Bildungsbau Schüler bauen mit

Die bisherigen Konzepte für den Schulbau gelten als überholt. Manche Kommunen lassen darum Lehrer und ihre Klassen mitentscheiden. Das dauert zwar länger, bringt aber bessere Ergebnisse, wie Beispiele zeigen.

Von Simone Gröneweg

Die deutschen Schulen stehen vor einem Kraftakt. Viele Gebäude sind in die Jahre gekommen. Die Berichte über marode Toiletten, kaputte Dächer und stickige Klassenzimmer häufen sich. In der Regel agieren die Kommunen und Städte als Schulträger. Sie ächzen jedoch unter der Last und können das Ganze finanziell kaum stemmen. "Insgesamt haben wir für das Jahr 2016 einen Rückstau alleine für die Schulen in Höhe von 32,8 Milliarden Euro errechnet", sagt Henrik Scheller, Teamleiter Finanzen beim Deutschen Institut für Urbanistik (Difu). Mit 3,5 Milliarden Euro bezuschusst der Bund in den nächsten Jahren kommunale Investitionen zur Sanierung, zum Umbau und zur Erweiterung von Schulgebäuden.

Viel Licht gelangt über eine Glaskuppel in die neue Schule an der Grafinger Straße in München.

(Foto: Angelika Bardehle)

In den nächsten Jahren rollt also eine Sanierungswelle an, unter erschwerten Bedingungen. Die finanziellen Mittel sind knapp. Gleichzeitig haben sich die Anforderungen an die Bauten geändert. Kinder und Jugendliche sollen nicht nur Lernstoff konsumieren, sondern sich auch selbst Wissen erarbeiten. "Dominierte früher der Frontalunterricht, fungieren Pädagogen künftig eher als Lernbegleiter", erklärt die Pädagogin und Schulbauberaterin Andrea Rokuß. Vor fast zehn Jahren verpflichtete Deutschland sich, Schüler mit und ohne Behinderung gemeinsam zu unterrichten. Eine weitere Zäsur im deutschen Bildungssystem stellt die Ganztages-Betreuung dar. Und: Smartboard und Tablet ersetzen allmählich Schulbuch und Tafel. Der Schulalltag verändert sich also gravierend. Verbringen die Kinder und Jugendlichen den ganzen Tag in der Schule, braucht man Räumlichkeiten für das Mittagessen, zum Toben und zum Entspannen - drinnen wie draußen.

"In den Schulen werden künftig nicht nur Lehrer, sondern multiprofessionelle Teams mit Therapeuten, Betreuer und Sozialpädagogen arbeiten", betont Rokuß. "Es wird Einzel- oder Gruppenförderungen geben", ergänzt sie. Man muss sich nur 30 Schüler in einem kleinen Klassenraum mit schlechter Akustik vorstellen, und schnell wird klar: Damit Gruppen- oder Projektarbeit funktioniert, sollten die räumlichen Voraussetzungen stimmen. Steigt der Lärmpegel zu sehr, kann das Miteinander sonst zur Tortur werden.

Das Konzept der aneinander gereihten Klassen funktioniert darum nicht mehr. "Wir benötigen verschiedenartige Raumangebote. Es muss möglich sein, in wechselnden Gruppengrößen zu arbeiten", sagt die Architektin Raphaella Burhenne de Cayres von Gernot Schulz Architektur in Köln. Und da sich die Schwerpunkte der Schulen unterscheiden, stoßen Standardbauten an ihre Grenzen. Liegt eine Schule in einem Problemviertel, muss man das bei der Planung berücksichtigen. Eine Schule, in der viel Musik gemacht wird, legt Wert auf einen größeren Probenraum. Eine andere wünscht sich mehr Platz für den naturwissenschaftlichen Unterricht. Die entscheidende Phase für jeden Schulbau ist darum die Bedarfsermittlung als Planungsvorbereitung - die sogenannte Phase Null. Dort setzt das Konzept der "Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft" an. Die Idee: Pädagogen, Architekten und Verwaltung überlegen gemeinsam, welche Kriterien für den jeweiligen Bau eine besondere Bedeutung haben. "Manchmal sind es Kleinigkeiten, die wichtig sind", berichtet die Schulbauberaterin Burhenne de Cayres.

Liegt eine Schule in einem Problemviertel, muss man das bei der Planung berücksichtigen

Der barrierefreie Neubau der Ernst-Barlach-Schulen der Stiftung Pfennigparade in München-Schwabing.

(Foto: Florian Peljak)

In der Stadt Wuppertal arbeitet man bereits nach diesem Prinzip. "Bevor eine Schule saniert oder neu gebaut wird, kommen alle Beteiligten zusammen", berichtet Thomas Lehn vom Gebäudemanagement der Stadt Wuppertal. Es werde eine Lenkungsgruppe gebildet. Schulleitung, Lehrpersonal, Eltern, Schülerinnen und Schüler sind dort vertreten, ebenso wie die Verwaltung und die Architekten. Ein Pädagoge und ein Architekt begleiten das Gremium beratend. Es geht darum, das bestmögliche Gebäude für die jeweilige Schule zu entwickeln. "Technisch ist heutzutage viel möglich. Die Frage ist nur, was wirklich sinnvoll und bezahlbar ist", sagt Lehn. Die Schule muss genau wissen, was sie benötigt. Darum braucht sie ein pädagogisches Profil. In mehreren Workshops und in der Lenkungsgruppe wird überlegt, welche Anforderungen der Bau erfüllen muss. "Die Beteiligten erstellen quasi einen Katalog mit den wichtigsten Kriterien", erklärt Lehn. Das erleichtert den Architekten später die Arbeit. Sie wissen, welchen Wert die Schule zum Beispiel auf einen großen Spielbereich, Ruhezonen oder Werkräume legt.

Diese aufwendigere Herangehensweise unterscheidet sich von der üblichen Planung. Bisher melden Schulen in der Regel der zuständigen Verwaltung den Bedarf nach neuen Räumen. Die prüft und legt fest, welchen Umfang die Sanierung oder der Neubau hat und beauftragt ein Architektenbüro. Die Architekten kommunizieren zwar mit der Schule, aber nicht so intensiv, wie manche Schulleiter und Lehrer sich das wünschen. Trotzdem wird die neue Arbeitsweise nicht nur mit Begeisterung aufgenommen. So monieren Kritiker die längere Planungszeit.

"Der Prozess verlängert sich um etwa sechs bis neun Monate", räumt Lehn ein. Aber hinterher seien alle Beteiligten deutlich zufriedener. Ein wesentlicher Vorteil des Verfahrens: Die Schulen freunden sich eher mit Kompromissen an, wenn sie am Entscheidungsprozess beteiligt waren. Diese Erfahrung hat man in Wuppertal gemacht, wo bereits sechs Schulprojekte auf die Art und Weise umgesetzt wurden. Das Resümee von Thomas Lehn lautet: "Wir werden künftig jede große Sanierungs- und Neubaumaßnahme mit einer Phase Null planen."