Von Willi Winkler

Plötzlich daxte es vor der Tagesschau: Wie wir alle Börsianer werden sollten - und es doch nicht wurden.

Das einst so vertraute Personal der Fußgängerzone - die ganzen Erweckungsprediger, Küchenhilfevorführer, Flugblattverteiler - war schon fast verschwunden, als diese Schwadroneure plötzlich wieder auftauchten. Es war kurz vor der Jahrtausendwende, als es auch sonst allenthalben millenärrisch zuging.

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Als die Party ihren Höhepunkt erreichte, avancierte die "Börse im Ersten" zum Quotenhit. (© Foto: AP)

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Kauft, Leute, kauft, eh es zu spät ist

Diesmal standen sie nicht in der Fußgängerzone herum, sondern wettergeschützt unter irgendwelchen Kuppeln, umflimmert von Dutzenden von Bildschirmen und stakkatierten in einem wahnwitzigen Tempo Sachen wie: Siemensallianzkunststoffaktienautomobilwertejahreswirtschaftsdatenbekanntgabeheute.

Wie bitte? Was diese rhetorischen Hausierer wollten, erschloss sich zwar nicht aus ihren Worten, aber doch aus dem hyperventilierten Gestus, der nur eins meinte: Das Ende ist nahe. Kauft, Leute, kauft, eh es zu spät ist!

Dass die überhaupt noch Luft bekamen bei dem Einsatz! Bald gab es jeden Abend das gleiche Schauspiel: Wenn sich die eigene Welt einigermaßen beruhigt hatte und der normale Staatsbürger sich vor dem Fernseher niederließ, um sich in aller Ruhe an den Katastrophen in der weiten Welt, den diametralen entgegengesetzten Gegensätzen in der Koalition und den auch nicht besser formulierenden Fußballstürmern zu erbauen, predigte da plötzlich vor jeder Tagesschau ein "Börsenguru", prügelte einen ins nichtsahnende Sofa, daxte und indexte und dowte, dass einem die Ohren klirrten.

Fragen wie Warum? Weshalb? Wieso? verbaten sich da, es musste auf Teufel komm raus investiert werden. Aber in was? In alles: Gentechnik, neue Ökonomien, Modelinien, Telefonunternehmen, Kinoketten, egal, Hauptsache Aktien, Hauptsache Geld rein, mein Geld rein.

Am Ende war, glaube ich, jede zweite deutsche Imbissbude an der Börse notiert. Eben noch war Aktienbesitz ein Witz, der sich am besten mit Hilfe von Marilyn Monroe erschloss. In "Manche mögen's heiß" hatte sie dem sehbehinderten Tony Curtis erklärt, wie sexy ihn dieser Defekt mache. (Was für eine frohe Botschaft für uns Brillenträger!) Warum? Weil er doch sicher vom Studieren der winzig klein gedruckten Börsenkurse kurzsichtig geworden sei. Die Börse, klar, machte reich, jedenfalls glaubten das so Dummerchen wie die süße Marilyn.

Und jetzt dieser Dauerappell, der auf einen kategorischen Imperativ hinauslief: Runter vom Sofa, du ahnungsloser Idiot, rein in die Bank oder wenigstens ans Telefon, beraten lassen, sofort, aber gleich! Das bisher so beschauliche Leben des Klein- und Bausparers wurde mit einem Mal panisch.

Da konnte einer so früh aufstehen, wie er wollte, der Nikkei war immer schon wach und stellte seine Forderungen. Zukaufen? Abstoßen! Die Hongkong-Börse quäkte aus den Frühnachrichten und verlangte dringlich: Aufstocken! Bei n-tv mochte den ganzen Tag die gleiche Sprechpuppe ihre Sprechpuppensätze aufsagen, unten lief als Dauerwerbesendung ein Band mit Bruchzahlen und Plus und Minus davor durch.

Im Tollhaus

Gnade, bitte, sie haben mich damals nur durchs Mathematikabitur gelassen, damit sie mich endlich los waren! Aktien entwickelten Phantasie, Kurse trotzten der Schwerkraft und schlugen immer wilder nach oben aus. Tollhaus! Wer sich abends dauerbeschossen ins Bett begab, verbrachte die Nacht schnell in unruhigen Träumen, in denen er mit viel Glück, ohne zu ertrinken, die schwarzfetten Ölseen durchschwamm, die Lukoil in Kirgisien oder Kasachstan zu fördern versprach. Im Hintergrund, fahnenflatternd wie in einem Eisenstein-Film der Tagesbefehl: Her mit der Kohle!

Am Morgen pfiffen die Spatzen ihr eintöniges "Telekom!" von den Dächern, "Volksaktie!" raunte es krugrund aus jedem Fernseher, während andere, Elitisten schon damals, das Gras selbst unterm Beton wachsen hörten und von den märchenhaften Gewinnen wussten, die sich binnen zwei Wochen nach der Infineon-Emission einstreichen ließen. Wenn man es nur bekommen hätte, dieses Zauberpapier!

Aber die Bank war gnadenlos: Nichts da, alles weg, alles bereits reserviert für Frühaufsteher, für die Leute, die auch aus der Schwitzkammer und noch von den Seychellen aus Kontakt zum Analysten hielten, der sie jetzt natürlich mit diesem Geheimtipp versorgt hatte.

Klang das nicht sagenhaft modern: In-fi-ne-on! Das klang wie Vorwärts in die Zukunft und wie unendlich viel Gewinn! Vorbei die Zeiten, als ein Wort wie ,,Glanzstoffaktien'' Angstzustände ausgelöst hatte. 1928 hatte der spätere Kanzler der Bundesrepublik Deutschland in jugendlichem Leichtsinn mit diesen Papieren spekuliert und ein mittleres Vermögen verloren. (Nicht jedem von uns ist es gegeben, als Politiker den Verlust durch Drohungen gegenüber seiner Bank zu refinanzieren, aber schließlich ist ja auch nicht jeder von uns Konrad Adenauer.)

Das Versprechen aufs Glück

Ich gebe zu, dass ich es nicht ohne Schadenfreude sah, wie sich die besten Freunde an der New Economy überfraßen und aus Geldnot ins Feuilleton der FAZ wechseln mussten. Wie angebliche Insider erst Haus und Hof verkauften, um an der Börse dabei zu sein und dann doch wieder bei den Eltern einziehen mussten, weil der Kurs der Aktie sich nicht ganz so phantasievoll wie erwartet entwickelt hatte. Ich wusste Bescheid, ich hatte einen kleinen Wettbewerbsvorteil, denn ich bin schon sehr früh mit einem Wertpapier aufs Schändlichste eingebrochen.

Sie war blond, sie war groß, sie hieß Uschi (wie sonst?), und sie gab es mir schriftlich: dass sie die Meine sei und wir am 18. September (das genaue Jahr ist der Redaktion bekannt) zusammenkämen. Ein schlichtes Blatt kariertes Papier, blassblau beschrieben und mit künstlerischer Unterschrift: Uschi. Mein kostbarstes Wertpapier, wie gesagt, aber nichts wert, denn es wurde nichts mit uns. Uschi hat bestimmt fünf Kinder inzwischen, während mir nur dieses dividendenlose Versprechen auf das große Glück blieb.

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(SZ vom 27.06.2008/jpm/tob)