zu finanzieren. Ein verhängnisvoller Fehler: Im selben Jahr stieg die Arbeitslosigkeit auf 25 Prozent und zehntausende Amerikaner waren obdachlos.

Hatte Marx doch Recht?

Erst als Franklin Roosevelt Hoover ablöste und den New Deal ausrief, sollte sich die Lage bessern. Doch auch der neue Präsident war anfangs zu zögerlich, urteilen Ökonomen heute. Zugegeben, er ließ Straßen und Schulen bauen und gab zehntausenden Menschen Arbeit. Aber ähnlich wie sein Vorgänger achtete er darauf, die Staatsverschuldung unter Kontrolle zu halten.

Erst mit dem zweiten Weltkrieg kam die Wirtschaft wieder in Gang. Trotz dieser Fehleinschätzung profitieren die USA noch heute von den Institutionen, die mit dem New Deal geschaffen wurden. Die Sozialversicherung stabilisiert die Wirtschaft im Abschwung wenigstens zu einem gewissen Grad und die Einlagensicherung verhindert, dass Sparer in Panik ihre Konten plündern und das Finanzsystem zusammenkracht. Während der Großen Depression gingen Tausende Banken pleite. In der jetzigen Krise traf es bisher nicht einmal zwei Dutzend.

"Die Regierung hat entschlossen gehandelt", lobt Glickenhaus. "Mit der Teilverstaatlichung unserer Banken hat sie das Richtige getan." Und mit Barack Obama habe nun auch der richte Kandidat die Präsidentschaftswahlen gewonnen: "Obama weiß, wie wichtig der Staat in der Krise ist.

Er muss Arbeitslose umschulen und sie die marode Infrastruktur unseres Landes reparieren lassen. Er darf sich nicht fürchten, Schulden anzuhäufen." Glickenhaus bekennt sich als Keynesianer: "In einer Krise wie dieser ist es mir lieber, der Staat macht zu viel als zu wenig. Die Schulden kann er später zurückzahlen." Alles werde Obama aber nicht richten können, auch der Lebensstil der Amerikaner müsse sich ändern: "Wir haben eine 20 Jahre lange Boomphase hinter uns und wir sind weich geworden.

Wir mussten nicht mehr hart arbeiten, um an Geld zu kommen. Wir konnten ja einfach Kredite aufnehmen." Eines ist sei ihm in den letzten Wochen klar geworden, sagt Glickenhaus, als das Gespräch schon fast beendet ist. Er ist aufgestanden und geht in kleinen Schritten zur Tür. Es gäbe da ein auffälliges Muster. Am Anfang schlucken große Unternehmen kleine Unternehmen und am Ende schluckt der Staat sie alle. "Und das bedeutet: Es gibt nur einen Ökonomen, der es verdient, diesen Titel zu tragen. Karl Marx."